Emilia Müller im Interview „Frauen sind sachorientierter“

13.11.2018

Emilia Müller, ehemalige bayerische Sozialministerin und neue Landesvorsitzende des KDFB, spricht über 100 Jahre Frauenwahlrecht.

Emilia Müller
Emilia Müller © SMB/Schlaug

München – Gleichberechtigt feiern sollte man das 100. Jubiläum des Freistaats und des Frauenwahlrechts. Sowieso sei beides untrennbar miteinander verbunden, erklärt Emilia Müller im Interview, Landesvorsitzende des Katholischen Deutschen Frauenbundes (KDFB). Denn mit der Abschaffung der Monarchie sei das allgemeine Wahlrecht eingeführt werden: „Es sollte keine Unterschiede mehr geben zwischen den Ständen, auch keine Unterschiede zwischen den Geschlechtern.“ Denn der Wunsch nach Mitbestimmung kenne keine Grenze zwischen Mann und Frau.

Am 12. November 1918 beschloss die Räteversammlung das Frauenwahlrecht. Eigentlich waren die Bayern dem Rest des Landes voraus. Vier Tage zuvor hatte Kurt Eisner bereits die Räterepublik ausgerufen und eben auch das Frauenwahlrecht. Bis Frauen dann das erste Mal wählen durften, dauerte es aber noch ein paar Monate. Erst am 12. Januar 1919 war es soweit. Über 82 Prozent Wahlbeteiligung bei Frauen und sieben Frauen im bayerischen Landtag seien damals eine „große Errungenschaft“ gewesen, erklärt Müller.

Anzugträger in der Mehrheit

Seitdem haben Frauen die politische Kultur und auch die Politik selbst verändert. Inzwischen sei es selbstverständlich geworden, dass eine Frau Bundeskanzlerin ist. Aber wie man auch auf internationalem Parkett sehen könne, sei das noch die Ausnahme: „Die Anzugträger sind da immer in der Mehrheit und Frauen tun gut daran, ein farbiges Sakko anzuziehen, um herauszustechen“, sagt Müller.

Frauen hätten ihre eigenen Themen mit eingebracht. Vor allem in der Familien- und Sozialpolitik. Dass die Möglichkeiten in Sachen Kinderbetreuung in Deutschland vielfältiger geworden sind und auch immer wieder auf der Tagesordnung stehen, sei Frauen zu verdanken. Dabei ist es eigentlich ein Thema, was Männer genauso betrifft und inzwischen machen ja auch Männer Familienpolitik. Bei anderen Themen fänden Perspektivwechsel statt. Bei Sicherheit zum Beispiel. Männer reden da „über mehr Polizei“, Frauen eher über Lebensmittelsicherheit oder den Schulweg der Kinder.

Sachpolitik vor Karriere

Nicht nur die Themen ändern sich, auch der Ton und der Stil. „Frauen sind sehr sachorientiert, Männer sind mehr machtorientiert“, erklärt sie. Das läge auch am Weg in die Politik. Oft kommen Frauen in die Politik, weil sie konkret Dinge verändern wollen und nicht um Karriere zu machen. Wie Emilia Müller selbst: Sie ist in die Politik gekommen, um die Betreuungssituation ihrer Kinder zu ändern. Denn bei den damaligen Kindergartenöffnungszeiten von 8.15 bis 11.00 Uhr ließ sich vielleicht gerade mal der Haushalt erledigen, von einer (Halbtags-)Stelle ganz zu schweigen.

Das hat sie zwar mit ihren Mitstreiter(innen) erreicht, aber noch liegt viel Arbeit vor ihr. Gerade in der Politik selbst: Bei nur 27 Prozent Frauen im neu konstituierten bayerischen Landtag könne man am Fortschritt zweifeln, gibt sie unumwunden zu. Noch mehr aber als auf Landesebene müssten in der Kommunalpolitik Fortschritte gemacht werden. Besonders hier sei der Weg für Frauen schwieriger. Männer hätten alte Netzwerke, Frauen eher nicht. Auch müssen alte Strukturen durchbrochen werden und Rollenbilder sich ändern. Deswegen plädiert sie auch für strukturelle Veränderungen: „Ich bin für die Quote auf den Listen“. (Thomas Stöppler)


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