Das Anti-Diät-Konzept Essen darf nicht das Leben bestimmen

18.05.2017

Fünf Kilo in zwei Wochen – solche Überschriften lesen wir derzeit wieder in vielen Zeitschriften. Zwischen all den Diät-Tipps sticht das Angebot der Caritas im Erzbistum München und Freising heraus. Diese stellt nämlich das Anti-Diät-Konzept vor.

Beim Anti-Diät-Konzept gibt es keine Einteilung in erlaubte und verbotene Nahrungsmittel: Alles darf gegessen werden.
Beim Anti-Diät-Konzept gibt es keine Einteilung in erlaubte und verbotene Nahrungsmittel: Alles darf gegessen werden. © fotolia/Maksymiv Iurii

München – Die meisten von uns, die den Begriff „Diät“ hören, denken an Abnehmen, Verzicht und Entbehrungen. Doch genau das bedeutet Diät eigentlich nicht. Cornelia Schlehlein von der Fachambulanz für Essstörungen der Caritas München und Freising erklärt im Interview, dass der Begriff aus dem Griechischen kommt und Lebensweise/Lebenshaltung bedeutet. Es geht also gerade nichts ums Abnehmen, sondern darum sich zu fragen „Wie lebe ich? Worauf achte ich?“. Genau dafür steht das Anti-Diät-Konzept.

In erster Linie geht es darum, sich nicht auf Diäten einzulassen, so Schlehlein. Es gehe darum, auf sich selbst zu hören und sich keine Vorschriften machen zu lassen, was man essen soll und was nicht. Denn das würde bedeuten, dass man sich mehr an anderen orientiert als an dem, was man selbst braucht. Um zu wissen, was der eigene Körper braucht, müsse man sich gut kennen. Das gelte es herauszufinden. Denn wenn für den einen Ananas genau das Richtige ist, muss das für andere nicht auch zutreffen, so Schlehlein.

Diäten können gefährlich sein

Wenn wir unser Essen durch Diäten aber in erlaubte und verbotene Nahrungsmittel unterteilen und nicht mehr auf unsere eigenen persönlichen Bedürfnisse achten, kann ein Teufelskreis aus „Diäten– Essattacken–Hungern und Selbstabwertung“ das Leben bestimmen. So war es auch bei Melina*. Die 34-Jährige leidet seit vielen Jahren an Bulimie und hat schon viele Therapien gemacht. Bulimie ist eine Ess-Brech-Sucht. Die Betroffenen leiden unter immer wiederkehrenden Heißhungerattacken, in denen sie unkontrolliert Essen in sich hineinstopfen. Weil sie Angst haben zuzunehmen, erbrechen sie die danach. In ihren Hochphasen hat Melina sich bis zu zehn Mal am Tag erbrochen. Niemand hat davon etwas mitbekommen, erzählt sie.

Ess-Attacken dauern Stunden

Bei der Fachambulanz für Essstörungen macht sie eine Therapie und hat seit neun Wochen keine Essattacke mehr gehabt. Zuvor drehte sich ihr ganzes Leben nur ums Essen. Mit dem Aufstehen war das Thema „Essen“ immer präsent. Oft hat sie gar nichts gegessen – kein Frühstück, kein Mittagessen. Vielleicht mal einen Apfel. Die Folge: „Man hat Hunger. Man hat Gelüste“, beschreibt sie. Es ist nicht mehr möglich, sich zu konzentrieren, die Sucht raubt einem jegliche Energie. Trotzdem hat sich Melina nicht erlaubt, einfach was zu essen. Und wenn doch, durfte sie in ihrer Vorstellung nicht alles zu sich nehmen. Im Kopf hatte sie Einteilung in erlaubte und verbotene Nahrungsmittel. Pizza, Chips, Toast, Schokolade, letztlich alle Kohlenhydrate waren demnach verboten. All das hat sie sich nur während ihrer Essattacken gegönnt – dann im Überfluss. Dazu hat sie Unmengen eingekauft, viel Geld ausgegeben und sich dann zurückgezogen, um zu essen. Das konnte mehrere Stunden dauern. Darunter litt auch ihr Sozialleben. So hat sie öfter Verabredungen abgesagt, denn dann hatte sie keine Lust und Zeit mehr für etwas anderes.

Lernen, sich selbst anzunehmen

Melina hat sich nur noch mit ihrem Körper und Abnehmen beschäftigt. Sobald die Waage weniger anzeigte, war das für sie die Bestätigung, dass sie auf dem richtigen Weg ist. „Denn erst wenn ich abnehme, bin ich besser – bin ich etwas wert“, beschreibt Melina ihre damaligen Gedanken. In der Gegenwart war sie, aus ihrer Sicht, also wertlos. Die Therapie zu dem auch das Modul „Das Anti-Diät-Konzept" gehört, hat ihr geholfen, den Schalter im Kopf umzulegen. Sie hat gelernt, sich so anzunehmen, wie sie ist und konnte den Drang ablegen, sich ständig verändern zu müssen. „So wie du jetzt bist, bist du perfekt“ – das musste sie erst lernen zu verinnerlichen. Letztlich fasst Schlehlein das Konzept zusammen, gehe es darum achtsamer mit sich umzugehen. Sich zu fragen: Was ist gerade los mit mir? Habe ich wirklich Hunger? Denn Essen ist nur Essen und im Leben geht es nicht nur darum, erklärt Schlehlein. Eigene Bedürfnisse und Fähigkeiten müssen erkannt und umgesetzt werden. Der eigene Selbstwert soll erkannt werden.

Gewinn an Lebensqualität

Als gesund würde sich Melina heute trotzdem noch nicht bezeichnen – auch wenn sie seit neun Wochen keine Essattacken mehr hatte. Sie fühlt sich wohl und hat enorm an Lebensqualität gewonnen, sagt sie. Denn es sei ein großer Unterschied, nicht mehr den ganzen Tag ans Essen zu denken und das Essen auch zu genießen.

Das Anti-Diät-Konzept ist nicht nur an Menschen mit Essstörungen gerichtet. Auch Menschen mit normalem Essverhalten können von dem Ansatz achtsamer zu essen profitieren. Die Fachambulanz für Essstörungen bietet regelmäßig Informationsabende an und steht auch für Beratungsgespräche zur Verfügung. (kas)

*Name von der Redaktion geändert

Die Autorin
Katharina Sichla
Online-Redaktion
k.sichla@st-michaelsbund.de


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