Misereor-Chef im Interview Fastenaktion zur Hilfe im Libanon

28.02.2020

Hauptgeschäftsführer des katholischen Entwicklungshilfswerks Misereor Pirmin Spiegel spricht im Interview über die Aktion "Gib Frieden!" und erklärt, warum Klimawandel und Flucht dem Frieden im Weg stehen.

Portrait Pirmin Spiegel
Pirmin Spiegel spricht über die aktuelle Fastenaktion von Misereor. © imago images / photothek

Aachen/Beirut – Die Fastenaktion des katholischen Entwicklungshilfswerks Misereor steht unter dem Leitwort "Gib Frieden!" und richtet den Fokus insbesondere auf die Arbeit von Partnerorganisationen im Libanon und im benachbarten Syrien. Im Interview erläutert Hauptgeschäftsführer Pirmin Spiegel (62) die Hintergründe der aktuellen Aktion. Außerdem spricht er nach einem Besuch im Libanon über die Lage im Land.

Herr Spiegel, worum geht es bei der aktuellen Fastenaktion von Misereor?

Pirmin Spiegel: Das Motto heißt "Gib Frieden" - und wir wollen zeigen, wie zerbrechlich dieser Frieden in vielen Teilen der Welt ist: Frieden wird verhindert, wo Ausgrenzung besteht, wo Perspektiven fehlen, wo Armut vorherrscht, Ungleichheit und Ungerechtigkeit. Unsere Aktion reiht sich ein in das Jahresthema Frieden, auf das sich alle katholischen Werke für 2020 verständigt haben.

Warum ist Ihnen das so wichtig?

Früher sind Millionen für den Frieden auf die Straße gegangen, ich auch. Heute scheinen andere Themen im Vordergrund zu stehen - obwohl die Zahl der Kriege und Konflikte nicht abnimmt. Wir reden mehr über Klimawandel, Flucht, Ungerechtigkeit, Armut und Hunger. Doch all das sind Zustände, die dem Frieden im Weg stehen und die verändert werden müssen, um wirklichen Frieden zu ermöglichen. Denn der ist nicht möglich ohne Arbeit, ohne soziale Gerechtigkeit, ohne Anerkennung der Menschenwürde und der Menschenrechte und ohne Respekt vor der Natur und vor anderen Menschen - mit anderer Hautfarbe, Staatsangehörigkeit, Kultur oder Religion. Auf diese oft sehr komplexen Zusammenhänge wollen wir hinweisen.

Als Schwerpunktland haben Sie den Libanon ausgesucht. Warum?

Im Prinzip muss man den Libanon zusammen mit Syrien und den gesamten Nahen Osten als eine Region sehen, in der durch Krieg und Vertreibung von Hunderttausenden Menschen Probleme wie Ausgrenzung, Perspektivlosigkeit und Ungleichheit zusammenkommen und sich zuspitzen. Da geht es auch noch um Rohstoffe, um Religionsvielfalt, um den Dialog von Religionsgemeinschaften wie Schiiten, Sunniten und Christen und natürlich um die riesige Zahl von Flüchtlingen in dem kleinen Land Libanon. Verschärfend kommt dazu, dass Staaten wie Iran, Russland, Saudi-Arabien oder die Türkei in der Region zum Teil Stellvertreterkriege führen. Genau hier wollen wir einen Beitrag leisten mit unseren Partnerorganisationen, um Wege zu Frieden und Versöhnung zu finden.

Wie helfen Ihre Partner konkret vor Ort?

Wichtig ist zum einen die psycho-soziale Hilfe. Etwa Therapien für Kinder, Jugendliche und ältere Menschen, die alles verloren haben, traumatisiert sind, an Angstzuständen leiden und keine Hoffnung mehr haben. Dann versuchen wir, Räume für Dialog zu organisieren, um ehemalige Feinde zu versöhnen. Außerdem sind wir präsent in den Flüchtlingslagern, wo es riesige Probleme gibt - angefangen bei der Wasser- und Lebensmittelversorgung über oft zu wenig Möglichkeiten der Beschulung und Ausbildung bis hin zum Versuch, Vorbehalte zwischen Einheimischen und Migranten abzubauen. In dieser Region leben ja auch viele Menschen, die in ihrem Leben noch nie etwas Anderes erfahren haben als Krieg und Gewalt.

Sie waren eine Woche im Libanon unterwegs. Welche Eindrücke nehmen Sie mit?

Der Libanon scheint auf den ersten Blick friedlich, aber wir haben vielschichtiges Leiden gesehen. Schilderungen von Konflikten und Herausforderungen zeigen die Ohnmacht. Mir ist deutlicher geworden, wie sehr der Krieg der vergangenen zehn Jahren nicht nur Syrien betrifft, sondern wie der ganze Nahe Osten und darüber hinaus die Großmächte verwickelt sind. Der Libanon ist ein Land, an dem die verschiedensten Interessen und Spannungen aufeinander treiben.

Welche Ihrer vielfältigen Begegnungen hat einen besonderen Eindruck hinterlassen?

Die starke Motivation der Projektpartner und die Identifikation mit der Mission waren beeindruckend. Die Zärtlichkeit und Wärme, mit der sie versuchen, traumatisierten, leidenden Menschen Hoffnung zu ermöglichen und durch Präsenz Zuversicht zu geben, haben mich sehr berührt. Gleichzeitig schmerzt es, keine konkreten Auswege aus diesem Konflikt zu sehen. Der Libanon durchlebt eine politische und wirtschaftliche Krise. Die bisherige Ordnung einer über die Konfessionen organisierten Demokratie scheint an ihr Ende zu gelangen. Die Sehnsüchte nach einem anderen Libanon sind groß - aber wie der Weg dahin aussehen könnte, dazu haben wir keine Antworten erhalten.

Und was macht die Politik?

Auf alle Fälle zu wenig! Es liegt doch auf der Hand, dass es keine militärischen Lösungen geben kann, sondern nur politische. Aber die internationale Gemeinschaft kürzt sogar Mittel, anstatt in dieser Krisensituation Hilfen zu verstärken.

Was erwarten Sie von der deutschen Regierung?

Hier sehen wir vor allem das Außenministerium in der Pflicht, das friedenspolitische Engagement stärker zu fördern. Es muss mehr Gelder bereitstellen, um vor Ort Friedens- und Versöhnungsinitiativen zu unterstützen und sich auch international dafür einsetzen, dass mehr Hilfsgelder zur Verfügung gestellt werden. Die deutsche und europäische Politik können dafür sorgen, dass diese Krise nicht aus dem Blickfeld der Weltöffentlichkeit verschwindet. Dazu gehört auch mehr Druck auf die Konfliktparteien, um zu politischen Lösungen zu kommen und letztlich zu mehr Frieden in dieser schwierigen Region. Und nicht zu vergessen: Auch bei den Rüstungsexporten in diese Krisenregion muss endlich ein Umdenken beginnen.

Von der großen Politik zurück zu jedem Einzelnen in Deutschland. Hier gibt es ja auch Leid und Not, hier gibt es auch Flüchtlinge, die Hilfe brauchen, und Menschen, die sich dafür engagieren. Warum sollen die jetzt für die Menschen im Libanon spenden?

Ich will da gar keine Konkurrenz herbeireden und die einen gegen die anderen ausspielen, um Gottes willen. Wo auch immer wir helfen, uns engagieren oder spenden - entscheidend ist, dass wir Schmerz, Not und Leid sehen und uns davon berühren lassen. Das ist dann ein Beitrag für Menschen in Afrika, in Lateinamerika, in Asien oder eben im Libanon.

Ihre Aktion läuft ja immer in der Fastenzeit. Was hat sie mit dem Fasten zu tun?

Die Fastenzeit, die wir in den Kirchen begehen vor Ostern, wird oftmals reduziert auf eine Diät oder auf Verzicht auf Alkohol oder Süßigkeiten. Für mich heißt Fasten: Augen und Ohren öffnen und vor allem das Herz - und Solidarität leben. Nur so kann ich wahrnehmen, wo Leben bedroht ist und welchen Beitrag ich leisten kann zur Umkehr und zur Verbesserung der Lage.

Wann ist Ihre Fastenaktion gelungen?

Wenn sie Räume entstehen lässt, in denen Leidende zu Wort kommen, in denen Ursachen von Ausgrenzung, Not und Perspektivlosigkeit angegangen werden. Wenn wir die Situation im Nahen Osten nicht verdrängen, sondern uns berühren lassen von der Not und wenn wir uns dann auch engagieren, um diese Not zu lindern. (kna)

Die Fastenaktion des katholischen Entwicklungshilfswerks Misereor wird am 1. März, dem ersten Sonntag der Fastenzeit, im Erfurter Dom eröffnet. Seit 1958 entwickelt Misereor für die katholische Kirche in Deutschland ein Angebot zur Gestaltung der Fastenzeit. Zugleich wird die Bevölkerung gebeten, Notleidende in Asien, Ozeanien, Afrika, dem Nahen Osten und Lateinamerika zu unterstützen. Mehr als 109.000 Projekte wurden im Laufe der Jahre gefördert. Am Misereor-Sonntag (2.März) wird in allen katholischen Gottesdiensten über die Arbeit des Hilfswerks informiert und um Spenden gebeten.

Dieser Artikel gehört zum Schwerpunkt Fastenzeit

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