Juden in München Familie leidet unter Antisemitismus

13.07.2018

München sieht sich gerne als weltoffene Stadt. Trotzdem gibt es auch hier einen neuen Antisemitismus. Und der bleibt für die jüdischen Bürger nicht ohne Folgen: Guy Fränkel und seine Familie sind vorsichtiger geworden.

Guy Fränkel © Antenne Bayern

München - Guy Fränkel ist ein echtes Münchner Kindl. Mitte der 1970er Jahre wird er in der Landeshauptstadt geboren und wächst in einem jüdischen Elternhaus auf. Mutter und Vater sind gläubig und geben die Riten der jüdischen Religion an ihn weiter. Er ist FC-Bayern-Fan und isst gerne koscheren Leberkäse, der aus Kalbfleisch zubereitet wird. Sein Leben verläuft in geordneten Bahnen. Er wird Rundfunkredakteur, bei einem Auslandsaufenthalt lernt er seine Frau kennen und nimmt sie mit nach München. Die beiden bekommen drei Kinder, Guy Fränkel steigt schließlich beim Radiosender „Rock Antenne“ zum Programmchef und Geschäftsführer auf.

Die Familie lebt jüdisch-orthodox. Das bedeutet für Guy Fränkel vor allem, sich an die Zehn Gebote zu halten und den Schabbat sowie die jüdischen Feier- und Festtage sowohl zu Hause als auch in der Synagoge am St.-Jakobs-Platz aktiv mitzufeiern. Außerdem haben seine Frau und er sich auf koscheres Essen geeinigt, die Kinder besuchen den Kindergarten beziehungsweise die Konfessionsschule der Israelitischen Kultusgemeinde am St.-Jakobs-Platz. „Ich fühle mich in meiner Identität wohl, ich bin zufrieden damit“, resümiert er sein Leben als Münchner jüdischen Glaubens.

Familie leidet unter offen gelebtem Antisemitismus

Einen Haken gibt es aber doch für Guy Fränkel und seine Familie. Es seien die neuen Formen des Antisemitismus, die auch in einer weltoffenen Stadt wie München in den vergangenen Jahren zugenommen hätten, betont Guy Fränkel. Antisemitismus werde wieder offener gelebt. „Wo früher hinter vorgehaltener Hand etwas getuschelt wurde, wird es jetzt offen ausgesprochen.“ Briefe mit Beleidigungen, die die jüdische Gemeinde erreichen, seien im Gegensatz zu früher nicht mehr anonym. Die derzeit populärste Form von Antisemitismus ist für Guy Fränkel der negative Umgang mit dem Staat Israel, „wo es dann heißt, man werde doch mal Israel kritisieren dürfen“. Wer dann aber genauer nachfrage, merke schnell, dass sich dahinter offener Antisemitismus verberge. Dazu komme noch ein „wachsender Antisemitismus in der muslimischen Community“. Die drei Faktoren liefen zusammen, „da macht man sich schon Sorgen“, sagt Guy Fränkel mit ernster Miene. Für die Familie bleibe das alles nicht ohne Folgen. Seine Frau sehe es zum Beispiel nicht mehr gerne, wenn er im Schwimmbad seine Halskette mit Davidstern offen trage. Auch mit Journalisten möchte sie – im Gegensatz zu ihrem Mann – nicht über ihren Alltag als Jüdin sprechen. Er selber sei in solchen Dingen noch gelassen, merke aber auch, dass er mit Blick auf seine Familie zurückhaltender werde, wenn es darum gehe, sich in der Öffentlichkeit als Jude zu bekennen, gesteht Guy Fränkel.

Die Synagoge am St.-Jakobs-Platz in München.
Die Synagoge am St.-Jakobs-Platz in München. © SMB

Verschwunden geglaubte Ressentiments tauchen wieder auf

Über die Ursachen des neuen Antisemitismus kann auch er nur spekulieren. Er merke schon, dass die Menschen im Land verunsichert seien. Und dann habe man vielleicht aus einer Angst heraus auf einmal wieder Ressentiments, von denen man dachte, dass sie verschwunden seien. „Wir erleben das, was wir eigentlich schon überwunden hatten“, und das sei für ihn das Irritierende an der aktuellen Antisemitismus-Problematik. Wichtig sei nun, dass die Münchner Bürger sich aktiv gegen die neue Judenfeindlichkeit stellten. So wie zum Beispiel bei der Demonstration gegen Judenhass, zu der die Stadt Anfang Juni aufgerufen hatte. Nach der Solidaritätskundgebung sei es wichtig, miteinander im Gespräch zu bleiben. Offener Antisemitismus dürfe nicht heruntergespielt werden. Einzelaktionen seien nicht hinnehmbar. Alle Demokraten müssten nun am Ball bleiben. Sicher sei bislang nur eine Minderheit offen antisemitisch, meint Guy Fränkel. Damit diese aber nicht weiter wachse, müsse die tolerante Mehrheit sich zu Wort melden. Nur so könne das Problem des Antisemitismus zurückgedrängt werden.

Ungewisse Zukunft für die Kinder

Was die Judenfeindlichkeit insgesamt betrifft, macht sich Guy Fränkel nichts vor. Die Situation sei für Juden in Europa schon immer schwierig gewesen. Das zeigten die Sicherheitsvorkehrungen, die jeder sehen kann, der über den St.-Jakobs-Platz an der Synagoge und dem Zentrum der Israelitischen Kultusgemeinde vorbeigehe. Da habe sich nichts geändert. Er selber könne gut damit leben, für die Kinder mache er sich aber schon Gedanken, „ob das noch der richtige Platz ist“. Gerade in Frankreich könne man sehen, dass viele Juden aufgrund der Zwischenfälle das Land verlassen hätten. Dort habe sich in den vergangenen fünf Jahren ein richtiger Exodus ereignet.

Für Guy Fränkel kommt auswandern nicht in Frage. Er will bleiben und sich für eine liberale Gesellschaft einsetzen, in der sich die Religionen gegenseitig respektieren. Schließlich sei „Schalom“ ein zentraler Begriff im Judentum. Schalom bedeute Frieden und deshalb wünschten sich die Juden für die ganze Welt ein friedliches Miteinander. Daraus leitet Guy Fränkel auch seinen wichtigsten Wunsch für die Zukunft ab: dass der Antisemitismus in München eines Tages überwunden sein wird und Frieden unter den Bürgern der Stadt herrscht.

Der Autor
Paul Hasel
Radio-Redaktion
p.hasel@st-michaelsbund.de

Dieser Artikel gehört zum Schwerpunkt 70 Jahre Israel

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