Privatbesitz Familie Ruppersdorfer hat eine eigene Kirche

06.09.2019

Wer kann schon von sich sagen, dass er in der eigenen Kirche getauft wurde? Johann Ruppersdorfer und seine Kinder können das. Seit 200 Jahren gehört ihrer Familie ein Gotteshaus.

Traumhafte Lage: Die Privatkirche Sankt Kastulus bei Steinhöring
Traumhafte Lage: Die Privatkirche Sankt Kastulus bei Steinhöring © SMB/ Stöppler

Meilertskirchen – "Das Dach ist dicht, das ist das wichtigste“, sagt Johann Ruppersdorfer. „Das Schlimmste, was bisher passiert ist, war, als meine Mutter das Seil von der Glocke kaputt gemacht hat.“ Um es zu reparieren musste Ruppersdorfer sich durch eine enge Luke in der Kirchendecke zwängen, den Dachstuhl entlang gehen und dann im 15 Meter hohen Turm eine Leiter hoch, die mindestens 200 Jahre alt ist – „mit einem schlechten Gefühl“, sagt er jetzt schmunzelnd. Aber das passiert halt mal, wenn man ein so ungewöhnliches Besitztum wie eine eigene Kirche hat. Und wenn Ruppersdorfer jetzt am Seil zieht, klingt die Glocke hell und kraftvoll.

Ruppersdorfers Kirche, St. Kastulus, liegt in Meiletskirchen knapp drei Kilometer nördlich von Steinhöring. Ein kleiner Weiler auf einem Hügel: drei Häuser, ein Hof und eine Kirche, die sich dicht an die alten Häuser drängt. Die Landschaft malerisch zu nennen ist nahezu untertrieben. Wälder, Wiesen und Felder schmiegen sich harmonisch an die sanften Hügel, alle paar Kilometer gibt es kleine Gehöfte. Östlich von Meiletskirchen, hinter einem kleinen Waldstück, sind gleich zwei Golfplätze und man kann sich kaum einen besseren Ort für einen Abschlag an einem sonnigen Samstag vorstellen.

Schon seit über 200 Jahren in Privatbesitz

Im Gegensatz zu so mancher Hofkapelle in Privatbesitz hat St. Kastulus – so weit man weiß – seine Ursprünge nicht in einem Unglück. Keine Pest, kein Krieg, sondern schlicht Frömmigkeit waren für den Kleriker Mahali der Grund, die Kirche zu errichten. So genau weiß man das allerdings nicht. Die Quellenlage im neunten Jahrhundert ist dann doch recht dürftig. Aber sicher ist, dass Mahali die „Eigenkirche” mitsamt dem Weiler 824 dem Bischof von Freising schenkte. Damals war die Kirche wohl noch aus Holz. Der heutige, von schlichter Eleganz geprägte spätgotische Bau, stammt aus dem 15. Jahrhundert. Bereits vor der Säkularisation des Klosters Ebersberg 1808 ist die Kirche wieder in Privatbesitz übergegangen. Johann Ruppersdorfers Vorfahren durften sich also stolze Besitzer einer Kirche nennen.

Ursprünglich seien es mal zwei Glocken gewesen, erklärt Ruppersdorfer. „Eine wurde im Ersten Weltkrieg eingeschmolzen“. Aber es braucht auch keine zwei Glocken. Sie werden nämlich nicht besonders oft geläutet. Reguläre Messen finden in St. Kastulus nicht statt. Am 26. März wird das Patrozinum gefeiert. Und sonst vor allem Taufen und Hochzeiten. Die Kirche sei für kleinere Feiern ideal, meint Ruppersdorfer, und schwärmt von der bemerkenswerten Akustik, die schon einer kleinen Gruppe beim Singen der Kirchenlieder zu einem ganz neuen, reinen Klang verhilft. Er selbst ist auch in St. Kastulus getauft. Und seine Kinder selbstverständlich auch.

Restaurierung mit Spenden finanziert

Ansonsten, erzählt er lachend in schönstem Bayrisch, läute er die Glocke nur bei Gewitter. Früher hätten die Menschen geglaubt, durch ihre Schallwellen das Unwetter vertreiben zu können. Bei ihm hätte das auch gut funktioniert, nur will er nicht ausschließen, dass das Gewitter vielleicht auch aus anderen Gründen abzog, erklärt er schmunzelnd.

Johann Ruppersdorfer auf der selbst gebauten Bank vor der eigenen Kirche
Johann Ruppersdorfer auf der selbst gebauten Bank vor der eigenen Kirche © SMB/ Stöppler

Zweimal bereits stand das Schicksal von St. Kastulus auf der Kippe und beide Male hatte die Familie Ruppersdorfer einen gehörigen Anteil am Erhalt der kleinen Kirche. Während der Napoleonischen Kriege stand die Kirche das erste Mal kurz vor dem Abbruch. 1805 gab es Pläne, Steine und Teile des Dachstuhls anderweitig zu verwenden. Doch die Familie Ruppersdorfer stemmte sich gegen die Zeichen der Zeit und schaffte es, das Gotteshaus zu erhalten. Das andere Mal ist noch gar nicht so lange her: Die Kirche war Ende der 1970er Jahre schlicht baufällig geworden. Aber zusammen mit der Stadt Steinhöring und vielen Spendern konnte die Restaurierung durchgeführt werden.

Die Kinder in der eigenen Kirche taufen

Und die hat sich gelohnt. Strahlend weiß steht der Bau da, und drinnen versteckt sich das ein oder andere Kleinod. Neben dem prunkvollen Hochaltar aus dem 18. Jahrhundert und der aus dem 15. Jahrhundert stammenden Figuren des Märtyrers Kastulus, ist es vor allem eine schwarze Madonna, die die Blicke auf sich zieht. Und hinten in der kleinen Kirche ist dann doch etwas, was an private Hofkapellen erinnert. Über 30 Votivtafeln – meist aus dem 19. Jahrhundert – mit Bitten an die schwarze Madonna, hängen dort an der Wand. Von Fußleiden und Viehkrankheiten, bis hin zum Reitunfall und der Bitte, den Sohn aus dem Krieg heil wieder heimzubringen, ist fast alles dabei.

Für Johann Ruppersdorfer ist seine eigene Kirche aber auch unabhängig von kunsthistorischen Schätzen etwas Besonderes. Da macht es seiner Frau und ihm auch nichts, dass die Instandhaltung des Gotteshauses Arbeit bedeutet. Verständlich, denn wer kann schon sagen, dass die Kinder in der eigenen Kirche getauft worden sind. Und wenn die Freiwillige Feuerwehr bei ihrem Sommerfest ihren Gottesdienst feiert, und die Steinhöringer im Anschluss zusammen draußen auf der Bank sitzen und ins Tal blicken, dann ist eine Privatkirche plötzlich gar nicht mehr so privat, sondern doch für alle da.

Der Autor
Thomas Stöppler
Volontär
t.stoeppler@st-michaelsbund.de


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