Filme über Gott und Glauben Experte: "Kino prägt religiöse Vorstellungen mehr als Bibel"

11.06.2019

Ein Junge liegt im Koma. Auf einmal erwacht er - weil seine Mutter für ihn gebetet hat. Diese Botschaft vermittelt der Film "Breakthrough - Zurück ins Leben", das jüngste Beispiel für amerikanisches Glaubenskino. Dieses Genre boomt in den USA.

 Das Genre "Glaubenskino" boomt.
Das Genre "Glaubenskino" boomt. © Viacheslav - stock.adobe.com

Ein Junge bricht in einen zugefrorenen See ein, wird gerettet, liegt aber im Koma. Auf einmal erwacht er - weil seine Mutter für ihn gebetet hat. Diese Botschaft vermittelt der Film "Breakthrough - Zurück ins Leben", das jüngste Beispiel für amerikanisches Glaubenskino. Dieses Genre boomt in den USA, sagt Thomas Henke, Leiter der Medienzentrale des Bistums Eichstätt. Im Interview spricht er über die Gründe dafür - und sagt zudem Filme zum Thema Islam voraus.

Herr Henke, die großen Kirchen verlieren stetig Mitglieder. Kann das Glaubenskino diesen Trend stoppen oder gar umkehren?
Thomas Henke: Das glaube ich nicht. Allerdings lassen sich über eine breit angelegte kirchliche Filmarbeit durchaus Menschen erreichen, die nicht mehr in die Kirche gehen, sich aber weiter für die Grundfragen des Lebens interessieren: für Verlust und Scheitern, Schuld und Vergebung zum Beispiel oder für den Sinn des Daseins. Wenn wir von der Medienzentrale Diskussionen zu Filmen anbieten, kommen wir sehr wohl noch mit solchen Leuten ins Gespräch. Wichtig dabei: Kino mit religiösen Bezügen ist nicht gleich Glaubenskino.

Was heißt das?
Henke: Es gibt ganz unterschiedliche Typen der filmischen Auseinandersetzung mit Religion. Wobei die Grenzen mitunter fließend sind.

Erklären Sie das bitte genauer.
Henke: Erstens sind da sogenannte "Bibelfilme" mit Werken wie "Maria Magdalena" oder "Noah" zu nennen. Zweitens Filme, die mythische Traditionen verwenden, etwa "Wonder Woman". Drittens satirische Kritiken an althergebrachten Gottesbildern, zum Beispiel "Das brandneue Testament". Viertens Science-Fiction-Dystopien wie "Blade Runner", in denen der Mensch Gott spielt. Fünftens Filme über die Abwesenheit Gottes a la "A Serious Man" und "The Tree of Life". Sechstens Kirchenkritik, "Klerus" oder "Spotlight". Siebtens Erbauungsstreifen wie eben "Breakthrough" oder "Die Hütte - Ein Wochenende mit Gott".

Jeden Donnerstag gibt es den "Filmtalk" auf instagram (mk_redaktion). Aktuelle Filme werden vom Experten Klaus Schlaug vorgestellt und bewertet.

Titel wie die beiden letztgenannten boomten in den USA, berichtete unlängst "Zeit Online". Ist dem so?
Henke: Ja. Die Filmproduktion ist heute technisch einfacher denn je zuvor. Und so hat man gerade in Kreisen evangelikaler Christen, die in Amerika eine große gesellschaftliche Kraft sind, den Film als Verkündigungsmedium entdeckt. Man will ihn als elektronische Kanzel nutzen und bastelt sich dazu eine mehr oder weniger leinwandtaugliche Geschichte.

Aber Sie sagten doch, das funktioniere nicht.
Henke: Nicht als Missionsinstrument. Es kann gleichwohl die Reihen nach innen stärken und diejenigen, die eh schon fest im Glauben sind, darin ermutigen. Unter dieser Klientel sprechen sich solche Titel schnell herum, so dass nach einer Weile auch kleine Produktionen auf beachtliche Besucherzahlen und Einspielergebnisse kommen können. Letzteres gilt für ein entsprechendes Publikum auch hierzulande, wenn auch wegen der kulturellen Unterschiede zahlenmäßig längst nicht so deutlich wie in den USA. Die dortige starke Verknüpfung von Religion und Politik zeigt sich übrigens bisweilen auch im "Glaubenskino", kürzlich erst in "Unplanned", einem Film gegen Abtreibung.

Wie sollte die Kirche mit dem Glaubenskino umgehen?
Henke: Sie sollte sich kritisch und selbstkritisch damit auseinandersetzen. Vor allem aber sollte sie das Kino insgesamt in seiner ganzen Bandbreite wahrnehmen und ernst nehmen. Denn das bewegte Bild - nicht nur auf der Leinwand, sondern zunehmend auch im Serienformat - ist ein wichtiges Kulturphänomen und ein Seismograph gesellschaftlicher Entwicklungen. Somit spiegeln sich darin auch Aspekte wie Religiosität und Gottesbilder. Zudem prägt das Kino religiöse Vorstellungen - heute längst mehr als Kirche und Bibel das tun. Deshalb sollte sich die Kirche mit dem Kino intensiv auseinandersetzen - auch dem ohne explizit religiöse Bezüge.

Warum?
Henke: Weil sich auch säkulare Filme religiös deuten lassen. Das Drama "The Broken Circle" zum Beispiel thematisiert den Umgang von Eltern mit dem Tod ihres Kindes. Man muss natürlich aufpassen, so einen Film bei einer Interpretation nicht nachträglich sozusagen zu taufen. Aber als Christ, als Kirche kann man schon mit Religion als Deutungsmuster von Alltagserfahrung auch an Filme herangehen. Es geht letztlich darum, die Relevanz des christlichen Glaubens auch in säkularen Kontexten zu verdeutlichen. Filme sind dazu sehr hilfreich, da man über sie leicht ins Gespräch kommt.

Wir haben bisher über christliches Glaubenskino gesprochen. Wie sieht es dabei mit anderen Religionen aus?
Henke: Gerade erst war bei den Festspielen von Cannes ein Film über Islamisierung dabei: "Le jeune Ahmed". Hierzulande hat "Türkisch für Anfänger" große Erfolge gefeiert. Entsprechende Thematisierungen des Islams und des christlich- oder auch säkular-islamischen Zusammenspiels dürfte es bei uns künftig öfter geben, wegen der Zuwanderung zahlreicher Muslime.

Inwieweit wirken solchen Filme - etwa verständigend oder emanzipatorisch?
Henke: Da müsste ich spekulieren. Erforscht ist das meines Wissens nach nicht. (Das Interview führte Christopher Beschnitt von der Katholischen Nachrichten Agentur)


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