Sportsucht Fit bis zum Umfallen

23.05.2019

70 Prozent aller Jungs zwischen zehn und 17 Jahren sind mit ihrem Körper unzufrieden. Fitness kann da zur Sucht werden. Caritas-Berater Christian Strobel bietet Hilfe an.

Mehr Selbstwertgefühl durch mehr Muskeln - das kann gefährlich werden.
Mehr Selbstwertgefühl durch mehr Muskeln - das kann gefährlich werden. © interstid - adobe.stock.com

mk online: Ein durchtrainierter Körper, kein Speck an den Hüften, was kann denn daran schlecht sein oder süchtig machen?
Christian Strobel:
Zunächst einmal: Sport ist gut. Aber ich habe Patienten, die können damit nicht mehr aufhören. Die rutschen dann in eine Schleife und machen neun bis zehn Mal Sport in der Woche. Nach dem Unterschied, wo ist es noch normaler Sport und wo wird’s kritisch, werde ich oft gefragt. Die Antwort darauf ist relativ einfach: Wenn Sport zu stören beginnt und sich immer mehr in den Vordergrund drängt: Also wenn ich mich gezwungen fühle, ins Training zu gehen, auch wenn ich krank bin und der Körper Ruhe und keine Bewegung braucht. Wenn mir also alles andere und mir nahestehende Menschen gleichgültig werden.

mk online: Was sind das für Menschen, die an dieser Sportsucht leiden?
Strobel:
Das sind Leute wie du und ich. Ich habe Schüler mit guten Noten in der Behandlung, Familienväter oder auch den Kfz-Mechatroniker, den die Freundin zu mir schickt. Die meisten Betroffenen kommen tatsächlich auf Druck ihrer Angehörigen, die ihnen sagen, dass sie da ein Problem haben. Sportsüchtige sagen die Teilnahme an Familienfeiern ab, weil sie an diesem Tag gerade trainieren müssen. Oder sie begründen die Absage damit, dass es auf dem Fest Torte gibt und sie momentan nichts als Eiweiß essen können, um den Muskelaufbau nicht zu stören. Andere Betroffene fahren nicht mehr in den Familienurlaub, weil es da keine Fitness-Studios gibt und stehen auch mit Grippe auf dem Laufband. Wie bei anderen Suchtkrankheiten bagatellisieren die Patienten das und behaupten, sie könnten jederzeit aufhören, nur wollen sie das zurzeit nicht oder noch nicht. Und das perfide bei der Sportsucht ist eben, dass Sport ja allgemein als gesund gilt.

mk online: Was sind denn die Ursachen, wenn jemand nicht mehr aus dem Fitness-Studio herauskommt?
Strobel:
Das sind vor allem drei Säulen: Ein relativ geringes Selbstwertgefühl, das ich durch körperliche Leistung ausgleiche. Dann spielt Emotionsregulation eine Rolle: Ich ärgere mich furchtbar über meinen Chef, meine Partnerin und oder meinen Partner und nach vier Stunden im Fitness-Studio habe ich mich ausgetobt und es geht mir endlich besser. Natürlich kommt es da oft zu sich selbst verstärkenden Kreisläufen: Am nächsten Tag bin ich wieder angespannt, weiß, der Sport gleicht das aus und ich probiere nichts anderes mehr, um Ärger oder Probleme zu lösen. In der Therapie geht es dann darum, diesen Menschen Alternativen aufzuzeigen. Schließlich gibt es Menschen, die unter einem verzerrten Körperselbstbild leiden, unbedingt schlanker oder muskulöser werden wollen. Das kennen wir auch aus dem Bereich der Ess-Störungen: Das dünne Mädchen, das sich vor dem Spiegel viel zu dick vorkommt. Das lässt sich auch auf Sport- und Muskelsucht übertragen.

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Der Psychologe Christian Strobel (31) arbeitet bei der Münchner Caritas und berät dort Menschen mit Ess-Störungen oder Sportsucht.
Der Psychologe Christian Strobel (31) arbeitet bei der Münchner Caritas und berät dort Menschen mit Ess-Störungen oder Sportsucht. © SMB/Markota

mk online: Wie sieht denn die Behandlung eines solchen Patienten aus?
Strobel:
Wir schauen zunächst mal, wie viel Sport lässt sich reduzieren und dann sprechen wir darüber, warum es den Patienten dann nicht gut geht und warum ihre innere Anspannung steigt. Die meisten sehen zudem ihren eigenen Körper oft sehr negativ, leiden unter einer Körperselbstbild-Wahrnehmungsstörung, daran arbeiten wir und natürlich auch an den psychischen Hintergründen. Oft ist es, wie gesagt, ein mangelndes Selbstwertgefühl, das durch Muskelpakete ausgeglichen werden sollen. Vorbeugen lässt sich dem nur durch Aufklärung. Vor allem an Schulen. Da werden besonders die Jungs oft allein gelassen, denn oft wird übersehen, dass die Sportsucht das männliche Pendant zur meist als weiblich beschriebenen Magersucht ist. Studien haben festgestellt, dass bis zu 70 Prozent aller Jugendlichen mit ihrem Körper und ihren sichtbaren Muskeln unzufrieden sind. Und das führt zu alarmierenden Entwicklungen: Eine Studie hat beispielsweise ergeben, dass fünf Prozent der befragten Jugendlichen, die ins Fitnessstudio gehen, anabole Steroide zu sich nehmen. Das kann zu schweren Herz- und Kreislaufproblemen führen, die sogar tödlich enden können.

mk online: Wir sind ja zurzeit in der Wallfahrer-Saison, da werden ja oft lange und anstrengende Touren bewältigt. Kann sich Muskelsucht auch hinter der Leidenschaft fürs Pilgern verbergen?
Strobel:
Jede Aktivität, die mich zwingt, über meine Grenzen zu gehen, die mich auslaugt, mir aber die Illusion gibt, mich dadurch besser zu fühlen und Probleme in den Griff zu bekommen, kann Sportsuchtgefährdete anziehen. Natürlich ist nicht jeder Wallfahrer ein Patient. Aber ich kann mir schon vorstellen, dass Pilgern eine Domäne ist, um körperliche Grenzen auszuloten und vor allem der Trainingsaspekt gesehen wird. Insofern kann es zu Verbindungen mit Sportsucht kommen.

Der Autor
Alois Bierl
Chefreporter Sankt Michaelsbund
a.bierl@st-michaelsbund.de


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