Brauchtum Fragen und Antworten zum Heiligen Martin

11.11.2019

Er teilte seinen warmen Soldatenmantel mit einem Bettler. Er entsagte seinem sicheren Offiziersleben und legte sich als Sozialbischof mit Staat und Kirche an. Sankt Martin - ein beliebter Heiliger, für unsere Zeit erklärt.

Der Heilige Martin ist Patron der Bettler, Geächteten und Kriegsdienstverweigerer.
Der Heilige Martin ist Patron der Bettler, Geächteten und Kriegsdienstverweigerer. © Adelaide Di Nunzio/KNA

Wofür steht der heilige Martin?
In Europa bräuchte es heute mehr von seinem Schlag: Die Not der anderen ging dem römischen Soldaten Martin (316/17-397) über seine eigene Karriere. Buchstäblich grenzüberschreitend war er und hatte den klaren Blick für den Nächsten. Ein Christ, der im entscheidenden Moment seines Lebens barmherzig war und "an die Ränder" ging. Der heilige Martin steht für Frieden und Solidarität, für mehr Aufmerksamkeit gegenüber Randgruppen. Er ist Patron der Bettler, der Geächteten und der Kriegsdienstverweigerer.

Warum wird der Martinstag am 11. November gefeiert?
N
ormalerweise ist der Todestag eines Heiligen automatisch auch sein Namenstag im Jahreskalender. Tatsächlich aber starb der heilige Martin am 8. November während eines Pfarreibesuchs im Örtchen Candes am Loire-Ufer. Damals drängten die Bürger von Tours auf die Herausgabe ihres Bischofs - doch in Candes wollte man ihn behalten. Am Ende entführten die Tourains ihn bei Nacht und treidelten ihn den Fluss hinunter. Und überall am Ufer sprossen laut Überlieferung plötzlich weiße Blüten: der "Sommer des heiligen Martin" mitten im November! Drei Tage später, am 11., fand in Tours die Beisetzung statt.

Wofür steht der Martinstag (11. November) im Jahreskalender?
Der Martinstag war traditioneller Pacht- und Zahltag; es wurde geschlachtet und viel in Naturalien gezahlt. Gänse und frische Wurst waren im Umlauf - ein Grund, warum Landarbeiter und Kinder am Ende des bäuerlichen Wirtschaftsjahres um die Häuser zogen, sangen, Segen wünschten und mit Naturalien belohnt wurden. Nach dem Martinstag begann die 40-tägige Fastenzeit vor Weihnachten ("Martinsquadragese"). Also wurde noch mal ordentlich hingelangt - wie noch heute an den Tagen vor Aschermittwoch. Und das, obwohl Martin selbst, der mönchische Einsiedler und Bischof, ein ausgemachter Asket war. In Frankreich gibt es sogar die Bezeichnung "Martinsschmerzen" ("mal de Saint-Martin") für Bauchweh und Kater nach einem Gelage.

Und wie wird das Schlachten der Martinsgans in der Legende erklärt?
Es wird berichtet, die Bürger von Tours wollten den Einsiedler Martin als ihren Bischof haben. Unwillig, sein zurückgezogenes Leben aufzugeben, habe sich Martin im Gänsestall versteckt - wurde jedoch von den schnatternden Gänsen verraten. Diesen Verrat müssen sie bis heute teuer bezahlen.

Was haben die protestantischen Preußen mit dem heiligen Bischof Martin und dem Brauchtum am Martinsabend zu tun?
Seit jeher wurde der Martinsabend mit seinen Martinsfeuern als ausgelassenes Fest gefeiert. Entsprechend sorglos-undiszipliniert agierte die Dorfjugend - erst recht, wenn sie sich nicht ausreichend beachtet fühlte. Zum Ende des 19. Jahrhunderts wünschten sich die Preußen in ihren Rheinlanden mehr "Zucht und Ordnung"; und so kanalisierten sie das Brauchtum des Holens und Sich-Organisierens von Nahrungsmitteln in ein Geben und Zuteilen. Ein reitender Sankt Martin - eine fromme Autoritätsperson also - ging einem "ordentlichen" Fackelzug voran. An einem zentralen Feuer (statt vieler kleiner, unbeaufsichtigter) verteilte Martin an alle Kinder Süßigkeiten: einen Weckmann und/oder eine Martinstüte. Bis heute ist in manchen Regionen das "Singen", "Heischen", "Gripschen" oder "Kötten" von Tür zu Tür verpönt - während es anderswo fest zum Martinsbrauchtum dazugehört.

Mit einem Laternenzug in der Münchner Innenstadt erinnern Kinder und Erwachsene am Abend des 11. November an den heiligen Martin. Das teilte die Pressestelle des Erzbistums München und Freising am Dienstag mit. Ab 17 Uhr gestalten unter dem Motto "Teilen wie Sankt Martin" Jugendliche von der Katholischen Jungen Gemeinde München und Freising auf dem Marienplatz ein Martinsspiel. Danach führt der Zug über Weinstraße, Schäfflerstraße, Löwengrube, Maxburgstraße und Ettstraße zur Jesuitenkirche Sankt Michael. Er wird angeführt von einem Reiter und begleitet von Weihbischof Rupert Graf zu Stolberg.

Was ist aus dem halben Mantel geworden?
Als Martin seinen Mantel mit dem Bettler teilte und damit Militäreigentum beschädigte, beging er eine Straftat, auch wenn damals nominell die Hälfte dem römischen Staat und die andere dem Soldaten selbst gehörte. Heute gilt der halbe Mantel als ein Zeichen christlicher Barmherzigkeit. Im Mittelalter wurde er von den Frankenkönigen als Glücksbringer mit in die Schlacht geführt. Später verlieren sich seine Spuren.

Im spätantiken Latein hieß der mantelartige Umhang "cappa". Die Cappa des heiligen Martin war eine der bedeutendsten Reliquien des Reiches. Zu seiner Bewachung wurden eigens Geistliche abgestellt, sogenannte Kapellane. Sie betreuten auch die jeweilige "Kapelle", also jene Gotteshäuser, in denen die Cappa aufbewahrt wurde. Bis heute ist der "Kaplan" ein Geistlicher für besondere Aufgaben und die "Kapelle" ein Gotteshaus ohne unmittelbare Zuweisung für die Pfarrseelsorge. Oder aber eine Gruppe von Musikanten, die ursprünglich wohl für die liturgische Gestaltung von Gottesdiensten an der "Cappa" zuständig waren.

Warum ist in Frankreich das Martinsbrauchtum fast völlig vergessen?
In Frankreich, wo Martin als Bischof von Tours wirkte, kennt kaum jemand mehr seine Legenden und Geschichten. Ein wichtiger Grund dafür ist, dass der fromme Oberkommandierende der Westalliierten im Ersten Weltkrieg, Marschall Ferdinand Foch, das Datum der deutschen Kapitulation auf den 11. November 1918 legte, den Martinstag. Für das Bewusstsein um den heiligen Martin war das (ungewollt) ein Bärendienst. Denn bis heute ist der 11. November in Frankreich zwar ein Feiertag - aber als staatlicher "Tag des Waffenstillstands", an dem der Veteranen und Gefallenen gedacht wird und nicht des heiligen Bischofs aus der Antike.

Warum gab es in jüngster Zeit immer wieder Debatten um den Martinstag?
In den vergangenen Jahren entstanden zum Teil heftige Diskussionen, wenn Kindergärten, Schulen oder Stadtverwaltungen Martinsumzüge und Martinsfeste - tatsächlich oder nur vermeintlich - in Lichterfeste, Laternenumzüge oder "Sonne-Mond-und-Sterne-Feiern" umbenannten. Als Grund wurde oft eine Rücksichtnahme auf Nichtchristen genannt oder vermutet, insbesondere auf Muslime. Kritiker sprachen von Verweltlichung oder gar von einem "Verrat am christlichen Abendland". (kna)

Video


Das könnte Sie auch interessieren

© Kiderle

München am Mittag Arzt trifft Abt

Seine heilenden Hände haben schon Dutzenden Fußballlegenden geholfen: Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt ist unter den Mannschaftsärzten eine Legende.

11.11.2019

Mit selbstgebasteltenen Laternen ziehen die Kinder beim Martinsfest durch die Straßen
© imago images/Panthermedia/xfoto-gromadx

Heiliger als aktuelles Vorbild Sankt Martin wirkt tief in die Gesellschaft

In diesen Tagen ist es wieder so weit: tausende Kinder gehen auf die Straße und feiern mit Selbstgebastelten Laternen, einem kleinen Theaterspiel und Liedern einen der bekanntesten Heiligen in der...

11.11.2019

Die Aktion "Meins wird Deins" ruft dazu auf, gut erhaltene Kleidung zu spenden.
© pixabay

Spendenaktion Wie Sankt Martin Kleider teilen und Kindern helfen

"Meins wird Deins" lautet das Motto der Kleiderteilaktion von "aktion hoffnung" und dem Kindermissionswerk "Die Sternsinger". Als Vorbild dient der Heilige Martin.

09.11.2019

Eine einfache Anleitung für eine dekorative Laterne aus Papier.
© smb

Bastelanleitung Last Minute Laterne für Sankt Martin

Am 11. November ist der Gedenktag des Heiligen Martin. Noch keine Laterne gebastelt? Hier eine schnelle und einfache Anleitung für eine dekorative Laterne zum Martinsfest.

08.11.2019

Sankt Martin: ein beliebtes Fest für Kinder
© Fotolia.com

Sankt Martin 1700 Jahre alter Helfer in der Not

Seit Wochen sind in den Kindergärten wieder fleißig Laternen gebastelt und Lieder geübt worden. Zu Ehren eines Heiligen, der für Barmherzigkeit und Hilfsbereitschaft steht: Sankt Martin. Der ist rund...

10.11.2018

Sankt Martin in der Münchner Jesuitenkirche Sankt Michael 2017
© Kiderle

Sankt Martin Vorbild für Groß und Klein

Die Legende des Heiligen Martin begeistert heute noch die Menschen. Rund um seinen Gedenktag am 11. November finden im Erzbistum wieder eindrucksvolle Umzüge statt - vor allem für Kinder.

08.11.2018

© SMB/schmid

Sendung vom 30. Oktober: Sankt Martin - mal anders

Die schönsten Laternen basteln, Lieder einstudieren und nebenher noch Martinsgänse oder Martinsmänner backen - nicht jedes Pädagoge freut sich auf die Herausforderungen, die das Sankt Martins Fest mit...

30.10.2018

Jetzt neu für Rosenheim: Der mk-online Newsletter

Wir informieren Sie über Aktuelles, Gottesdienste, besondere Veranstaltungen und Neues aus Religion und Gesellschaft.
Jetzt abonnieren