Umstrittene Widerspruchsregelung Fragen und Antworten zur Reformdebatte über Organspende

14.01.2020

Wie ist die Organspende geregelt? Wie viele Organspenden gab es 2019? Wie ist die Organspende in anderen europäischen Ländern geregelt? Antworten rund um das Thema Organspende.

Ein ausgefüllter Organspendeausweis
Das System der Organspende in Deutschland wird zur Zeit heftig diskutiert. © Julia Steinbrecht/KNA

Warum kommt es zu dieser Debatte?

Seit Jahren liegt Deutschland europaweit bei den Organspenden am Tabellenende; die jährlichen Spenderzahlen sind im Keller. Um den Trend umzukehren, hat der Bundestag im vergangenen April ein Gesetz zur Verbesserung der Strukturen in der Transplantationsmedizin beschlossen. Doch manchen Politikern und Gesundheitsexperten reicht das nicht. Sie wollen die Bürger stärker verpflichten, sich mit der Organspende auseinanderzusetzen und ihre Position dazu zu dokumentieren.

Wie viele Organspenden gab es 2019?

Im vergangenen Jahr haben in Deutschland 932 Menschen nach ihrem Tod Organe gespendet. Das waren 23 wenige als im Vorjahr. Ihnen wurden 2.995 Organe entnommen; im Vorjahr waren es 3.113. Bundesweit wurden 2019 in den 46 Transplantationszentren 3.192 erfolgreiche Organübertragungen durchgeführt. 3.023 Patienten profitierten davon. Darin enthalten sind Organe, die Deutschland über den Verbund Eurotransplant aus dem Ausland bekommen hat.

Wie ist die Organspende geregelt?

In Deutschland regelt das 1997 verabschiedete Transplantationsgesetz diesen Bereich. Um Missbrauch oder Organhandel zu verhindern, sieht das Gesetz eine strikte organisatorische und personelle Trennung der Bereiche Organspende, Vermittlung und Transplantation vor. Für die Koordination der Spende ist die Deutsche Stiftung Organtransplantation (DSO) zuständig.

Wo werden die Organe entnommen?

Derzeit gibt es in Deutschland rund 1.300 Krankenhäuser mit Intensivstation, die Organe entnehmen dürfen. Sie sind seit 2012 verpflichtet, Transplantationsbeauftragte zu bestellen, die potenzielle Organspender identifizieren, melden und die Angehörigen begleiten sollen. Die Übertragung der Organe erfolgt in den bundesweit etwa 50 Transplantationszentren.

Was besagt die geltende Zustimmungslösung?

Seit 1997 gilt in Deutschland eine erweiterte Zustimmungslösung: Nur wenn der Verstorbene zu Lebzeiten ausdrücklich einer Organentnahme zugestimmt hat, dürfen die Organe auch entnommen werden. Erweitert wird die Regelung dadurch, dass auch die Angehörigen oder vom Verstorbenen dazu bestimmte Personen berechtigt sind, über eine Entnahme zu entscheiden. 2012 hat der Bundestag eine weitere Ergänzung beschlossen. Die sogenannte Informationslösung sieht vor, jeden Bürger mindestens einmal im Leben zur Bereitschaft für oder gegen eine Organspende zu befragen. Die Krankenkassen wurden verpflichtet, alle Bürger in regelmäßigen Abständen über die Organspende zu informieren. Die Entscheidung soll dokumentiert werden.

Prominente Politiker fordern jetzt einen Systemwechsel zu einer Widerspruchslösung. Warum?

Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU), der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach und auch die Bundesärztekammer fordern angesichts der geringen Zahlen an Organspenden die Einführung einer Widerspruchslösung. Hat der Verstorbene einer Organentnahme zu Lebzeiten nicht ausdrücklich widersprochen, können die Organe zur Transplantation entnommen werden. Nach dem Gesetzentwurf werden in dem Fall, in dem keine Willensbekundung des potenziellen Spenders vorliegt, auch die Angehörigen befragt. Sie dürfen dabei aber nicht ihre eigene Meinung geltend machen, sondern werden ausschließlich gefragt, ob sie eine Meinungsäußerung des potenziellen Spenders kennen.

Was spricht für eine Widerspruchslösung?

Durch sie wird der Kreis potenzieller Spender erweitert. Der Staat geht von einer grundsätzlichen Bereitschaft zur Organspende aus; das soll auch die Solidarität in der Gesellschaft fördern. Befürworter verweisen darauf, dass Länder mit Widerspruchslösung höhere Transplantationszahlen hätten. Kritiker bezweifeln diesen Zusammenhang: Spanien etwa, das die weltweit höchsten Spenderraten vorweisen kann, habe bereits 1979 die Widerspruchslösung eingeführt - ohne Ergebnis. Erst Maßnahmen der Vertrauensbildung und der Einbeziehung der Angehörigen hätten dann für die hohen Spenderzahlen gesorgt. Das gelte auch für Schweden.

Welche Argumente gibt es gegen die Widerspruchslösung?

Eine Widerspruchslösung wird auch in Deutschland schon seit Jahrzehnten diskutiert - und immer wieder verworfen. Kritiker halten sie für verfassungswidrig und kontraproduktiv, weil sie das Misstrauen in die Transplantationsmedizin noch erhöhen könnte. Sie verweisen darauf, dass in Deutschland auch kleinste medizinische Eingriffe der Zustimmung des Patienten bedürfen; das dürfe für die Organspende nicht ausgehebelt werden.

Was sagen die Kirchen?

Sie lehnen die Widerspruchslösung ab, wie sie kurz vor Weihnachten in einem gemeinsamen Brief an die Abgeordneten mitteilten. Nach ihrer Ansicht muss die Organspende eine bewusste und freiwillige Entscheidung bleiben.

Die Alternative zur Widerspruchslösung ist die Entscheidungslösung. Was bedeutet das?

Eine Gruppe von Abgeordneten um die Parteivorsitzenden der Grünen und Linken, Annalena Baerbock und Katja Kipping (Linke), wollen, dass die Organspende weiter eine freiwillige und bewusste Entscheidung bleibt. Laut ihrem Gesetzentwurf sollen die Bürger regelmäßig etwa bei der Verlängerung ihrer Ausweise nach ihrer Bereitschaft zur Organspende befragt werden. Hausärzte sollen ihre Patienten mindestens alle zwei Jahre über eine mögliche Spende beraten. Die Antworten sollen dann in einer zentralen Datenbank registriert werden.

Wie ist die Organspende in anderen europäischen Ländern geregelt?

Der Blick auf die europäischen Staaten zeigt einen bunten Flickenteppich. Allerdings überwiegt die Widerspruchslösung. Eine erweiterte Zustimmungslösung gibt es in Dänemark, Island, Litauen, Rumänien, der Schweiz sowie in England, Nordirland und Schottland.

Eine Widerspruchslösung gilt etwa in Belgien, Bulgarien, Estland, Finnland, Frankreich, Griechenland, Irland Italien, Kroatien, Lettland, Liechtenstein, Luxemburg, Malta, Norwegen, Österreich, Polen, Portugal, Schweden, Slowakei, Slowenien, Spanien, Tschechien, der Türkei, Wales und Ungarn. Unterschiedlich sind in diesen Staaten die Einspruchsrechte von Angehörigen geregelt. (kna)


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