Begegnung mit Godehard Brüntrup Ewiges Leben, ewige Langeweile?

23.11.2018

Ein Satz, der hängen bleibt: Wir können die Zeit verlangsamen, wenn wir bewusster in der Gegenwart leben. Ein Gespräch mit dem Jesuiten und Philosophen Godehard Brüntrup über irdische und himmlische Zeit(en).

"Ein ständiges, sich wiederholendes Aneinanderreihen von neuen Momenten"
"Ein ständiges, sich wiederholendes Aneinanderreihen von neuen Momenten" © christina_conti - stock.adobe.com

München – Wir alle erleben es aktuell – beim Gang durch die Fußgängerzonen, beim Blick in die Schaufenster oder auf den Kalender: Der Advent steht vor der Tür. Doch bevor wir den so richtig hereinlassen, feiern wir aus katholischer Sicht mit dem Christkönigssonntag am 25. November noch den Abschluss des Kirchenjahres. Das Fest soll die „Königsherrschaft“ Christi in der Ewigkeit betonen. Und auch wir sollen ja nach christlichem Verständnis nach unserem Tod einmal Teil dieser Ewigkeit werden. Doch was passiert eigentlich mit der Zeit (so wie wir sie kennen) in dieser Ewigkeit? Leben wir dann unendlich lange weiter?

Auf ewig im Himmel?

Im Religionsunterricht früher, in der Grundschule, war das für mich eigentlich sehr einfach zu verstehen: Wenn wir uns als Menschen und Christen bemühen, ein gutes Leben zu führen, dann dürfen auch wir auferstehen – schließlich ist Jesus am Kreuz für uns alle gestorben. Was ich damals aber schon in meiner kindlichen Vorstellung nicht begreifen konnte und was mir bis heute eigentlich ein wenig Angst macht, ist die Überlegung, wie es dann weitergeht? Schwebt unsere unsterbliche Seele auf ewig im Himmel umher, geht die Zeit im Paradies nie zu Ende? Das waren so in etwa meine kindlich-naiven Gedanken damals.

Nichts, was wir tun, würde zählen.
"Nichts, was wir tun, würde zählen." © christina_conti - stock.adobe.com

Die Zeit hört niemals auf

Heute erklärt mir der Jesuit und Philosophie-Professor Godehard Brüntrup, dass es auch in der Philosophie eine solche Theorie gibt. Demnach ist die Ewigkeit „ein ständiges, sich wiederholendes Aneinanderreihen von neuen Momenten“. Die Zeit laufe also weiter in der Ewigkeit, aber sie höre niemals auf. Brüntrup verdeutlicht diese Theorie, deren Attraktivität er in Zweifel zieht, an einem Beispiel: „Wenn man 100 Milliarden Bücher gelesen hat, ist noch nicht einmal die erste Sekunde der Ewigkeit vorbei.“

Für die allermeisten Menschen – mich eingeschlossen – dürfte diese Vorstellung tatsächlich wenig attraktiv sein. Das hört sich vielmehr nach ewiger Langeweile an. Denn Nichts, was wir dann tun, so drückt es Brüntrup aus, würde in irgendeiner Weise zählen oder von Bedeutung sein.

Professor Godehard Brüntrup SJ ist Vizepräsident der Hochschule für Philosophie in München.
Professor Godehard Brüntrup SJ ist Vizepräsident der Hochschule für Philosophie in München. © Knappe

Ewiger Augenblick

Zum Glück gibt es da noch die Theologie, denn die sieht die Sache mit der Ewigkeit ein bisschen anders. Für sie ist die Zeit, „so wie wir sie kennen“, dann nicht mehr vorhanden. „Wir sterben demnach in einen ewigen Augenblick hinein, aber nicht in ein Leben, was hunderte von Miliarden Jahren und noch länger dauert“, erklärt Brüntrup.

Dieser Gedanke des „ewigen Augenblicks“ ist für mich persönlich irgendwie angenehmer – auch wenn ich mir nicht genau vorstellen kann, wie dieser ewige Augenblick wohl aussehen wird. Aber, wer kann das schon? Das ist wohl auch ein – wie es in der Kirche immer heißt – Geheimnis des Glaubens.

Die Zeit verlangsamen

Eine Frage treibt mich im Gespräch mit Professor Brüntrup aber noch um: Wie sieht es denn mit der Zeit in unserem irdischen Leben aus? Gerade jetzt im Erwachsenenalter, im Berufsalltag scheint mir die Zeit manchmal wie verrückt zu rennen. Im Kindesalter kam mir das noch ganz anders vor. Dies sei deshalb so, „weil ein Kind ganz authentisch in der Gegenwart lebt. Es tut das, was es tut, mit Aufmerksamkeit und denkt nicht an den nächsten Termin um 16 Uhr.“ Bewusst in der Gegenwart zu leben, sei der Schlüssel dazu, „die Zeit zu verlangsamen“.

Dieser Satz bleibt hängen bei mir, denn es ist irgendwie ein tröstlicher Gedanke und vielleicht ein Tipp für die hektische Adventszeit: Ich kann also die Zeit verlangsamen, wenn ich bewusster in der Gegenwart lebe. Und nicht über Gestern, Morgen und die Ewigkeit nachdenke.

Der Autor
Klaus Schlaug
Online-Redaktion
k.schlaug@st-michaelsbund.de


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