Bayerisches Nationalmuseum Fastenkrippen: Von putzig bis grausam

07.03.2019

Unser Autor kennt Krippen nur unter dem Weihnachtsbaum. Dabei stellen Krippen auch noch ganz andere Geschichten der Bibel dar, wie er bei einer Führung durch die Krippenausstellung im Bayerischen Nationalmuseum erfährt.

Die Schergen foltern Jesus. (Fastenkrippe um 1780)
Die Schergen foltern Jesus. (Fastenkrippe um 1780) © SMB

München – Krippen, kenn ick, denke ich mir. Als gäbe es im areligiösen Berlin keine Krippen, als hätte bei uns unterm Weihnachtsbaum nicht Ochs, Esel und Jesuskind gelegen. Kleine Figuren aus Holz und ein Stall mit Strohdach und ich durfte nichts anfassen und nicht mit den Figuren spielen. Aber gut, dann schau ich mir das halt an. Eine Führung im Bayerischen Nationalmuseum ist so oder so interessant und was Fastenkrippen sind, weiß ich wirklich nicht, dementsprechend freue ich mich auf den Termin.

Thomas Schindler lacht, als ich bei unserem Treffen sage, ich sei protestantischer Preuße und deshalb ahnungslos. Während wir in den Keller zu der Krippensammlung gehen, erzählt der Referent für Volkskunde vom Bayerischen Nationalmuseum mir von Max Schmederer. 1900 hatte der Münchner Bankier und leidenschaftliche Krippensammler dem Bayerischen Nationalmuseum rund 6.000 Figuren und etwa 25.000 Kleinteile überlassen.

"Heute würde man sagen: Ein Wimmelbild"

Als wir im abgedunkelten Kellergewölbe ankommen und vor der ersten Krippe stehen bleiben, schäme ich mich fast für meine naiven Vorstellungen über Krippen. Über 400 Holzfiguren stehen da, zirka drei Zentimeter hoch, bunt bemalt und das halbe Neue Testament scheint dargestellt zu sein. Eine Jahreskrippe, sagt Schindler. Die Gebrüder Augustin und Josef Probst haben sie wohl Ende des 18. Jahrhunderts gefertigt. Genau könne man das nicht datieren, erklärt der 41-Jährige, zum einen weil man es wirklich nicht wisse, und zum anderen, weil so viele Figuren ja auch einfach Zeit bräuchten. Bemalt wurden sie vermutlich eher von den Frauen der Familie Probst. Schnitzen war Männer-, Malen Frauensache. „Heute würde man sagen, das sei ein Wimmelbild“, sagt Schindler und lächelt, „das wirkt trotz der teilweise grausamen Motive fast putzig“. Der am Baum hängende Judas und die Teufel, die um ihn herumtanzen, üben tatsächlich wenig Schrecken auf den Betrachter aus. Eher schon die Schergen bei der Folter Jesu, aber sogar da sieht das für mich nach Spielzeug aus.

Wer schaut sich schon gerne Folterszenen an?

Ganz anders ist die zweite, die Schindler mir zeigt. Diesmal ist es eine Fastenkrippe des Südtiroler Kirchenmalers Franz Berg von 1758. Sie zeigt Szenen aus der Passionsgeschichte, Kreuzigung, Grablegung und eben Folter. Es sind Papierfiguren, kunstvoll bemalt. „Max Schmederer interessierte sich vor allem für die künstlerische Qualität. Es ging ihm um die Details“, weniger um das Dargestellte oder die Ikonographie, meint der promovierte Volkskundler. Jesus am Kreuz, Jesus im Grab, Jesus wird von den Schergen gefoltert – das volle Programm. Putzig ist da gar nichts. Da wird einem auch schlagartig klar, warum die Fastenkrippe sich nicht in Privathaushalten durchgesetzt hat. Wer schaut sich schon gerne Folterszenen im eigenen Wohnzimmer an? Aber in einer Kirche zur Fastenzeit hat sie ihren Platz, denn das Leiden Christi ist nun einmal zentraler Bestandteil des christlichen Glaubens.

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Lorenzo Mosca stellt Jesus nicht als Schmerzensmann dar.
Lorenzo Mosca stellt Jesus nicht als Schmerzensmann dar. © SMB

Der Esel hatte es der kleinen Anna angetan

Wie viele Krippen die Figuren Max Schmederers jetzt ergeben, lässt sich nicht eindeutig sagen, denn Krippen „haben viel mit Flexibilität zu tun“. Eine Randfigur hat gleich mehrere Rollen. Sie kann als Zuschauer am Stall von Bethlehem stehen und ein paar Monate später die Kreuzigung beobachten. Dazu sind Figuren auch immer wieder verschwunden, vielleicht sind sie gestohlen worden oder kaputtgegangen. Denn im Gegensatz zu mir durften Kinder früher damit spielen. Die Kinder von Erzherzogin Maria, einer Tochter Herzog Albrechts V. von Bayern taten dies offenkundig so wild, dass Maria ihren Bruder Max bitten musste, ihr neue Figuren anfertigen zu lassen. Besonders der Esel hatte es der kleinen Anna angetan: „so las in (den Esel) nur wol gros und stark machen, denn er muß vil ubersten“, schrieb sie 1577 ihrem Bruder. Vielleicht durfte ich nur nicht mit unserer Krippe spielen, weil mir diverse Adelstitel fehlen.

Neben Flexibilität ist Anschaulichkeit die wichtigste Eigenschaft von Krippen. Schließlich konnten die wenigsten Menschen lesen und die lateinischen Gottesdienste waren für die meisten Gläubigen auch nicht zu verstehen. Die Krippenszene musste für den Betrachter verständlich sein, weswegen eben zeitgenössische Darstellungen benutzt worden. Auch bei der letzten Krippe, die mir Schindler zeigt. Sie stammt aus Neapel, einer der Hochburgen für Krippenkunst. Bei dieser zeigt sich wieder die Darstellung im zeithistorischen Kontext. Lorenzo Mosca hat Jesus im Grab nicht als „Schmerzensmann“ dargestellt, sondern der tote Gottessohn bekommt einen Astralleib. Die Stigmata fallen kaum auf, er scheint sogar Körperspannung zu haben und der Gesichtsausdruck wirkt entspannt. Das sieht mehr nach Instagram als nach Passionsgeschichte aus. Hier zeige sich die Antikenbegeisterung im ausgehenden 18. Jahrhundert, erklärt Schindler.

Ein postmoderner Kunstbegriff

So verschieden die Figuren sind, so unterschiedlich ist auch ihre Kleidung. Manche tragen genähte Kleidung, die immer wieder erneuert werden muss, denn Motten machen auch vor Kunst nicht halt. Max Schmederer beschäftigte zwei Schneiderinnen. Beweisen kann Schindler es nicht, aber er vermutet, dass diese wohl eher mit „Puppenkleidung“ beschäftigt waren, als feinen Zwirn für den Bankier zu nähen. Hier stellt sich die Frage der Authentizität. Ist die nachgemachte Kleidung denn jetzt die „richtige“? Ist das die korrekte Darstellung im Sinne des Künstlers?

Richtig beantworten lässt sich die Frage nicht. Vielleicht muss man bei den jahrhundertealten Krippen einen postmodernen Kunstbegriff zu Rate ziehen. Krippen sind lebendige Objekte. Sie bewegen sich, sie werden verändert und verändern sich selbst über die Zeit. Ihre Botschaft aber ist für die Ewigkeit. Ein bisschen kann ich jetzt Max Schmederers Leidenschaft für Krippen verstehen.

Der Autor
Thomas Stöppler
Volontär
t.stoeppler@st-michaelsbund.de

Dieser Artikel gehört zum Schwerpunkt Fastenzeit

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