Symbolisches Essen in den Religionen Fischkopf und Frauenbauchnabel

15.07.2017

Das Münchner Lehrhaus der Religionen hat dieses Semester unter das Motto „Essen ist meine Leibspeise“ gestellt. Was ein Jude, eine Muslima und eine Christin bei einem Abend zum Thema „symbolisches Essen in den Religionen“ verrieten, erfahren Sie hier.

Neben einem Apfel, Honig und einem Granatapfel kommt zum jüdischen Neujahrsfest Rosch ha-Schana auch ein Fischkopf auf den Tisch © Fotolia/Rafael Ben-Ari

München – „Ich hoffe, Sie verlassen uns heute hungrig.“ Mit passenden Worten eröffnet Rabbiner Steven Langnas zur besten Abendbrotzeit den Austausch zum Thema „symbolisches Essen in den Religionen“. Das Münchner Lehrhaus der Religionen hat gleich ein ganzes Semester unter das Motto „Essen ist meine Leibspeise“ gestellt. Alle zwei Wochen diskutieren die Teilnehmer über Speisevorschriften, Fasten oder die Frage, ob Vegetarier frommer seien. Der Abend zum Thema symbolisches Essen mit einem Juden, einer Muslima und einer Christin schließt den theoretischen Teil ab – das nächste Mal treffen sich Neugierige nicht im Hörsaal, sondern in der Küche.

Am Kopf zunehmen

Das Thema Essen sei ein Ergiebiges, meint Langnas, denn es spreche jeden an und jede Religion habe etwas dazu zu sagen. Das merkt man spätestens, als der amerikanisch-schweizerische Rabbiner über die sehr internationale jüdische Küche zu referieren beginnt, in der es vom Apfelstrudel bis zum Couscous alles gebe. Besonders die vielen Feste seien von symbolischen Speisen geprägt. Beim Neujahrsfest etwa finde sich neben einem Apfel und Honig, die für ein süßes Jahr stünden, und einem Granatapfel, der mit dem Wunsch verbunden sei, so viele Verdienste zu bekommen, wie Kerne darin seien, ein Fischkopf auf dem Tisch. Dieser erinnere daran, „dass wir immer vorne, am Kopf, zunehmen sollen und nicht hinten“, sagt Rabbiner Langnas schmunzelnd.

Das symbolische Essen des Judentums schlechthin aber sei der Mohnzopf. Er vereine gleich mehrere Bedeutungen in sich. Zum einen erinnere die Backkunst die Menschen an ihre schöpferische Tätigkeit. Zum anderen werde das Gebäck oft aus drei Strängen hergestellt und lasse so an die drei Momente Schöpfung, Auszug aus Ägypten und das erwartete Kommen des Herrn denken. Und schließlich zeige das Zusammengeflochtene auch die Harmonie, die jeder Gläubige am Schabbat zwischen Arbeit und Ruhe neu für sich zu erlangen suche.

Die Gastfreundschaft Abrahams pflegen

Im Anschluss an den Reichtum jüdischer Speisesymbolik hat Gönül Yerli für den Islam nicht weniger zu bieten. Sie beginnt mit einer Anekdote. Kürzlich habe eine befreundete Familie ein Haus gebaut und zur Einweihung eingeladen. Bei einer solchen Gelegenheit äußere man im Islam den Wunsch: „Möge es ein Haus sein, in dem die Gastfreundschaft Abrahams gepflegt wird.“ Und tatsächlich hätte das Buffet für die etwa vierzig Gäste Yerlis Eindruck nach für mindestens tausend Menschen gereicht. „Wenn wir Muslime beten, beten wir darum, dass uns Gott den Reichtum der Speisen gibt, damit wir diese Gastfreundschaft ausüben können“, erklärt die Muslima.

Wie aber findet man heraus, ob der Besuch Interesse an einer Essenseinladung hat? In Yerlis türkischer Kultur frage man den Gast, ob er einen Tee möchte. Antwortet er mit: „Vor dem Essen Tee, nach dem Essen Kaffee“, wisse man, dass ein Essen gewünscht sei. Da sie als berufstätige Frau ein wenig aus der Reihe tanze, gesteht Gönül Yerli, biete sie oft direkt einen Kaffee an. „Der Gast braucht sich dann keine Hoffnungen zu machen, dass er noch ein Essen bekommt“, sagt sie lachend.

Um den neugierigen Besuchern einen Eindruck des muslimischen Speisereichtums zu vermitteln, hat die Türkin Bilder der Gerichte mitgebracht, die bei der Einweihungsparty das Buffet schmückten. Auffallend oft haben sie erotische Konnotationen. Kleine, runde Süßigkeiten mit einer Mulde, in die eine Nuss hineingedrückt wurde, heißen etwa „Frauenbauchnabel“. Yerli kommentiert diesen Umstand damit, dass die Speisen ein Vorgeschmack auf das Paradies seien.

„Der Imam ist in Ohnmacht gefallen“

Besonders kurios ist die Geschichte der gefüllten Auberginen. Diese heißen übersetzt „Der Imam ist in Ohnmacht gefallen“. „Man weiß nicht, ob er so entzückt war oder ob etwas beigemischt wurde – in jedem Fall hat es ihn umgehauen“, erläutert Yerli. Und natürlich klärt die Muslima auch über die Herkunft des Döners auf, der fernab vom Orient von einer Gastarbeiterfamilie in Deutschland erfunden worden sei. Übersetzt hieße der Imbiss in Anlehnung an den Spieß „sich um die eigene Achse drehen“.

Unterschiedliches Abendmahlsverständnis diskutiert

Im Unterschied zum Judentum und zum Islam, gibt Marion Haass-Pennings zu, habe das Christentum wenig Spezifisches zu bieten, da es so stark inkulturiert sei. Was zu einem bestimmten Fest in Mexiko gereicht werde, unterscheide sich von dem, was man an diesem Tag in Ghana esse. Einen besonderen Bezug zum Thema sieht die Pastoralreferentin aber in der Tatsache, dass das Christentum aus dem Abendmahl Jesu entstanden sei. Das gibt Anlass dazu, im Anschluss an die drei Vorträge über das unterschiedliche Abendmahlsverständnis der christlichen Kirchen zu diskutieren. Das ist zwar nicht unbedingt von interreligiöser Relevanz, aber offenbar ein Thema, das die Besucher bewegt.

Gerade die Idee, dass alle sich austauschen können, steht für Haass-Pennings im Zentrum des von einem Verein getragenen Münchner Lehrhauses der Religionen. Rabbiner Langnas ergänzt, dass es in der bayerischen Landeshauptstadt zwar schon Begegnung und Dialog gegeben habe, aber noch kein Lernen. Daher eröffne das Lehrhaus seit etwa drei Jahren wissensdurstigen Menschen die Möglichkeit, in einer neutralen Atmosphäre mehr über Religion zu erfahren.

Für den heutigen Abend hat das Lehrhaus sein Ziel erreicht: Die Teilnehmer gehen hungrig und mit der Lust nach Hause, einmal etwas Neues zu probieren. (Theresia Lipp)

Nähere Informationen auf der Internet- und der Facebookseite des Münchner Lehrhauses der Religionen


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