Leben im Strafvollzug Freiheit im Gefängnis?

15.11.2019

Inwiefern ist ein Gefangener noch frei? Norbert Trischler, 29 Jahre lang Gefängnisseelsorger, und ein Gefangener über einen veränderten Bezug zum Begriff Freiheit.

Hände hinzer Gitterstäben
Gibt es Freiheit im Gefängnis? © bnenin - stock.adobe.com

Wer erleben will, was Freiheit für das persönliche Leben bedeutet, der muss ins Gefängnis gehen. Denn am ehesten erkennen wir den Wert einer Sache, wenn wir sie nicht mehr zur Verfügung haben. Freiheitsentzug, so lautet die Strafe, im Namen des Volkes ausgesprochen. Früher wurden als Strafen körperliche Züchtigungen (Abtrennung von Gliedmaßen bis hin zur Todesstrafe) oder Ehrenstrafen (Aberkennung der Bürgerrechte, öffentliche Demütigungen) verhängt. Heute ist es nur noch eine Geldstrafe oder Freiheitsentzug. – Nur noch? Was bedeutet dieser Entzug des Grundrechtes der persönlichen Freiheit für den inhaftierten Menschen? Denn es ist wohl unbestritten, dass Gefangene weiterhin Menschen mit Recht auf würdevolle Behandlung (Artikel 1 Grundgesetz) sind.

Was Freiheitsentzug bedeutet

„Die Freiheit ist unser höchstes Gut“, sagen manche. Wie schmerzlich ist es da, wenn du plötzlich nicht mehr darüber bestimmen kannst, wohin du gehst, wann du deine Zelle verlässt, wen du besuchen möchtest et cetera. Deine etwa acht Quadratmeter große Zelle hat innen an der Tür keine Klinke, so dass du stets darauf warten musst, dass der Beamte die Türe aufsperrt. Du verfügst nur über geringe Kommunikationsmöglichkeiten. Wenn du kein illegales Handy eingeschmuggelt hast, musst du darauf warten, dass du Post von deinen Lieben bekommst. Und die wird zensiert und dauert in der Untersuchungshaft bis zu zwei Wochen. Die Inhalte der Briefe und deine Antworten sind dann nicht mehr sonderlich aktuell.

In U-Haft bekommst du alle zwei Wochen eine halbe Stunde Besuch. In Strafhaft kommst du auf vier Stunden im Monat. Wie soll man da die Beziehung zu den Kindern oder zum Ehepartner pflegen können? Die Folgen für die Angehörigen, die Schädigungen für die Kinder sind enorm. Sie sind mit bestraft. Familien werden zerstört, Ehen zerbrechen! Freiheitsentzug bedeutet, du bist aus deinem sozialen Umfeld ausgeschlossen und nimmst nicht am gesellschaftlichen Leben teil. Doch dadurch können ganze Existenzen von Inhaftierten und ihren Familienmitgliedern wirtschaftlich und sozial zerstört werden.

Die Menschen werden dadurch oft desozialisiert und kaum resozialisiert. Doch irgendwann werden die meisten der inhaftierten Menschen wieder entlassen und sollen als Mitglied der Gesellschaft leben können. Mal ehrlich: Wollen Sie als Ihren Nachbarn einen gut resozialisierten Menschen haben oder einen, der durch die Haft noch mehr gebrochen und zerstört und dadurch mehr rückfallgefährdet ist, eine Gefahr für Sie und Ihre Familie?

Hilfe zur „Menschwerdung“

Man sperrt Tiere in einen Käfig und diese werden dann oft „neurotisch“. Wie viel mehr ist es bei Menschen notwendig, ihnen statt Strafe und einfachem Wegsperren Hilfe zur „Menschwerdung“ anzubieten, Liebe statt Hiebe! In Einzelfällen (das ist eher die Ausnahme!) gelingt das durchaus schon in der Haft, wenn der Mensch dazu bereit ist, sich selbst auf den Weg zu machen und die wenigen Angebote zu nutzen. Das belegt folgendes Selbstzeugnis eines Gefangenen, den ich vor Jahren in der Justizvollzugsanstalt (JVA) begleiten durfte. Er schreibt von einer anderen Art der Freiheit, die er im Gefängnis entdeckt hat:

„Irgendwie finde ich es genauso faszinierend wie verrückt, was ich jetzt nach 49 Jahren auf dieser Welt erleben muss und darf: Nun sitze ich seit Monaten hier in der JVA München-Stadelheim eine Haftstrafe ab und habe über mich und mein Innerstes mehr erfahren als all die Jahre zuvor in Freiheit. Durch die Begleitung der Seelsorge, die Emmaus-Gesprächsgruppen und viel Zeit zum Nachdenken habe ich einen neuen Schatz in mir entdecken können. Apropos Freiheit: Ist es denn wirklich die so hoch gepriesene Freiheit da draußen vor den Gefängnismauern? Wenn ich an die Leute (einschließlich mich selbst) denke, die ich tagtäglich in ihrer Hektik und Eile erlebte, mit all dem Stress, den sie sich antun, nur um von dieser Gesellschaft akzeptiert und geachtet zu werden, in der nur Geld, materielle Werte und äußerlicher Erfolg zählen …! Inzwischen bin ich stark am Zweifeln, ob das wirklich Freiheit ist, ob das wirklich das erstrebenswerte Leben ist, ob das überhaupt wirkliches Leben ist?Wenn ich über mein bisheriges Leben nachdenke – und dazu habe ich hier genug Zeit –, dann habe ich manches erreicht: Auto, Motorrad, schöne Wohnung, gutes Gehalt und den einen oder anderen Urlaub. Aber es gab auch etwas, das in meinem Dasein eine absolute Rarität war: Fast nie gab es in meinem Leben Ruhe! Stille verband ich mit Stillstand und das war für mich gleichbedeutend mit Zeitverschwendung. Ruhe bedeutete für mich Faulheit, mangelndes Leistungsvermögen oder Stagnation. Sogar meine wenige Freizeit war überfüllt von Aktionismus. Ist doch verrückt, oder?Jetzt fällt mir auf, dass ich Angst vor der Stille und Ruhe hatte. Ich hatte mich im Innersten nie wirklich von Gott und der Kirche entfernt. Aber erst jetzt im Knast fand ich richtig zu Gott und zum Glauben. Hier gibt es Menschen, die mich auf diesen Weg (zurück-)führten. Hier lernte ich, mit Stille und Ruhe umzugehen. Inzwischen freue ich mich oft über den Moment des Nachteinschlusses, wenn Ruhe auf der Abteilung einkehrt …Jetzt weiß ich, dass jedes Gebet und jede Einkehr in sich selbst die Quelle der Kraft sind. In keiner Beziehung und Partnerschaft konnte ich dauerhaftes Glück finden, weil ich in mir selbst keine Ruhe und keinen Frieden hatte. Ich glaube, es war Gottes Wille, dass ich in Haft kam, um endlich zu lernen, dass die Stille mich zur inneren Ruhe und die Ruhe und das Gebet mich zum Glauben führen. So tat sich das Tor zum wirklichen und glücklichen Leben auf, mein Weg zur inneren Freiheit. Nun liegt es an mir, diesen Weg der inneren Freiheit weiterzugehen, jetzt in der Haft und dann draußen in der äußeren Freiheit. Gott hat mir den richtigen Weg gezeigt, ich muss ihn gehen.“

Im Gefängnis kannst du lernen, was Freiheit bedeutet. Und das auf ganz unterschiedliche Weise! (Norbert Trischler, ehemaliger Gefängnisseelsorger in Stadelheim, Seelsorger für wohnungslose Menschen in München)

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