Berufung im Missbrauchsverfahren von Kardinal Pell Freispruch oder alles auf Anfang?

13.11.2019

Wohl 2020 wird Australiens oberstes Gericht über Pells Berufung gegen seine Verurteilung als Missbrauchstäter entscheiden.

Kardinal Pell beim Verlassen den Gerichts im Juni 2019.
Kardinal Pell beim Verlassen den Gerichts im Juni 2019. © imago

Canberra – Die Entscheidung von Australiens oberstem Gericht macht weltweit die Schlagzeile: "High Court lässt Berufung zu". Das stimmt aber nicht ganz. "Die Richter Michelle Gordon und James Edelman haben entschieden, dass die Berufung von allen Richtern (des obersten Gerichts) zugelassen werden muss", erklärt Ben Mathews, Jura-Professor an der Technischen Universität von Queensland, der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA). Darüber würden die fünf oder vielleicht gar alle sieben Richter frühestens nach der australischen Sommerpause Anfang Februar befinden, so Mathews, der als Rechtsexperte für die staatliche Missbrauchskommission tätig war.

High Court muss Berufung endgültig zulassen

Wenn der High Court die Berufung endgültig zulässt, könnte das Berufungsverfahren sofort beginnen. Mathews entwirft mehrere Szenarien über den Ausgang des Verfahrens: Das Gericht könnte Pell freisprechen, das Urteil bestätigen oder modifizieren oder gar ein komplett neues Verfahren anordnen.

Pell war im Dezember 2018 von einer Jury für schuldig befunden worden, vor über 20 Jahren als Erzbischof von Melbourne zwei Chorknaben sexuell missbraucht zu haben. Im Februar wurde der ehemalige Finanzchef des Vatikan zu sechs Jahren Haft verurteilt. Und im August wiesen zwei von drei Richtern eines Gerichts in Melbourne Pells Berufung gegen seine Verurteilung zurück.

Unterschiedliche Reaktionen auf Entscheidung

Der jetzige Berufungsantrag der Verteidiger des 78-Jährigen gründete sich auf das Minderheitsvotum von Richter Mark Weinberg. Der versierte Jurist hatte die Glaubwürdigkeit des betroffenen Mannes in Zweifel gezogen, warf seinen beiden Kollegen verfahrenstechnische "Irrtümer" vor und sprach sich für einen Freispruch Pells aus.

Die Reaktionen auf die Entscheidung des High Court fielen kontrovers aus. "Der Fall ist noch immer vor Gericht, und deshalb geben wir keinen Kommentar ab", ließen Pells Verteidiger über die Erzdiözese Sydney verlauten. Erzbischof Anthony Fisher, Pells Nachfolger in Sydney, betonte: "Es bleiben viele Fragen. Hoffentlich beginnt das Berufungsverfahren so schnell wie möglich."

Missbrauchsopfer entsetzt

Erzbischof Mark Coleridge, Vorsitzender der Australischen Bischofskonferenz, sagte: "Ein schon bisher langwieriges und schwieriges Verfahren geht in die Verlängerung. Wir können jetzt nur hoffen (...), dass das oberste Gericht Klarheit und eine Lösung des Falls bringt." Der Vatikan sprach der australischen Justiz sein Vertrauen aus.

Missbrauchsopfer und ihre Angehörigen zeigten sich dagegen in australischen Medien entsetzt über die wahrscheinliche Zulassung der Berufung. Er sei "am Boden zerstört", sagte der Vater eines Mannes, der ursprünglich der zweite Kläger gegen Pell war, 2014 aber an einer Überdosis Heroin gestorben war.

Pell bleibt in Haft

Der Pell-Fan und Kolumnist der konservativen Murdoch-Presse Andrew Bolt feierte in seinem Kommentar für die "Herald Sun" die Entscheidung des High Court als einen Quasi-Freispruch. Zudem zog Bolt die juristische Kompetenz der beiden Richter in Zweifel, die in dem Berufungsverfahren im August Pells Verurteilung bestätigt hatten: "Deren Glaubwürdigkeit steht jetzt in Frage."

Pell bleibt wohl einstweilen weiter in Haft. Weil er allerdings in Melbourne in einer Justizvollzugsanstalt für Kurzzeithäftlinge einsitzt, könnte er jetzt in die 200 Kilometer entfernte JVA Hopkins verlegt werden. Das würde nicht einer bitteren Ironie entbehren. Denn dort verbüßt der langjährige Pell-Freund und Pastor Gerald Ridsdale (85) eine 29-jährige Haftstrafe für 138 Missbrauchsfälle. 1993 sagte Pell als damaliger Erzbischof von Melbourne vor Gericht zugunsten Ridsdales aus. Obwohl er in den 70er Jahren mit diesem in Ballarat zusammengewohnt habe, habe er nichts von dessen pädophiler Veranlagung bemerkt, erklärte Pell damals. (kna)


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