Interview mit Abt Johannes Eckert "Es ist die klassische Dummheit der Männer"

21.04.2019

Im Interview spricht Abt Johannes Eckert über die entscheidende Rolle der Frauen in den österlichen Evangeliumstexten.

Johannes Eckert, Abt der Abtei St. Bonifaz in München und Andechs
Johannes Eckert, Abt der Abtei St. Bonifaz in München und Andechs © SMB

Abt Johannes, im Johannes-Evangelium offenbart sich der auferstandene Jesus zuerst einer Frau. Wie deuten Sie das?

Abt Johannes Eckert: Maria von Magdala hält Jesus zuerst für den Gärtner. Als er sie beim Namen ruft, erkennt sie ihn und nennt ihn "Rabbuni" (Meister). Ihr gibt er auf, den Brüdern zu verkünden, den Herrn gesehen zu haben. Sie trägt die Osterbotschaft weiter. Und noch heute sind viele Frauen in unserer Kirche die Erstverkünderinnen, angefangen bei Müttern oder Omas bis hin zu Gemeinde- und Pastoralreferentinnen, wenn es um Erstkommunion- und Firmvorbereitung geht. Papst Franziskus hat den Gedenktag von Maria von Magdala, der Apostolin der Apostel, zum Festtag erklärt. Aber mir ist das im Blick auf die Frauen zu wenig.

Wie kann Maria Magdalena diese unglaubliche Geschichte sofort begreifen?

Eckert: Maria von Magdala wird in die ursprüngliche Beziehung zu Jesus wieder hineingeführt. So finden sich im Johannes-Evangelium dessen Worte: Ich bin der gute Hirte. Er kennt seine Schafe, sie kennen seine Stimme, er ruft sie mit Namen. Diese Christusbeziehung wird zum Ausgangspunkt für Ostern. Frauen und Männer sind gleichberechtigt berufen. Aber es ist mit Maria von Magdala eine Frau, die zu Petrus und den anderen geht und sagt, sie habe den Herrn gesehen. Jesus sieht also den Menschen und nicht Frau oder Mann, den er ins Auferstehungsgeheimnis einweihen will. Meine Frage daher: Wie gehen wir mit den Diensten in der Kirche um, wen schließen wir aus?

Sehen Sie die Szene nach Ihrer Beschäftigung mit den Frauen bei Markus jetzt anders?

Eckert: Mir sind noch mal stärker die Frauen bei Markus bewusst geworden, die unter dem Kreuz stehen. Sie korrespondieren mit Petrus, Jakobus und Johannes, die unter anderem am Ölberg einschlafen. Die drei und noch andere Frauen, die Jesus schon in Galiläa gefolgt sind, standen unter dem Kreuz. Ihnen begegnen wir an Ostern wieder. Im Markus-Evangelium wird über das Dienen nur positiv im Zusammenhang mit Frauen und Engeln gesprochen. Bei den Männern funktioniert das nicht. Die wollen die besten Plätze haben. Es sollte nachdenklich machen, dass Jesus den Dienst von Frauen annimmt und sie in Dienst nimmt. Und Christsein heißt nun mal Dienen.

Maria Magdalena sollte also die Frohe Botschaft verkünden. Hätten die Frauen für ihre Position in der Kirche daraus nicht mehr machen sollen?

Eckert: Fest steht, dass Jesus einen unkomplizierten Umgang mit Frauen und Männern hatte. Gesellschaftlich galten die Frauen im Römischen Reich als Menschen zweiter Klasse. Die Kirche hat es den Frauen in den letzten zwei Jahrtausenden nicht leicht gemacht; auch wenn es selbstbewusste Frauen wie Teresa von Avila, Hildegard von Bingen oder Äbtissinnen gab. Gott sei Dank hat die Frau heute eine andere Rolle, wenn man etwa an das Frauenwahlrecht denkt. Wir als Kirche müssen uns damit beschäftigen, was es heißt, in persona Christi zu handeln.

Laut Lukas gibt Maria Magdalena die Nachricht mit anderen Frauen weiter. Doch die Apostel halten es für Geschwätz. Beginnt da das Schicksal von Frauen in der Kirche, dass man nicht auf sie hört?

Eckert: Es ist die klassische Dummheit der Männer, dass sie nicht fähig sind, auf Frauen zu hören. Da nehme ich mich selber nicht aus. Gerade das Lukas-Evangelium ist sehr ausgewogen. Es beginnt mit der Verkündigung, wie sich Maria positiv der Botschaft des Engels öffnet, ganz anders als Zacharias, der nicht glaubt. Auch Lukas erwähnt, dass Jesus Frauen in seinem Gefolge hat. Die österliche Szene ist eine Erinnerung an die Männer: Seid nicht so dumm und macht die Frauen lächerlich. Gott ist sehr erfinderisch, wie er seine Botschaften weitergibt, und der Auferstandene als Gottes Sohn auch. Er kennt kein Ansehen der Person und traut es den Frauen zu.

Erst jüngst kam es im Vatikan zum Eklat, als die Schriftleiterin der dortigen Frauenzeitschrift zurücktrat und der Kirche "tiefsitzenden Chauvinismus" vorwarf. Sie forderte, Frauen als Menschen zu sehen, die etwa zu sagen hätten. War da Jesus weiter?

Eckert: Jesus hat ein anderes Menschenbild gehabt. Er hat mit dem Ballast seiner Geschichte gebrochen. In der lange männerbetonten Geschichte der Kirche wird sich nicht gleich alles ändern. Wir dürfen froh sein, dass vieles im Gespräch ist. Ich verstehe aber, dass manche Frauen wütend werden, weil sie Veränderungen noch erleben wollen. Auch der Vorwurf, da werden nur Worte gemacht, aber es folgen keine Taten, ist nachvollziehbar.

Auch die Deutsche Bischofskonferenz will nun Frauen an Leitungsämtern beteiligen. Kann das österliche Evangelium dafür Orientierung bieten?

Eckert: Dieses wie überhaupt alle Evangelien bieten dafür Orientierung, auch die Paulusbriefe. In seinen Gemeinden hatten die Frauen klar Leitungsverantwortung.

Aber heißt es bei ihm nicht "das Weib schweige in der Kirche"?

Eckert: Dieser Satz wurde später eingefügt. Im Galaterbrief heißt es, es gibt weder Juden noch Heiden, noch Mann und Frau. Wir müssen uns am biblischen Befund orientieren, dieser ermöglicht einiges in der Kirche. Ich bin immer wieder begeistert, wie viele Frauen bei uns priesterliche und diakonale Dienste wahrnehmen. Da wäre so viel Potenzial im Sinne der Charismenvielfalt, die auch heute in den Gemeinden vorhanden ist. (Interview: Barbara Just/kna)

Dieser Artikel gehört zum Schwerpunkt Ostern

Das könnte Sie auch interessieren

Auszeichnung Bayerischer Verdienstorden für Abt Johannes Eckert

Ministerpräsident Markus Söder hat 58 Persönlichkeiten mit dem Bayerischen Verdienstorden ausgezeichnet. Unter ihnen der Andechser Abt Johannes Eckert

24.07.2019

Im Urlaub sich Zeit nehmen für ein gutes Buch.
© Jenny Sturm - stock.adobe.com

Urlaubslektüre Diese Bücher haben Geistliche geschrieben

Endlich Urlaub, endlich Zeit um mal wieder in aller Ruhe ein gutes Buch zu lesen! Hier finden Sie drei Lesetipps.

19.07.2019

Claudia Delp von TÜV SÜD und Abt Johannes Eckert diskutieren in der Tram.
© Kiderle

Jubiläum Stiftung Bildungszentrum Gespräch in der Trambahn

Diskussion an einem besonderen Ort: Abt Johannes Eckert und Claudia Delp von TÜV SÜD sprachen in der Trambahn über Mobilität und Heimat.

16.11.2018

Das Benediktinerkloster Sankt Bonifaz liegt in München zwischen Königsplatz und Karlstraße.
© SMB/Schmid

Staatlicher Zuschuss 2,5 Millionen Euro für Sanierung von Sankt Bonifaz

Der Freistaat unterstützt die Sanierung der Münchner Benediktinerabtei Sankt Bonifaz mit rund 2,5 Millionen Euro.

31.10.2018

Abt Johannes Eckert mit seinem neuen Buch.
© Kiderle

Buchveröffentlichung Abt Johannes Eckert über starke Frauen im Markus-Evangelium

Der Abt von Sankt Bonifaz in München und Andechs, Johannes Eckert, beschäftigt sich in seinem neuen Buch "Steht auf!" mit sechs namenlosen Frauen im Markus-Evangelium. Darin stellt er stellt kritische...

21.08.2018

Jetzt neu für Rosenheim: Der mk-online Newsletter

Wir informieren Sie über Aktuelles, Gottesdienste, besondere Veranstaltungen und Neues aus Religion und Gesellschaft.
Jetzt abonnieren