Widerstandsgeschichte Fritz Gerlich brachte Hitler zum Toben

05.08.2021

Der Podcast 12 Momente aus 200 Jahren beschäftigt sich in seiner neuen Folge mit dem katholischen Publizisten Fritz Gerlich, der sich aus christlicher Überzeugung scharf gegen den Nationalsozialismus stellte und deshalb ermordet wurde.

Fritz Gerlich in seiner Zeit beim "Geraden Weg."
Fritz Gerlich in seiner Zeit beim "Geraden Weg". © privat

München - Das Fluchtauto in die Schweiz steht bereit. Fritz Gerlich braucht nur die Redaktion an der Hofstatt, einem etwas abgelegenen Winkel im Herzen Münchens zu verlassen, um unauffällig einzusteigen. Doch der Herausgeber und Chefredakteur der Wochenzeitung „Der gerade Weg“ bleibt an seinem Schreibtisch sitzen. Es ist der 9. März 1933 und die neuen nationalsozialistischen Machthaber sind jetzt auch in Bayern am Ruder, einige Wochen später als im Rest des Reiches. Und in München sitzt mit dem konvertierten Katholiken Fritz Gerlich einer ihrer Todfeinde. Der „Führer“ soll getobt haben, wenn er Gerlichs scharfe und durch zuverlässige Quellen gedeckten Angriffe vorgelegt bekam. Meistens war er einer der ersten Leser, denn „Der gerade Weg“ hatte zeitweise dieselbe Druckerei wie der „Völkische Beobachter“. Das Büro von Adolf Hitler bekam stets die druckfrischen Exemplare des gegnerischen Blattes vorgelegt, in dem der Chefredakteur scharfsichtig die Judenverfolgung, den entfesselten Weltkrieg und die Verwüstung Europas durch die Nationalsozialisten voraussah und vor einer politischen und menschlichen Katastrophe warnte.

Gedenktafel in der Münchner Innenstadt

Der 81jährige Tilman Steiner steht vor der großen Gedenktafel für Fritz Gerlich an der Hofstatt, wo früher der ausgedehnte Zeitungskomplex stand, in dem auch „Der gerade Weg“ seine Redaktionsräume hatte. Umrankt von Weinlaub hängt sie an der Wand zu einer Tiefgaragenabfahrt. Steiners Vater Johannes war Geschäftsführer des Verlags und damit einer der engsten Mitarbeiter Gerlichs. „Mein Vater hatte größte Hochachtung vor dessen Entscheidung am 9. März das Land nicht zu verlassen, denn sonst hätte sich die aufmarschierende SA an die Belegschaft gehalten“, erzählt Tilman Steiner. Die SA-Leute stürmten die Redaktion mit den Worten: „Wo ist der Gerlich, die Sau!“ Als sie ihn am Schreibtisch fanden, misshandelten sie ihn sofort schwer. Tilmann Steiners Vater wischte Gerlich das Blut aus dem Gesicht.

Schwere Misshandlungen

„Das Tuch war lange in unserem Besitz, es ist das einzige körperliche Zeugnis, das von ihm übriggeblieben ist.“ Die Familie hat das Stück Stoff aus Respekt und einer Ahnung, dass es einmal eine Reliquie werden könnte, aufbewahrt. Vor einigen Jahren haben es die Steiners an die Erzdiözese München und Freising übergeben, die einen Seligsprechungsprozess für den Märtyrer Fritz Gerlich eingeleitet hat.  Denn der 9. März war erst der Anfang eines langen Leidensweges. Zusammen mit anderen Mitarbeitern des Geraden Wegs kam Gerlich zunächst ins Polizeipräsidium an der Münchner Ettstraße. Wie er erhofft hatte, wurde seine Belegschaft bald nachhause geschickt. Über ihn entlud sich aber die ganze Wut der Schlägertruppe. Ein SA-Mann soll ihm auf den Händen herumgetrampelt sein, damit er nicht mehr gegen die braune Bewegung anschreiben konnte.

In Dachau ermordet

Ein paar Wochen danach schlugen ihn seine Peiniger erneut bis aufs Blut und wollten ihn anschließend zum Selbstmord zwingen. Gerlich verweigerte das, sank auf die Knie und betete. Offenbar beeindruckte das sogar die Schergen und sie ließen von ihm ab. Vieles ist durch Mitgefangene überliefert oder durch Gespräche mit Besuchern. Denn nach Berichten aus dem Ausland über die Misshandlungen erhielt Gerlich zwischenzeitlich einige Hafterleichterungen. Die Beseitigung innerparteilicher Gegner beim sogenannten Röhmputsch nutzten Hitler und seine Gefolgsleute jedoch, um sich auch prominenter Oppositioneller wie Fritz Gerlich zu entledigen. Sie ließen ihn in der Nacht vom 30. Juni auf den 1. Juli 1934 ins Konzentrationslager Dachau bringen und dort erschießen. Den Leichnam äscherten sie zusammen mit anderen Toten ein.

Märtyrer mit schwierigem Charakter

Am Tag seiner Ermordung hatte Gerlich von seiner Zelle im Polizeipräsidium aus noch auf die Türme Frauenkirche gesehen. Auf den Stufen vor dem Hauptportal kniete er spät am Abend oft nieder. Johannes Modesto geht an diesen Stufen nie vorbei, ohne an Gerlich zu denken. Der promovierte Theologe ist für den Seligsprechungsprozess des 1883 geborenen NS-Gegner zuständig. Nach einer Begegnung mit der stigmatisierten Therese Neumann aus Konnersreuth war Gerlich „verwandelt“, so Modesto. Dabei hatte er die Wundmale der Mystikerin als Schwindel entlarven wollen und war deshalb nach Konnersreuth gefahren.  Gerlich erlebte danach eine Gottesbeziehung, die ihn bereit zum Märtyrertum machte.  Dabei war der zur katholischen Kirche konvertierte Journalist keinesfalls ein Tugendbold: Der arbeitssüchtige Gerlich war jähzornig, soll sogar einmal ein Bierglas nach einem Kollegen geworfen haben, trank selbst oft zu viel und lebte zeitweise von seiner Frau getrennt.

Der Wahrheit und dem Recht verpflichtet

„Heiligenleben sehen nun einmal sehr unterschiedlich aus“, erklärt Johannes Modesto. „Da ist es auch vorgesehen, dass sich Menschen entwickeln, es muss niemand schon im Kinderwagen einen Rosenkranz gebetet haben, überspitzt gesagt.“  Tilmann Steiner hält eine Seligsprechung Gerlichs in jedem Fall für gerechtfertigt. „Er ist ein Vorbild als unabhängiger Journalist, der persönliche Verantwortung wahrgenommen hat“, sagt er. Steiner war selbst viele Jahre lang ein prominenter Fernsehjournalist und Hochschullehrer für Publizistik. Sein Glaube und sein Gewissen hätten Gerlich geradezu genötigt, sich gegen eine menschenverachtende Ideologie zu stellen. Angesichts „der heutigen Beutezüge in den Sozialen Medien“ ist Steiner angst und bange, dass demokratiefeindliche Kräfte die Demokratie und Grundrechte ein zweites Mal bedrohen. Eine Seligsprechung des Katholiken und Publizisten Fritz Gerlich wäre da ein wichtiges Zeichen für dessen gelebte Botschaft, „der Wahrheit und dem Recht verpflichtet zu sein“. Dann zupft Tilmann Steiner etwas von dem Weinlaub ab, das die Tafel an der Hofstatt allmählich zu überwuchern droht.

Podcast-Tipp

12 Momente aus 200 Jahren Der „Führer“ tobte, wenn er einen Artikel von Fritz Gerlich aus dessen Zeitung „Der gerade Weg“ vorgelegt bekam. Kaum jemand hat den Nationalsozialismus so scharf angegriffen wie dieser unerschrockene Publizist. Von der Mystikerin Therese Neumann geprägt, büsste er seinen Widerstand mit dem Leben. Dieser Podcast erzählt 2021 monatlich von Menschen, Orten und Dingen aus der Geschichte des Erzbistums München und Freising, das 1821 errichtet wurde. Damit kamen Veränderungen, die noch heute nachwirken. > zur Sendung

Der Autor
Alois Bierl
Chefreporter Sankt Michaelsbund
a.bierl@st-michaelsbund.de


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