Mit Céline durch den Advent "Es war selm in Nazareth hint"

23.12.2018

Michaelsbund-Volontärin Céline Kuklik stammt aus dem Saarland. Hier schildert sie, wie sie zum ersten Mal die Adventszeit in München erlebt. Céline hört im vierten Teil die "Heilige Nacht" von Ludwig Thoma.

„Ave-Maria“ zur Einstimmung auf die „Heilige Nacht"
„Ave-Maria“ zur Einstimmung auf die „Heilige Nacht" © Kiderle

Der Schnee am Straßenrand glitzert im Scheinwerferlicht meines Autos. Als ich am späten Nachmittag auf dem Weg zur Pfarrkirche St. Leodegar in Egenhofen (Dekanat Fürstenfeldbruck) bin, ist es bereits dunkel. Minus drei Grad zeigt das Thermometer an, die warme Heizungsluft weht meine Haare aus dem Gesicht. Ich summe die Weihnachtslieder im Radio mit, die in mir die für den Abend nötige weihnachtliche Stimmung auslösen: Zum ersten Mal werde ich eine Lesung der „Heiligen Nacht“ von Ludwig Thoma hören. Bei St. Leodegar angekommen, gehe ich vorsichtig die schneebedeckte Treppe hinauf und über den rutschigen Weg zur Kirche, vorbei an Gräbern mit roten, flackernden Lichtern. Ich betrete die Kirche; bis auf gedimmte Lampen im Altarraum und unter der Empore wird der spätgotische Bau nur von Kerzen beleuchtet. Die goldverzierten Bilder über die Passion Christi sowie die Statuen von Maria mit dem Jesuskind auf dem Arm wirken im warmen Kerzenschein beinahe lebendig. Bis auf wenige Plätze sind alle Bänke gefüllt.

Bairisch versus Rheinfränkisch

Pfarrer Josef Heiß begrüßt die Besucherinnen und Besucher und setzt sich im Altarraum ans Klavier. Doch zunächst stimmt der elfköpfige Chor unter der Leitung von Bernhard Koller a cappella ein „Ave-Maria“ an. Einer der Sänger ist Markus Eham, Professor für Liturgik, Musik und Stimmbildung an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt. Er setzt sich an einen Tisch, der in der Apsis aufgebaut ist. Ich bin gespannt, ob sich meine vorherigen Bedenken, nur wenig von dem bairischen Dialekt zu verstehen, bestätigen. Daran, dass es hier „Kerzerl“ und „Engerl“ heißt, haben sich meine saarländischen Ohren bereits gewöhnt. Eham beginnt zu lesen: „Es war selm in Nazareth hint. A Mo, der si Joseph hat gnennt ...“ Ich muss mich wegen des Dialekts tatsächlich stark konzentrieren. „Ob die mich hier vastehn dääde, wenn ich mei beschdes Saarlännisch, genauer gesaat Rheinfränkisch, auspacke würd?“, überlege ich scherzhaft.

Begeisterte Zuhörerinnen und Zuhörer

Der Chor tritt immer wieder zusammen und singt Lieder von Markus Ehams Onkel, dem bekannten Komponisten und Domkapellmeister Max Eham. Sie enthalten ebenfalls Dialekt. Der Gesang der Gruppe erfüllt die gesamte Kirche und sorgt für Gänsehaut bei mir. Als ich mich umsehe, stelle ich fest, dass einige Besucher sogar zu Tränen gerührt sind. „Ich lese die ,Heilige Nacht‘ sehr gerne. Und die Musik meines Onkels berührt mich persönlich natürlich sehr. Was ich daran besonders schätze, ist die Spannung zwischen der Musik, die vom Volkstümlichen weggeht, und dem dialektalen Text“, erzählt mir Markus Eham nach der etwa 90-minütigen Veranstaltung. Der Liturgiewissenschaftler präsentiert „pro Saison“ ein bis zwei Mal zusammen mit diesem Chor Ludwig Thomas Versepos von 1917, und das seit über 20 Jahren. „Wenn ich nächstes Jahr noch einmal zu einer ,Heiligen Nacht‘ gehe, möchte ich mehr davon verstehen“ – besser Bairisch verstehen, soll also einer meiner Vorsätze fürs neue Jahr sein, beschließe ich, als ich in mein Auto mit dem Kennzeichen aus der alten Heimat steige und in der Dunkelheit zurück in meine neue Heimat, München, fahre. (Céline Kuklik)


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