Neue Angebote rund um die Bibel Es muss nicht immer der Gottesdienst sein

17.11.2017

Friedrich Bernack, stellvertretender Direktor der Stiftung Bildungszentrum, erklärt, wie man die Bibel auch außerhalb von liturgischen Feiern mit neuen Augen entdecken kann und was ein Gefängnis mit dem Warten auf Weihnachten zu tun hat.

Friedrich Bernack ist stellvertretender Direktor und Referent für theologische Erwachsenenbildung der Stiftung Bildungszentrum des Erzbistums im Kardinal-Döpfner-Haus. © privat

MK: Die Stiftung Bildungszentrum bietet seit 2015 Ausbildungen zum „Bibelerzähler“ an. Was genau ist die Aufgabe eines Bibelerzählers?
BERNACK: Bibel erzählen heißt: Jemand schlüpft sozusagen in eine Person einer biblischen Geschichte und erzählt dann, was er, beziehungsweise sie, erlebt hat – in eigenen Worten, lebendig, mit Gesten und Mimik untermalt. Die Ausbildung (die nächste startet im März 2018) wendet sich an Menschen, die beruflich oder ehrenamtlich mit der Bibel arbeiten – etwa im Religionsunterricht, Kindergarten, Kindergottesdiensten, aber auch im Seniorenheim, in der Pfarrei. Oder auch ganz privat. Kürzlich haben die Absolventen unseres aktuellsten Kurses in der Jesuitenkirche St. Michael in der Münchner Fußgängerzone eine Bibel-Erzählnacht gestaltet. Da wurden in den Seitenkapellen biblische Geschichten nacherzählt – den Menschen, die zufällig in der Kirche waren oder die durch das Plakat draußen neugierig geworden waren. Eine schöne Erfahrung dabei war, dass einige eher unsicher mal hereingeschaut haben und dann über mehrere „Stationen“ hinweg geblieben sind.

 

MK: Besteht dabei nicht die Gefahr, dass die biblischen Texte zu stark interpretiert oder verfremdet werden?
BERNACK: Bibelerzählen ist kein Ersatz für Bibelarbeit, für das genaue Lesen und Verstehenwollen eines Textes. Es ist ein Einstieg, es will neugierig machen, will zeigen, dass diese Geschichten viel aktueller und lebensnäher sind als viele sich vorstellen können. Und Bibelerzählen vereinfacht den Zugang zur Bibel, weil es eine leicht verständliche, alltägliche Sprache verwendet. So wird den Zuhörern die Scheu genommen, sich diesen scheinbar komplizierten und „heiligen“ Texten zu nähern.

 

MK: Die Bibel, nicht nur in neuen Worten, sondern auch an neuem Ort, will Ihre neue Reihe „Bibel ganz anders …“ inszenieren. Welcher Gedanke steckt dahinter?
BERNACK: Die Idee war hier ähnlich: die Bibel aus ihrem vertrauten „heiligen“ Rahmen herauszuholen, mitten ins Leben. Die meisten Menschen begegnen der Bibel ja nur im Gottesdienst, in den Lesungen – und hier werden immer nur ein paar Verse aus einem komplexen Text herausgepickt. Wir wollen an besondere Orte gehen, längere, auch eher unbekannte Texte der Bibel vortragen, und das in einer besonderen Übersetzung oder besonderen Form. Oder durch „besondere“, zum Teil prominente Personen.

 

MK: Welche Orte und Personen haben Sie sich dafür zum Beispiel ausgesucht?
BERNACK: Gleich den Auftakt der Reihe macht eine Bibellesung in einem Gefängnis. Hier werden Texte über das Warten, über Sehnsucht auf Erlösung gelesen – als Einstimmung in den Advent, die Zeit des Wartens, was in diesem Rahmen wohl eine ganz neue Erfahrung sein wird. Weihbischof Bernhard Haßlberger, der über Propheten seine Doktorarbeit geschrieben hat, wird sozialkritische und damit sehr aktuelle Prophetentexte lesen. Und ein Religionslehrer für Gehörlose wird Psalmen in Gebärdensprache vortragen.

Interview: Karin Basso-Ricci

In ihrer neuen Reihe „Bibel ganz anders“ präsentiert die Stiftung Bildungszentrum unbekanntere Texte der Bibel, vorgetragen von besonderen Personen, an besonderem Ort. Unter anderem geht es in die Sternwarte, ins Museum, in eine Weinstube und in den Schlosspark. Die ersten Termine sind, jeweils dienstags: 28. November, 17.30 Uhr: Justizvollzugsanstalt Erding (Münchener Straße 29). 30. Januar, 19 Uhr: Überraschend aktuelle Gesetzestexte mit Freisings Oberbürgermeister Tobias Eschenbacher (Freisinger Mitte), Rathaus (Marienplatz 1). 27. Februar, 19 Uhr: Prophetenreden mit Weihbischof Bernhard Haßlberger, der Ort wird noch bekannt gegeben. Weiteres und Anmeldung unter: www.bildungszentrum-freising.de

Die Autorin
Karin Basso-Ricci
Münchner Kirchenzeitung
k.basso-ricci@st-michaelsbund.de

Dieser Artikel gehört zum Schwerpunkt Monat der Spiritualität und zum Thema Monat der Spiritualität

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