Leidenschaft zum Beruf gemacht Ex-Manager leitet Bergexerzitien

03.06.2019

Alfons Holzer war früher Manager in einem großen deutschen Aktienunternehmen - und bietet heute Bergexerzitien an. Er verrät, warum Demut dabei seine oberste Devise ist, er aber trotzdem gerne provoziert.

Die Natur ist Alfons Holzers bevorzugter Ort der Gottesbegegnung. © privat

München – Wenn Alfons Holzer durch die Tür tritt, schlank, grauer Bart und lange graue Locken, dann wirkt er trotz seines Alters von 62 Jahren noch immer wie ein Naturbursche. Die kurzen Ärmel seines Polohemdes geben gebräunte Arme frei, und die auffällige schwarze Armbanduhr zeigt nicht nur die Zeit an, sondern auch Höhenmeter und Himmelsrichtung. Sie ist sozusagen sein Werkzeug, wenn er mit Menschen unterwegs ist, in den Allgäuer Alpen, in Südtirol oder in der Schweiz. Die Touren, die er führt, hat er im Kopf, die Karten dafür im Handy. Er hat die Erfahrung eines ausgebildeten Bergführers, der auch im Winter fünf Stunden über verschneite Berghänge geht. Nichts weist darauf hin, dass dieser durchtrainierte Mann einmal Manager eines Münchner Aktienunternehmens war.

Es sind keine üblichen Bergwanderungen, die Holzer anbietet, sondern Bergexerzitien. „Der Weg durchs Gebirge ist ein Spiegel meines Lebensweges“ steht als Motto auf seiner Website. Im Gespräch nennt er Schlagworte, die sich auch im übertragenen Sinn verstehen lassen: Übergang, Gratwanderung, Gipfelerlebnis. „Ich glaube, dass Leben Grenzerfahrung ist, und auch Glaubenswege Grenzerfahrungswege sind – weil nicht alles so absehbar und klar geregelt ist“, ergänzt er.

„So kann es nicht weitergehen“

Genau das hat Holzer im eigenen Leben erfahren. Nach einer „typisch bayerischen“ religiösen Sozialisation – der Vater war Mesner in Grünenbach bei Oberstaufen und der sonntägliche Kirchgang war Pflicht – kommt der erste Bruch, als der Pfarrer Holzer wegen seiner langen Haare aus dem Ministrantendienst wirft. „Ich habe dann, als 15-Jähriger, darauf hingewiesen, dass derjenige, der da oben hängt, auch langes Haar hat.“ Nach dem Wehrdienst studiert Holzer Theologie und dazu Betriebswirtschaft, denn der Vater will, dass er „noch was Gescheit’s dazu macht“. Er wird Geschäftsführer eines Konzerns im Münchner Arabellapark, hat beruflich Erfolg, gründet eine Familie und kauft ein Haus in Isny im Allgäu.

Eines Morgens, als er wie üblich um sechs Uhr zur Tür hinaus will, sagt sein damals vierjähriger Sohn Johannes Lukas: „Papa, geh nicht wieder zu der blöden Arbeit!“ Der Satz des Kindes bringt auf den Punkt, dass es ihm gesundheitlich nicht gut geht, dass er die Familie nur bei Nacht sieht. „Dann habe ich mir überlegt: So kann es nicht weitergehen.“ Ohne genauen Plan kündigt er.

„Ich provoziere gern“

Als Familienvater – es kommen noch Adrian Immanuel und Gloria Maria auf die Welt – sucht er nach neuen beruflichen Möglichkeiten. Zunächst berät er als Betriebswirt Handwerker, die sich selbstständig machen wollen. Neue Weichen werden gestellt, als er Religionspädagogik im Fernstudium abschließt, um in den Schuldienst zu gehen. Und dann entsteht die Vision, aus seiner Leidenschaft einen Beruf zu machen. Gehen im Schweigen, in der Stille der Natur – „da habe ich die Erfahrung gemacht, dass da Gottesbegegnung in einer Art und Weise und in einer Intensität möglich ist, wie ich sie sonst nicht kannte“.

Wenn Holzer von den Bergen spricht, kann er wie auf Knopfdruck das Leuchten in seinen Augen anknipsen. Im Reden wird allerdings schnell klar, dass Bergexerzitien mit ihm kein Spaziergang sind. Im Gegenteil, „ich provoziere gern, ich teste die Teilnehmer aus, ich bin neugierig auf ihre Reaktion“. Und er gibt denen, die viel Zeit auf Bürostühlen verbringen, die Gelegenheit, sich selbst von einer neuen Seite kennenzulernen, weil sie an körperliche Grenzen kommen – auch deshalb, weil ihre Rucksäcke zu schwer sind, im wörtlichen und im übertragenen Sinn. „Ich hätte gerne, dass sie in diesen Tagen sehen, dass es sich lohnen kann, durchzuhalten – auch aufs Leben, auf den Glaubensweg, vielleicht auch auf Gott bezogen. Und am Ende der Tage ist es immer gut. Dann ist die Gruppe zusammengewachsen und alle sagen: Jetzt könnten wir noch ein Stück zusammen gehen.“

„Demut bereitet mir Gänsehaut“

Zuweilen kommt es vor, dass sich Menschen bei Holzer bedanken für das Schweigen. „Da werde ich dann immer ganz demütig, weil ich meine, dafür habe ich doch gar nichts getan.“ Demut, dieses altmodische Wort, bereitet ihm Gänsehaut: „Denn ich finde, das ist ein wunderbares Geschenk, dass man sich nicht so wahnsinnig wichtig nimmt.“ Allerdings merkt auch er mittlerweile, dass er mit seinen körperlichen Kräften haushalten muss und nach einer Woche in den Bergen eine Woche Erholung braucht. Mit erhobenem Zeigefinger sagt er zu sich selbst: „Da würde es mir gut anstehen, wenn ich besser Demut üben könnte.“ Als Manager war ihm genau diese Haltung der Demut nicht möglich: „Sie können sich gar nicht vorstellen, welche Art von Entscheidungen ich da treffen musste.“ Bescheiden fügt er hinzu: „Es war meine Unfähigkeit, in dieser Liga zu spielen.“ Im Gehen, die Treppe hinunter, erzählt er noch, dass viele in den Bergen über die Beschwernisse des Abstiegs klagen. „Dann sage ich ihnen: Dein Gott ist der Absteiger per se! Aber das muss ich ihnen dann erklären …“ (Annette Krauß)

Audio

Zum Nachhören: Vom Manager zum Bergexerzitienleiter

Dieser Artikel gehört zum Schwerpunkt Pilgern: Der Weg ist das Ziel

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