Monat der Spiritualität Fenster zum Unsichtbaren offenhalten

01.11.2019

Gabriela Grunden vom Erzbischöflichen Ordinariat erklärt, wo Gott uns im Alltag begegnen kann, wenn wir es denn zulassen.

Auch in der Hektik des Alltags lässt sich Gott finden.
Auch in der Hektik des Alltags lässt sich Gott finden. © Melinda Armbruester-Seybert - adobe.stock

Es ist 6 Uhr am Morgen. Mein erster Gang führt mich in die Küche zur Kaffeemaschine. Der Duft von frisch gebrühtem Kaffee belebt meine Sinne. Wunderbar. Während der Kaffee durchläuft und die Milch auf dem Herd erhitzt wird, räume ich noch schnell den Müll auf. Oh je, die Plastiktonne ist schon wieder voll. Den übrigen Müll einfach in die Restmülltonne? Sieht doch keiner, oder?

Auf dem Weg zur Arbeit. Ich bin spät dran und habe es eilig, den Park and Ride-Parkplatz zu erreichen. Nach zwei Kilometern muss ich anhalten. Ein Bauer treibt gerade seine Milchkühe auf die frische Sommerweide. Und jetzt? Mich ärgern, dass ich die S-Bahn verpasse? Oder soll ich dankbar sein, dass die jungen Bauersleute sich so viel Mühe mit ihren Tieren machen und darüber hinaus die Landschaft pflegen?

Im Alltag wird Gott nicht selten vergessen

Was haben diese beiden alltäglichen Ereignisse mit Gott zu tun? Hat mein schlechtes Gewissen etwas mit Gott zu tun? Sieht Gott meine Plastikverschwendung, meine Halbherzigkeit? Interessiert sich Gott für die kleinen Dinge des Alltags? Interessiert er sich für Menschen und Tiere im Alltag?

Auf der Suche nach einer Antwort darauf bin ich auf Teresa von Avila (1515 – 1582) gestoßen. Für sie ist Gott nicht nur im feierlichen Chorgebet, sondern in ihrem Arbeitsalltag zwischen den Töpfen und Pfannen zu suchen und zu finden. „Das innere Gebet ist, so meine ich, nichts anderes als ein freundschaftlicher Umgang, ein häufiges Umgehen mit dem, von dem wir wissen, dass er uns liebt.“ (Teresa von Avila). Und so wie sie es erlebt hat, so geht es vielen Christinnen und Christen. Im Alltag wird Gott ersehnt, vermisst und nicht selten vergessen.

Das alltägliche Durchbrechen

Mitten in unserem banalen Tun, beim Putzen, beim Schreiben, beim Kochen, beim Stallausmisten, beim Meeting, beim Skypen, überall kann etwas durchscheinen, von der göttlichen Gegenwart mitten unter uns. Dazu muss ich auch kein besonderer Christ sein. Es braucht nur Offenheit für Gottes verborgene Wirklichkeit, dafür, dass ich mehr für möglich halte, als was meine Augen sehen, meine Ohren hören und meine Hände anfassen können. Johannes vom Kreuz verwendet dafür die Bezeichnung: „advertencia amorosa“, das liebende Aufmerken, das liebende Sich-Hinwenden zu Gott.

"Gott begegnen" ist Thema des "Monats der Spiritualität 2019" des Sankt Michaelsbunds. Hier können Sie sich dazu informieren und inspirieren lassen: zu Autoren religiöser Bücher,zu Veranstaltungen und zum Thema Spiritualität.

Das Alltägliche zu „durchbrechen“ und Fenster zum Unsichtbaren offenzuhalten, darum geht es. So sehr ich Exerzitien schätze, sie selber jährlich praktiziere und mit großer Freude Menschen in Exerzitien begleite. Die Qualität der Geistlichen Übungen wird sich im Alltag bewähren müssen. In den Begleitungen erfahre ich immer wieder: Gott wirkt überraschend, sanft, kräftig, mehr als unser Alltagsbewusstsein erwartet. Inmitten großstädtischer Hektik schaut mich auf einmal eine ältere Dame mit ihren großen freundlichen Augen an. Inmittendes Einkaufstrubels entdecke ich ein Kind, das ganz fasziniert auf einen kleinen Hund zeigt und freudig juchzt. Inmitten eines heftigen Streits, unterbricht jemand und zeigt Verständnis für den Ärger des anderen.

In einer Sekunde verändert sich alles

Die Offenheit für Gottes Wirken im Alltag hat mit Vertrauen zu tun. „Der Mensch kann nicht leben ohne ein dauerndes Vertrauen zu etwas Unzerstörbarem in sich, wobei sowohl das Unzerstörbare als auch das Vertrauen ihm dauernd verborgen bleiben können. Eine der Ausdrucksmöglichkeiten dieses Verborgen-Bleibens ist der Glaube an einen persönlichen Gott.“ (Franz Kafka, zit. bei Gotthard Fuchs, CiG, Nr. 36/2019, 399).

Und manchmal ist der Alltag gar nicht „alltäglich“. Von einer Sekunde zur anderen verändert sich plötzlich alles. Auf dem Weg zur Arbeit passiert ein Radunfall. Ein Autofahrer hat beim Aussteigen den Radfahrer übersehen. Dieser stürzt so schwer, dass er ins nahegelegene Krankenhaus gefahren wird. Ein Fuß ist gebrochen und muss operiert werden. Die kommenden Wochen werden ganz anders, als es der Terminkalender eingeplant hat. Manche Christen sprechen in solchen Situationen schnell von einem Plan oder einer Prüfung Gottes. Manche haben schnelle Antworten parat und meinen genau zu wissen, wer Gott ist und warum Menschen Schlimmes zustößt.

Verbindungsenergie zwischen Himmel und Erde

Die biblischen Erzählungen kennen solche Auseinandersetzungen um das „richtige Gottesbild“. Die Vorstellungen, dass Gott durch Strenge und durch zugefügte Schmerzen erziehen will, werden entlarvt und als menschliche Projektionen enttarnt. Der Gott dieser dunklen Pädagogik ist ein Götze. Gleichwohl kann und will ich Gott auch in leidvollen Situationen suchen und finden, wie Ignatius von Loyola es erlebt hat. Wo Gott, wo Jesus Christus wirkt, da werden Menschen geheilt, getröstet, aufgerichtet. Und es geschieht mitten im Alltag, beim Fischen, beim Brotbacken, beim Essen.

Kann man so etwas trainieren, die Augen und Ohren zu öffnen für Gottes manchmal verborgenes Wirken im Alltag? Für mich ist das Gebet die große Verbindungsenergie zwischen Erde und Himmel. Manchmal ist es ein Stoßgebet oder ein kurzer Stoßseufzer, manchmal sind es ausführliche Gespräche, manchmal ist es schweigende Aufmerksamkeit. „O Gott, wenn du überall bist, wie kommt es dann, dass ich sooft woanders bin“ (Madeleine Delbrêl). Wir müssen lernen, das Gespräch mit Gott nicht abreißen zu lassen. „Tiefenbohrungen“ hat Delbrêl es genannt und damit kleine Zeitteilchen, kurze Augenblicke gemeint, in denen wir den „Himmel offen halten“ können.

Göttliche Vernetzungsinitiative

Für uns könnte es bedeuten, dass wir ebenso mit dem Smartphone beten können mitten im Alltag, daheim oder in der U-Bahn, im Wartezimmer oder im Wald. Ich kann mir ein Bild anschauen, das ich in der letzten Zeit erstellt habe oder das mir zugesandt wurde und es still betrachten und darüber mit Gott ins Gespräch kommen, was es mir sagt und mir bedeutet. Ebenso kann ich die Bibel-App oder das Stundengebet herunterladen und mich mitten im Alltag mit Gott vernetzen.

Manchmal sage ich in einem Gespräch: „Ich bestürme den Himmel“. Mit dieser Redewendung umschreibe ich, was ich glaube: dass Gott „hört“ und dass wir uns miteinander vernetzen können. Lebende und Verstorbene, wir alle können Teil dieser freien, universalen und göttlichen Vernetzungsinitiative sein. Dafür bin ich im Sinne von Gabriel Marcel dankbar, wenn er schreibt: „Dankbarkeit ist die Wachsamkeit der Seele gegen die Kräfte der Zerstörung“. (Dr. Gabriela Grunden. Die Autorin leitet die Abteilung Spiritualität und den Fachbereich Exerzitien im Erzbischöflichen Ordinariat München und Freising.)


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