Führungswechsel Ethikrats-Vorsitzender Dabrock zieht zum Amtszeitende Bilanz

15.04.2020

Peter Dabrock war vier Jahre Vorsitzender des Deutschen Ethikrats. Im Interview zieht er Bilanz.

Peter Dabrock
Der evangelische Theologe Peter Dabrock war acht Jahre lang Mitglied des Ethikrats. © imago images / Reiner Zensen

Herr Dabrock, Sie haben sich in nie dagewesenen Zeiten leise vom Ethikrat verabschiedet. Ihre letzte Stellungnahme betraf die Corona-Pandemie. Wie blicken Sie auf die vergangenen Wochen? 

Peter Dabrock: Abschiede gehören gestaltet und auch für das Ende der Ethikratsamtszeit waren einige geplant. Dass das abgebrochen wurde, ist bedauerlich. Getröstet hat mich, dass viele augenblicklich solche Erfahrungen machen. Und wenn man sich die Verluste anderer vor Augen führt, sind es kleine Sorgen. Dankbar bin ich, dass wir binnen vier Tagen unsere Corona-Stellungnahme verfasst haben, für mich grenzt das an ein kleines Pfingstwunder. Und ich werde mich als Ethiker und öffentlicher Theologe weiter in die öffentliche Debatte einbringen.

Frankreich und Italien haben den "Lockdown" verlängert. Die Nationalakademie Leopoldina empfiehlt eine schrittweise Rückkehr zur Normalität. Was sollte Deutschland tun?

Dabrock: Es ist nie zu früh, über Kriterien zur Lockerung nachzudenken. Zum gegenwärtigen Zeitpunkt würde ich aber sagen, dass weiter Priorität hat, die Ausbreitung der Infektion zu verlangsamen, um die Behandlungskapazitäten nicht zu überstrapazieren. Auch die Forschung und der Aufbau von Tests und Schutzausrüstung brauchen Zeit. Zugleich müssen soziale Folgen berücksichtigt werden. Wenn das gut läuft, halte ich den Maifeiertag für ein Datum, über weitere Lockerungen nachzudenken. Spätestens dann sollte etwa für Schulen eine Entscheidung fallen, vorausgesetzt sie sind vorbereitet auf eine Öffnung.

Sie kritisieren an der Leopoldina-Stellungnahme, dass Kitas bis Sommer geschlossen bleiben sollen.

Dabrock: Meines Erachtens kann man das nicht so pauschal fordern. Das scheint mir in der Gesamtdebatte nicht verhältnismäßig und übersieht die grundlegenden Rechte von Kindern.

Eine Kernfrage der Pandemie ist die Triage, also die Entscheidung, welche Patienten weiterbehandelt werden, wenn nicht genügend Beatmungsgeräte vorhanden sind. Der Ethikrat hat hier für den "Gleichheitsgrundsatz im Sinne der Menschenwürde" geworben. Was heißt das?

Dabrock: Es gibt Situationen, in denen man - egal wie man sich entscheidet - nicht umhinkommt, Schuld auf sich zu laden, auch wenn man sich an Recht und Gesetz halten möchte und alle Fachempfehlungen berücksichtigt und vor Ort in Teams diskutiert. Dabei geht es nicht nur um die Frage, wer das letzte Beatmungsgerät erhält, sondern auch, ob ich einem beatmeten Patienten das Gerät wegnehme, um einen anderen mit besserer Prognose zu versorgen.

Sie haben sich bei der Masern-Impfung gegen eine Impfpflicht ausgesprochen. Wenn ein zugelassener Covid-19-Impfstoff auf dem Markt ist, sollte es dann hierfür eine Impfpflicht geben?

Dabrock: Bei den Masern spielte eine Rolle, dass der Gruppenschutz, oft als Herdenimmunität bezeichnet, in Deutschland nur ganz knapp verfehlt wird, Impfen als Eingriff stets gerechtfertigt werden muss und die Sorge bestand, die Pflicht schrecke eher ab. Bei Covid-19 glaube ich, dass jeder sich impfen lassen will, sofern nicht gravierende Nebenwirkungen bekannt sind. Daher halte ich das für eine theoretische Frage. Falls nicht, sehe ich angesichts der enormen gesundheitlichen Folgen der Corona-Pandemie für die Volksgesundheit eine sehr, sehr hohe moralische Verpflichtung sich impfen zu lassen. Das Nicht-Impfen ist ein hohes Risiko für andere und sollte dann auch rechtlich sanktionierbar sein.

Die Themen des Ethikrats reichen von Suizidbeihilfe, über Datenschutz bis hin zur Pränataldiagnostik. Lässt sich dabei immer in teils kurzer Zeit für alle 26 Mitglieder ein akzeptables Ergebnis finden?

Dabrock: Sie können mir glauben, es wird heftig debattiert. Ethische Beschäftigung mit einem Thema ist aber immer der Versuch, einen Komplex möglichst umfassend zu beleuchten. Da gibt es stets Verbesserungsbedarf. Was mich aber in der letzten Ratsperiode beeindruckt hat, war, dass alle Mitglieder, die ja alle ehrenamtlich dabei sind, immer die Konsenssuche über das Durchdrücken eigener Interessen gestellt haben.

Wollen Politik und Gesellschaft nicht häufig eindeutige Antworten, während Ethik nur abwägen kann?

Dabrock: Als Ethiker finde ich es durchaus befriedigend, dass ich anders als der Politiker in gewisser Weise Erwartungen enttäuschen und vielleicht genau dadurch zum Wohlergehen der Allgemeinheit beitragen darf. Zu Beginn meiner Amtszeit hatte ich den Dreiklang ausgeben "Pluralität achten, Nachdenklichkeit erzeugen, Orientierung anbieten", daran habe ich versucht mich zu halten.

Hatten Sie nicht die Sorgen, dass Sie überhört werden?

Dabrock: Der Einfluss des Ethikrates ergibt sich aus einem Strauß sich wechselseitig ergänzender Initiativen: Stellungnahmen, öffentliche Veranstaltungen zu innovativen Fragestellungen und der internationale Austausch mit anderen Ethikerräten. Mit Blick auf gesetzliche Grundlage und Ausstattung ist der Deutsche Ethikrat weltweit einmalig aufgestellt. Das sichert dem Rat eine Unabhängigkeit, die ein Großteil der Politiker schätzt - parteiübergreifend.

Vor der letzten konstituierenden Sitzung 2016 wurde kritisiert, dass zu viele Mediziner und Juristen unter den 26 Mitgliedern seien. Sollte die Zusammensetzung im kommenden Rat anders sein?

Dabrock: Wenn der Ethikrat sich entscheidet, dass er ein Thema bearbeitet, für das er nicht genug Expertise aufbringt, kann er ad-hoc weitere Experten hinzurufen. Das haben wir etwa bei unserer Stellungnahme zu Big-Data und Gesundheit getan. Diese Joker-Karte kann man immer ziehen. Natürlich beeinflussen die Mitglieder die Themenauswahl, aber das Spektrum war in den letzten Jahren meiner Meinung nach sehr breit.

Die nächste konstituierende Sitzung ist verschoben, die neuen Mitglieder noch nicht berufen. Wie geht es nun weiter?

Dabrock: Man weiß ja in diesen Corona-Tagen nie genau, was geschieht. Geplant ist, dass in der nächsten Sitzungswoche der Bundestag seine Mitglieder benennt und der Bundestagspräsident diese und die von der Bundesregierung benannten Mitglieder umgehend beruft. Dann soll es möglichst schnell eine konstituierende Sitzung geben. Ähnlich wie bei meinem Amtsende wird aber vermutlich auch der Amtsbeginn meiner Nachfolgerin oder meines Nachfolgers in eine Ausnahmesituation fallen.

Sie waren acht Jahre Mitglied im Ethikrat, vier Jahre Vorsitzender. Was war Ihre größte Herausforderung?

Dabrock: Ich habe es als spannende Herausforderung empfunden, diese Gruppe unterschiedlicher Menschen moderieren zu dürfen, damit wir möglichst produktiv zur Gestaltung des Gemeinwohls beitragen. Das hat wahnsinnig Spaß gemacht und das werde ich natürlich vermissen. Mit dieser Erfahrung im Rücken freue ich mich auf Neues. (kna)

Dieser Artikel gehört zum Schwerpunkt Corona - Pandemie

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