Klimawandel "Eure verdammte Pflicht und Schuldigkeit"

14.09.2019

Das ökumenische Netzwerk Churches for Future überreichte den Kirchenoberen Forderungen gegen den Klimawandel. Denn das jetzige Verhalten gegenüber der Erde gleiche einem „kollektiven Suizid“.

Die jungen Klimaaktivisten mit Direktor Achim Budde im Garten der katholischen Akademie
Die jungen Klimaaktivisten mit Direktor Achim Budde im Garten der katholischen Akademie © Kiderle

München – Ganz entspannt sitzt eine kleine Gruppe von Schülern im Garten der katholischen Akademie in München. Gerade waren sie noch wie jeden Freitag auf der Leopoldstraße demonstrieren und jetzt wird sich erst mal gestärkt. Das Essen ist natürlich vegetarisch. Denn Fleisch hat in der Produktion einen zu hohen CO2-Ausstoß. Gleich werden Pia und ihre Streikkollegen auf der Bühne der Akademie der katholischen Kirche einen Forderungskatalog übergeben. Kein Ort um laut zu sein wie auf einer Demo, aber ein Ort um deutlich zu werden. Andere 13-Jährige wären nervös, aber die Münchnerin ist entspannt. Nicht weil sie nicht auf die Bühne muss – das übernimmt Kollege Michael –, sondern weil sie genau weiß worüber geredet wird.

Das ökumenische Netzwerk Churches for Future hat zusammen mit Aktivisten von Fridays for Future (FFF), zu denen auch Pia und Michael zählen, Forderungen an die Kirchen formuliert. Mitarbeiter sollen nicht mehr im Inland fliegen, sondern die Bahn benutzen, Gebäude sollen gedämmt werden und klimaneutral sein, es soll alle zwei Monate Umweltgottesdienste geben, zu den großen Demos alle zwei Monate sollen die Glocken geläutet werden und die Kirche soll öffentlich die Forderungen von FFF unterstützen. Zur Begründung zitierten die Aktivisten die drastischen Worte des Klimaforscher Hans Joachim Schellnhuber, dass unser aller Verhalten einem „kollektiven Suizid“ gleichkäme.

Die katholische Akademie in München richtete die Übergabe des Forderungskatalog an den Bamberger Erzbischof Ludwig Schick, der als zuständiger Bischof für die Weltkirche auch den Klimawandel auf der Agenda hat, aus und lud auch noch gleich ein paar Experten ein. Philosophin Christina Heybl und Professor Ottmar Edenhofer vom Potsdamer Institut für Klimafolgenforschung hielten Vorträge. Bei der Podiumsdiskussion waren auch Vertreter von FFF und Parents for Future (PFF) sowie der Umweltreferent der Erzdiözese, Mattias Kiefer, und die Diözesanvorsitzenden Stephanie von Luttitz vom Bund der Deutschen Katholischen Jugend, der Teil von Churches for Future ist, dabei.

Sympathie für die Aktivisten

Bei der Begrüßung durch Akademiedirektor Achim Budde kommt unverhohlene Sympathie durch: „Sie, liebe junge Leute, haben erreicht, dass niemand mehr den Klimawandel als Kinderkram abtun kann.“ Denn schließlich hätten die streikenden Schüler es geschafft, konkrete Thesen zu formulieren und sie auch wissenschaftlich zu begründen. Auch Edenhofer schlägt bei seinem Grundlagenvortrag in die gleiche Kerbe. Fügt allerdings noch unter großem Applaus hinzu, dass die Aktivisten es im Gegensatz zu so manchen Politkern geschafft hätten, ihre Forderungen auch wissenschaftlich zu begründen. Mit sehr anschaulichen Bildern zeigte Edenhofer wie der Klimawandel funktioniert: „Stellen Sie sich eine Badewanne vor, die einen Zulauf hat, aber keinen Ablauf.“ Des Weiteren übte er scharfe Kritik an der deutschen Politik, die sich nur vordergründig gegen den Klimawandel engagiere. Diese Erde, erklärte er, sei uns, wie Papst Franziskus in seiner Enzyklika „Laudato Si“ gesagt habe, nur treuhänderisch übergeben worden. Wir dürften nicht aus scheinbaren ökonomischen oder politischen Zwängen handeln, sondern müssten die ethische Einsicht gewinnen, dass wir unser Verhalten ändern müssten. Eine CO2-Steuer sei unumgänglich, erklärte der Ökonom und Klimaforscher und forderte an die Politik deren Umsetzung: „Es ist eure verdammte Pflicht und Schuldigkeit."

Bei der Podiumsdiskussion nahm Direktor Budde gleich Erzbischof Ludwig Schick in die Pflicht. Der reagierte äußerst positiv auf die Forderungen. Viele seien zudem schon zumindest zum Teil umgesetzt. Inlandsflüge seien krasse Ausnahmen und in seiner Diözese gäbe es einen eigenen Fonds für klimagerechte Sanierungen und Neubauten. Auch Handreichungen zur Nachhaltigkeit gäbe es schon wie die Broschüre „Einfach Verleben – Leitlinien zur Nachhaltigkeit“ vom Bamberger Diözesanrat. Für Autofahrten unter 50 Kilometern würden nur noch Elektroautos genutzt. Außerdem äußerte er die Idee, das Angelus-Läuten, also beim 12-Uhr-Läuten, ein Gebet miteinzuschließen, von jetzt an auch im Sinne der Klimaaktivisten stattfinden zu lassen.

Von links nach rechts: Ottmar Edenhofer, Christina Heybl, Erzbischof Ludwig Schick und Akademiedirektor Achim Budde
Von links nach rechts: Ottmar Edenhofer, Christina Heybl, Erzbischof Ludwig Schick und Akademiedirektor Achim Budde © Kiderle

Spannende Diskussionen

Budde, der die Diskussion moderierte, fragt den passionierten Läufer Schick, wie weit wir denn bei dem Marathon zur klimaneutralen Kirche seien. Woraufhin dieser klar antwortet: „Nicht weit genug und nicht so weit, wie wir sein könnten.“ Edenhofer greift sofort das Bild auf: „Wir sind aber kein fitter Marathonläufer, sondern schwer übergewichtig. Um uns auf den Marathon vorzubereiten, schauen wir uns ein Rennen mit Chips und Bier im Fernsehen an. Wir haben noch nicht mal angefangen. Wir setzen uns immer ehrgeizigere Ziele, aber wir fangen gar nicht an. Das stinkt mir. Wir hocken auf dem Sofa und streiten darum, ob die Chips nicht ein wenig weniger fett sein könnten.“

Unterstützung erhalten die Schüler von FFF auch vom BDKJ. Diözesanvorsitzende von Luttitz sieht eben genau die Kirchen in der Pflicht. Schöpfungsbewahrung sei schon länger ganz oben auf der Agenda der Jugendverbände. Gleichzeitig könne man noch viel machen. Und das Glockenläuten sei ein guter Anfang. Auch in früheren Zeiten hätten die Kirchenglocken geläutet, um die Menschen zu warnen. Warum nicht also auch jetzt?

Schöpfungsbewahrung ist im Interesse Christi

Draußen auf der Wiese bringt Pia es auf den Punkt: „Die katholische Kirche ist die größte Organisation der Welt. Sie haben über eine Milliarde Mitglieder und viel Grundbesitz und es ist in ihrem eigenen Interesse, die Schöpfung zu bewahren. Sie könnte wirklich was bewegen.“ Eine Perspektive die Erzbischof Schick wohl teilen würden: „Wer die Schöpfung zum Teufel gehen lässt, hat sich vom guten Gott abgekoppelt.“

Der Autor
Thomas Stöppler
Volontär
t.stoeppler@st-michaelsbund.de


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