Kommentar Europa – ein bleibendes Friedensprojekt

14.05.2019

Trotz zahlreicher Probleme ist das "Friedensprojekt Europa" noch nicht Geschichte, betont Pfarrer Matthias Leineweber von der katholischen Bewegung Sant'Egidio. Wie diese "Erfolgsgeschichte" fortgesetzt werden kann, erklärt er in seinem Gastbeitrag.

Zahlreiche Herausforderungen warten auf Europa, viele globale Probleme müssen gelöst werden.
"Zahlreiche Herausforderungen warten auf Europa, viele globale Probleme müssen gelöst werden." © Jonathan Stutz - stock.adobe.com

In ihren Flugblättern setzten sich die Mitglieder der Weißen Rose während der Nazidiktatur auf der Grundlage ihrer christlichen Überzeugungen für ein neues Europa ein und forderten unter anderem das Recht eines jeden Volkes auf die Güter der Erde, die Freiheit von Rede und Bekenntnis und den Schutz des Einzelnen vor verbrecherischer Willkür. In Zeiten unvorstellbarer Grausamkeit, die von Europa ausging und furchtbare Auswirkungen auf die ganze Welt hatte, erkannten Europäer aus verschiedenen Völkern die Notwendigkeit, ein neues europäisches Projekt zu entwerfen, ein Friedensprojekt. Ausgangspunkt war für viele von ihnen der religiöse und insbesondere der christliche Glaube, wie für Schuman, De Gasperi und Adenauer, um nur einige zu nennen.

Über 60 Jahre nach der Unterzeichnung der „Römischen Verträge“, die den Anfang dieses europäischen Projektes auch vertraglich markierten, stellt sich die Frage nach der Aktualität dieses Vorhabens vielleicht in noch dringlicherer Weise. Die Gründergeneration und vor allem die Zeitzeugen, die das Grauen des Zweiten Weltkriegs mit dem Zivilisationsbruch der Shoah erlebt haben, sind mittlerweile fast ausnahmslos nicht mehr unter uns. Bei seinem Besuch im Europaparlament im November 2014 sprach Papst Franziskus von einem „etwas gealterten und erdrückten Europa“. Hat dieses Projekt in der globalen Welt an Bedeutung und Einfluss verloren, so könnte man fast 75 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs fragen?

Papst Franziskus und Andrea Riccardi, der Gründer von Sant'Egidio, im Jahr 2017.
Papst Franziskus und Andrea Riccardi, der Gründer von Sant'Egidio, im Jahr 2017. © imago images/Independent Photo Agency

Zerfall der Gesellschaften

Andrea Riccardi, der Gründer der Gemeinschaft Sant’Egidio, warnt davor, dass sich Europa aus der Geschichte zurückzieht. Als er vor zehn Jahren im Mai 2009 den Aachener Karlspreis verliehen bekam, der auch eine Anerkennung des Wirkens von Sant’Egidio für ein offenes Europa darstellte, sprach er davon, dass die Einheit Europas nach der Katastrophe von 1945 als „Ananke“ verstanden wurde, als eine Notwendigkeit. Nach der historischen Wende von 1989, als vom Ende der Geschichte als Ende der Auseinandersetzungen gesprochen wurde, erwarteten viele den Anfang einer Friedensepoche. Doch die Globalisierung hat zwar eine weltweite Vernetzung von Wirtschaft, Technik und Kommunikation hervorgebracht, aber die Menschen und Völker nicht zusammengeführt. Im Gegenteil, wir erleben eine gefährliche Tendenz der Zersplitterung und des Zerfalls von Gesellschaften und Bündnissen, die mit Populismus bis hin zu Rassismus verbunden ist.

Flucht in die Heimat

Riccardi spricht davon, dass die Menschen sich in der Globalisierung verloren fühlen, denn sie scheint undurchschaubar und vergrößert zahlreiche Ängste, sodass sich die Menschen in ihre Heimat flüchten. Doch in dieser Zeit wird unsere Heimat ohne Europa keinen Bestand haben. In der globalen Welt werden sich die kleinen Boote der einzelnen europäischen Länder gegenüber den riesigen Tankschiffen der Großmächte verlieren. Europa bleibt eine Ananke, wenn es nicht Gefahr laufen will, unterzugehen und damit seine grundlegenden Werte wie vor allem Freiheit, Menschenwürde, die mit der Transzendenz verbunden ist, Frieden und Gerechtigkeit zu verlieren, die aus der religiösen und humanistischen Tradition unseres Kontinents hervorgegangen sind und auf die sich schon die Weiße Rose bezog.

Sant'Egidio

Die katholische Bewegung Sant'Egidio widmet sich der karitativen Arbeit, der Diplomatie in Bürgerkriegsgebieten sowie dem Dialog der Religionen. Wegen ihrer vielfältigen informellen Kontakte zu Politikern und Kirchenführern konnte die Vereinigung in mehreren bewaffneten Konflikten vermitteln. Ihre größte diplomatische Leistung ist der "Friedensvertrag von Rom", mit dem 1992 der 15-jährige Bürgerkrieg in Mosambik beendet wurde. Besonders widmet sich die Gemeinschaft der Fortsetzung des Weltfriedensgebets von Assisi. Papst Johannes Paul II. hatte dort 1986 erstmals Religionsführer aus aller Welt zu einem Treffen zusammengerufen. Seither veranstaltet Sant'Egidio jährlich Folgetreffen. (ph/kna)

Vorbild für andere Kontinente

Wir dürfen die Erfolgsgeschichte Europas nicht vergessen. 75 Jahre Frieden, Wohlstand und Entwicklung, 30 Jahre Vereinigung von Ost und West nach schwierigen Spaltungen mit großen Gefahren bis hin zu einer atomaren Auseinandersetzung haben einen Kontinent geschaffen, dem es selbst so gut geht wie nie zuvor, auch wenn es Probleme und Konflikte gegeben hat. Wir sind viel mehr Europäer, als es auf den ersten Blick sichtbar ist. Das europäische Integrationsprojekt ist ein äußerst erfolgreiches Friedensmodell und ein Vorbild für andere Kontinente. Papst Franziskus sprach im Europaparlament vom Vertrauen auf den Menschen als eine mit transzendenter Würde begabte Person, die eine Kultur der Menschenrechte geschaffen hat. Diese muss geschützt und weiter entfaltet werden.

Das Friedensprojekt Europa ist weiter aktuell trotz der zahlreichen Gefahren. Daher darf sich Europa nicht in sich verschließen, die europäischen Länder dürfen sich nicht nur mit sich selbst beschäftigen. Zahlreiche Herausforderungen warten auf Europa, viele globale Probleme müssen gelöst werden. Nicht nur der aktuell umfassend diskutierte Klimawandel steht auf der Tagesordnung, den kein Land und auch kein Kontinent allein lösen kann.

Aus Seenot gerettete Flüchtlinge
Aus Seenot gerettete Flüchtlinge © imago images/epd

Das Friedensprojekt Europa ist weiter aktuell trotz der zahlreichen Gefahren. Daher darf sich Europa nicht in sich verschließen, die europäischen Länder dürfen sich nicht nur mit sich selbst beschäftigen. Zahlreiche Herausforderungen warten auf Europa, viele globale Probleme müssen gelöst werden. Nicht nur der aktuell umfassend diskutierte Klimawandel steht auf der Tagesordnung, den kein Land und auch kein Kontinent allein lösen kann.

Das Sterben im Mittelmeer nicht gleichgültig hinnehmen

Papst Franziskus erwähnte 2014 die große Krankheit der Einsamkeit, besonders bei alten Menschen, sowie die Herausforderung der Migration. Europa darf nicht gleichgültig das Sterben im Mittelmeer hinnehmen und sich abschotten, während sich eine Kultur der Gleichgültigkeit ausbreitet. Sant’Egidio hat die humanitären Korridore entwickelt und schlägt sie als Modell für Europa vor, um Flüchtlingen im Nahen Osten und im Norden Afrikas einen legalen und sicheren Zugang nach Europa zu ermöglichen, verbunden mit einer von Ehrenamtlichen mitgetragenen sofortigen Integration. Das hilft nicht nur den Betroffenen, sondern vor allem auch dem „alt gewordenen“ Europa. Außerdem setzt sich Sant’Egidio intensiv für ein engeres Bündnis zwischen Europa und Afrika ein, das nicht nur aufgrund der Geschichte eine Bedeutung hat, sondern auch von Vorteil ist, da Afrika von vielen als der Kontinent der Zukunft angesehen wird.

40 Jahre nach den ersten Wahlen sind die Europäer wieder aufgerufen, ihre Stimme abzugeben. Sie können mitbestimmen und mitgestalten, damit das vielleicht in der Geschichte einmalige Friedensprojekt Europa auch weiter segensreich wirkt für unseren Kontinent und für die ganze Welt. (Pfarrer Dr. Matthias Leineweber, kirchlicher Assistent der Gemeinschaft Sant’Egidio in Deutschland)

Video

Dieser Artikel gehört zum Schwerpunkt Europa Friede

Das könnte Sie auch interessieren

Der Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken, Thomas Sternberg
© kna

ZdK-Präsident Sternberg Christliche Werte entscheidend für Europa

Angesichts von "großen Belastungsproben" in Europa wirbt der Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK), Thomas Sternberg, für eine Besinnung auf christliche Werte.

22.05.2019

Verantwortung für die Zukunft Europas zu übernehmen, dazu rufen die katholischen Laien in Bayern auf.
© imago/Christian Spicker

Gemeinschaft mit Geschichte und Zukunft Katholische Laien rufen zur Europa-Wahl auf

Als Erfolgsgeschichte werten das Landeskomitee der Katholiken in Bayern und die Diözesanräte im Freistaat die Europäische Union - und rufen dazu auf, am 26. Mai an der Wahl des Europäischen Parlaments...

18.05.2019

Bundesweit werden tausende Teilnehmer erwartet.
© imago/IPONEuropa

Bündnis "Ein Europa für alle" Demos gegen Nationalismus

Am Sonntag wollen deutschlandweit Menschen gegen Nationalismus und für Europa demonstrieren. In München beteiligt sich unter anderem auch der Bund der Deutschen Katholischen Jugend.

17.05.2019

© imago images/Gartner

Eurovision Song Contest 2019 Hat Deutschland beim ESC eine Chance?

Florian Wagner von der Münchner Stadtpastoral ist jedes Jahr vor Ort beim Eurovision Song Contest (ESC). Er hat sich auf seine Favoriten für das Musik-Spektakel in Tel Aviv festgelegt.

16.05.2019

Hauptgeschäftsführer von Renovabis: Pfarrer Christian Hartl
© Renovabis

Jahresbericht veröffentlicht Renovabis gibt 28 Millionen für Osteuropa-Projekte

Das Osteuropa-Hilfswerk der katholischen Kirche in Deutschland, Renovabis, musste 2018 mit weniger Spenden auskommen. Zusätzliche Mittel wurden jedoch von einzelnen Diözesen bereitgestellt.

10.05.2019

"Kreuzweg der Völker" in der Münchner Innenstadt
© Kiderle

"Kreuzweg der Völker" in München "Miteinander zeigt christliche Prägung Europas"

Die christliche Prägung Europas werde erkennbar in einem "Miteinander der Völker und Nationen" - das hat Kardinal Marx am Karfreitag vor mehreren tausend Gläubigen beim "Kreuzweg der Völker" in...

19.04.2019

Jetzt neu für Rosenheim: Der mk-online Newsletter

Wir informieren Sie über Aktuelles, Gottesdienste, besondere Veranstaltungen und Neues aus Religion und Gesellschaft.
Jetzt abonnieren