Corona und häusliche Gewalt Frauenhaus-Leiterin macht Lockdown Sorgen

21.01.2021

Mehr als sonst sind Frauen und ihre Kinder gewalttätigen Ehemännern oder Partnern ausgeliefert. Cornelia Trejtnar vom SkF-Frauenhaus im Landkreis München befürchtet, dass viele in der Pandemie viel schwerer Hilfe holen können als sonst.

Der Lockdown macht es schwieriger, sich bei häuslicher Gewalt Hilfe zu suchen.
Der Lockdown macht es schwieriger, Frauen vor häuslicher Gewalt zu schützen. © Imago

München - Wenn das Diensttelefon tagelang nicht klingelt, wird Cornelia Trejtnar unruhig. Sie leitet das Frauenhaus des Sozialdienstes katholischer Frauen (SkF) im Landkreis München. Durch die Coronapandemie haben es die Opfer häuslicher Gewalt nämlich deutlich schwerer, sich Hilfe zu holen, die sie vielleicht gerade dringend bräuchten: Frauen und ihre Kinder, die Schläge und Brutalität aushalten müssen, und nicht zum Telefonhörer greifen oder eine E-Mail schreiben können. „Vor dem ersten Lockdown hatten wir pro Woche bis zu zehn, manchmal dreizehn Anrufe von Frauen in einer Notsituation.“ Im März und April des vergangenen Jahres rührte sich dagegen fast niemand mehr bei Cornelia Trejtnar. Danach schossen die Anrufe wieder in die Höhe und das Frauenhaus war gefragt wie selten zuvor.

Vorbereitete Hilferufe

Andere Frauenhäuser hätten damals ähnliche Beobachtungen gemacht, so Cornelia Trejtnar. Im Gegensatz zum Frühjahr 2020 sei die Zahl der Hilfesuchenden im zweiten Lockdown fast so hoch wie zu normalen Zeiten. „Aber machen wir uns nichts vor, für Frauen ist es zurzeit viel schwieriger, sich bei uns zu melden, denn die Gefährder sind jetzt ja im Home-Office oder in Kurzarbeit und damit viel mehr zuhause.“ Das bedeutet, dass sie ihre Opfer ständig kontrollieren und sogar bei den Einkäufen begleiten können.

Diejenigen Frauen, die sich zurzeit bei Cornelia Trejtnar meldeten, „haben zwischen den Lockdowns eine Strategie ausgearbeitet und sich auch vorbereitet, einen gewalttätigen Partner gegebenenfalls schnell verlassen zu können “. Gefährdete Frauen, die keine entsprechenden Vorkehrungen getroffen hätten, könnten das unter den akuten Bedingungen der Pandemie jetzt nicht nachholen. „Viele Gefährder enthalten ihren Frauen zum Beispiel bewusst wichtige Unterlagen wie den Personalausweis, Aufenthaltsgenehmigungen oder Lohnsteuerkarten vor“, erklärt die Leiterin des Frauenhauses.

Abgestellte Türklingel

„Außerhalb der Pandemie ist es da für uns natürlich viel leichter, die Betroffenen da zu beraten, wenn die Männer nicht daheim sind.“ Aber nun sitzen die Peiniger eben daheim und können ihre Opfer auf Schritt und Tritt kontrollieren und eingreifen. „Wir hatten erst kürzlich einen Fall, in dem das Jugendamt alarmiert war, aber tagelang nicht in die Wohnung kam, weil der Mann die Klingel abgestellt hatte.“ Die Beratungsstellen und Frauenhäuser müssen also davon ausgehen, dass es auch im zweiten Lockdown viele Betroffene gibt, die sich in ihrer Not nicht nach außen wenden können.

Bei Verdacht Polizei rufen

Umso wichtiger sei es, dass insbesondere Nachbarn sich trauen, die Polizei oder auch Beratungsstellen anzurufen, wenn sie die vermuten, dass Frauen oder Kinder misshandelt werden. Das ist nicht einfach, weil niemand eine bisher gute Nachbarschaft aufs Spiel setzen will, wenn sich der Verdacht als haltlos herausstellt. Die entsprechenden Stellen können besorgten Anrufern aber zumindest einen Rat geben, wie sie weiter reagieren sollen, falls sie laufend das Gefühl hätten, dass es in der Nachbarfamilie zu Gewalttätigkeiten kommt. Dazu ermutigt Cornelia Trejtnar ausdrücklich, auch das Frauenhaus des SkF im Landkreis München habe dafür ein offenes Ohr: „Besser einmal zu viel nachfragen, Stellen aufmerksam machen und Bedenken mitteilen als gar nichts zu tun.“ Das ist ihr jedenfalls lieber, als wenn das Telefon ständig still bleibt und sie befürchten muss, dass irgendwo Frauen und Kinder Gewalt erleiden, hilflos sind, und es niemanden interessiert.

Der Autor
Alois Bierl
Chefreporter Sankt Michaelsbund
a.bierl@st-michaelsbund.de

Dieser Artikel gehört zum Schwerpunkt Corona - Pandemie

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