Organspende Es gibt kein Recht sich nicht damit zu beschäftigen

20.01.2020

Pfarrer Rainer Maria Schießler findet es richtig, dass die Widerspruchslösung abgelehnt worden ist. Aber das soll nicht heißen, die Debatte jetzt ruhen zu lassen.

Rainer Maria Schießler
Eine Organspende muss immer freiwillig erfolgen, meint Pfarrer Rainer Maria Schießler. © SMB

Eine richtige Dilemma Situation. Auf der einen Seite sind hier Menschen, die oft schon jahrelang auf ein Spenderorgan warten, mehrmals wöchentlich zur Dialyse gehen müssen oder an eine Herz-Lungen-Maschine angeschlossen sind. Auf der anderen Seite ist auch dort das unveränderbare Grundrecht des Menschen auf die Unversehrtheit seines Körpers, auf die Unversehrtheit des menschlichen Lebens.

Man hat den Abgeordneten in ihren Reden angemerkt, dass sie um die Entscheidung gerungen haben. Sie haben darum gerungen, wie es in Zukunft mehr der so dringend benötigten Organspenden geben kann ohne dabei die unveräußerlichen Rechte der Menschen zu verletzen.

Wann ist ein Mensch tot?

Bei der Widerspruchslösung musste man sich schwierigen Fragen stellen: Ist dann die Würde des menschlichen Körpers noch gewahrt? Die Grundfrage ist wem gehört dieser Körper? Gehört er irgendeiner medizinischen Einrichtung nur, weil der Mensch sich selber nicht mehr richtig artikulieren kann?

Wann ist ein Mensch wirklich tot? Der Mensch muss tot sein, aber er darf nicht ganz tot sein. Wir reden vom Herztod, vom Hirntod. Die Wissenschaft kann da keine klare Linie ziehen.

Angehörige werden überfordert

Es gibt keine einfachen Lösungen für ethische Fragen. Aber es ist nicht unlösbar. Ein Kompromiss ist immer unabdingbar. Das Ergebnis der Abgeordneten war: Der Körper gehört dem einzelnen Menschen und dem, von dem er diesen Körper bekommen hat, dem Schöpfer. Auch wenn die Volksvertreter es nicht so explizit religiös formuliert haben.

Man hat sich letztendlich mehrheitlich gegen einen Organspendemechanismus entschieden und damit auch dagegen, Angehörige in einer extremen Situation zu überfordern, die vielleicht den zu Lebzeiten nicht ausgesprochenen Widerspruch ihres Angehörigen nun auf Nachfrage gesetzlich akzeptieren müssen.

Es ist eine gute, sehr sensible Lösung herausgekommen. Wir werden immer wieder gefragt. Die Frage ist wie kann man einen Menschen ethisch überzeugen? Durch Druck und Drohung, oder mit Begeisterung und Überzeugung? Druck und Drohung sind mit der Widerspruchslösung verschwunden. Diese postmortale Solidarität mit einem Unbekannten ist eine Spende, eine freiwillige Gabe und keine geforderte Abgabe.

Organspende ist keine Bürgerpflicht

Aber, und auch das drückt die Entscheidung der Volksvertreter aus: Es gibt kein Recht, sich mit der Frage nach Bereitschaft zur Organspende nicht zu beschäftigen. Denn dieses Recht hat auch dazu geführt, dass die Spendebereitschaft bei uns so stark gesunken ist. Es ist wichtig, sich immer wieder klarzumachen, dass es keine Bürgerpflicht ist, Organe zu spenden, aber dass es auch kein Bürgerrecht ist, sich dieser Frage gegenüber als ignorant, als unwissend oder uninteressiert hinzustellen. Die betroffenen Patienten, um die geht es hier, sie haben einen Anspruch darauf, dass die Organspende, auf die sie angewiesen sind, ein echtes gesellschaftliches zentrales Thema unter uns ist. Allein die Debatte, die wir jetzt erlebt haben, hat da schon vieles bewegt. Und jetzt gilt es, diese Bewegung am Laufen zu halten, immer im Bewusstsein der Öffentlichkeit köcheln zu lassen. Der Slogan lautet: Wir alle sind nicht nur potentielle Organspender, wir sind auch vielleicht irgendwann einmal mögliche Organempfänger.

Ich wünsche uns allen, dass wir ein bisschen in uns gehen und dann im Geldbeutel nachschauen, ob da schon ein Spenderausweis da ist. (Pfarrer Rainer Maria Schießler)

Pfarrer Rainer Maria Schießler aus München wartet nicht darauf, dass die Menschen zu ihm kommen. Er geht dorthin, wo die Menschen eh schon sind. Zum Beispiel auf das Oktoberfest, wo er jahrelang gekellnert hat. Und deshalb versteht er auch Vieles, was andere Pfarrer gar nicht erst mitbekommen. Er nennt die Dinge beim Namen, auch wenn ihm das schon so manches Mal Ärger eingebracht hat. Aber er will immer nur das eine: seiner Kirche - und damit den Menschen - dienen. Auch in seinem Podcast nimmt er kein Blatt vor den Mund. Er spricht über alles: Grundsätzliches, Spirituelles, aber auch kirchenpolitische Fragen. Den Podcast finden Sie in der Mediathek von mk online oder auf allen bekannten Plattformen.


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