Glaube im Alltag Fest der erfüllten Leere

21.04.2017

„Mind the gap“ – „Denk an die Leere!“ lautet ein Warn-Hinweis in der Londoner U-Bahn. Was er mit dem Osterfest zu tun hat, erläutert Abt Johannes Eckert hier.

„Mind the gap“ ist in der Londoner U-Bahn immer wieder als Warnung zu hören und zu lesen: Man soll den Leerraum zwischen U-Bahn und Bahnsteig beachten, damit man nicht abstürzt und verunglückt!

„Denk an die Leere!“, wie es frei übersetzt heißt, ist ein österlicher Gedanke, wenn Maria von Magdala am Ostermorgen feststellt: „Man hat den Herrn aus dem Grab weggenommen, und wir wissen nicht, wohin man ihn gelegt hat.“ Der Mangel berührt Maria zuinnerst. Solidarisch mit allen Gottsuchern, denen der Herr abhandengekommen ist, muss sie feststellen: „Er fehlt mir!“ Maria sucht nicht einen Leichnam, sondern ihren Gott, wenn sie feststellt: „Man hat meinen Herrn weggenommen …“ Ihre Tränen zeigen ihre Leidenschaft, denn die Leere des Grabes ist zutiefst persönlicher Mangel, der im Inneren schmerzt und aufwühlt!

Wie die Geliebte im Hohelied beginnt Maria den Geliebten zu suchen: „Habt ihr ihn gesehen, den meine Seele liebt?“ Doch die Wächter – die Engel im Grab, geben keine Antwort. Sie bringen nicht die Erfüllung der Leere, denn Maria muss zu einer tieferen Begegnung finden. „Kaum war ich an ihnen vorüber, fand ich ihn, den meine Seele liebt!“ So wendet sich Maria vom Grab ab und wendet sich dem vermeintlichen Gärtner zu: „Herr, wenn du ihn weggebracht hast …“ Der Gärtner, der Freund des Lebens, lässt sich von Maria finden, indem er sie mit dem vertrauten Namen ruft: „Maria!“ In diesem Moment geht ihr das Herz auf, weil sie den gefunden hat, der fehlt, den, den ihre Seele liebt, so dass sie ausruft: „Mein Meister!“

Das ist tiefste Begegnung von Ich und Du, erfüllte Leere, die Maria festhalten will. Doch der Himmel – doch Gott lässt sich nicht in Zeit und Raum festhalten: „Halte mich nicht fest!“ Auferstehung – das Werk Gottes ist nicht begreifbar, sondern nur erlebbar als Vorgeschmack der endgültigen Erfüllung.

Abt Johannes Eckert ist Abt der Benediktinerabtei St. Bonifaz in München und Andechs. © privat

„Denk an die Leere!“ Damit hat Kirche – Gemeinschaft der Glaubenden begonnen. Damit fängt sie immer wieder an, dass ein Mensch sich nicht mit der Leere zufrieden gibt, sondern sich solidarisiert mit all den Suchenden und Fragenden, mit allen Leidenden und Trauernden, mit allen, die feststellen müssen: „Er fehlt mir!“

Auferstehungsglaube ist eine Frage des Herzens, unbegreiflich für den, der verstehen und festhalten will, erlebbar aber für alle, die sich von Leidenschaft und Liebe bewegen lassen, bis sie mit ihrem Namen gerufen werden. Ostern ist das Fest derer, die mit Leidenschaft am leeren Grab stehen, die begreifen wollen und dabei von Gottes Lebensfülle ergriffen werden: Ostern ist das Fest der erfüllten Leere – des verheißungsvollen Mangels. (Johannes Eckert OSB)


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