Heimatlos? Froh, dass er genommen wurde

08.08.2017

Samuel, der aus Eritrea nach Deutschland geflüchtet ist, weiß nicht, wo seine Heimat ist. Aber er ist glücklich und dankbar, dass er in Deutschland bleiben kann.

Obwohl die katholische Kirche in Eritrea staatlich anerkannt ist, werden Christen dort unterdrückt und verfolgt. © imago

In den drei Jahren, seit er nun hier lebt, hat Samuel (Name geändert)die deutsche Sprache wirklich gut erlernt. Er hat auch viel dafür getan, hat keine Chance ausgelassen, sich Vokabeln aufzuschreiben, hat mit einem Übersetzungsprogramm auf dem Handy geübt und ist auch von Anfang an sooft er konnte, in die Geschäfte im Ort gegangen, hat dort nach Semmeln gefragt, nach Äpfeln und Schuhen in Größe 43. Samuel ist 25 Jahre alt, und es ist schon erstaunlich, mit welcher Zielstrebigkeit er seinen Weg gemacht hat, der im nordafrikanischen Eritrea begonnen und in einem kleinen bayerischen Dorf geendet hat. Wobei, am Ende ist Samuel natürlich noch lange nicht – er hat eine Menge Pläne –, aber angekommen in einem sicheren Land, wo er nicht mehr um sein Leben fürchten muss. Beinahe zum ersten Mal in seinem Leben. Doch obwohl der junge Mann die neue Sprache schon so gut beherrscht, kann er nichts damit anfangen, wenn man ihn fragt, wo denn nun eigentlich seine Heimat ist. „Eritrea“, sagt er, „das war damals. Heute ist Deutschland.“

Damals, das war ein Leben, das man sich auch nach noch so vielen Schilderungen kaum vorstellen kann, wenn man ein Hiesiger ist und selbst nie eine Diktatur erlebt hat, so wie sie in Eritrea herrscht. Samuels Familie hatte eine kleine Obstplantage, die seine Eltern, seine drei Brüder und zwei Schwestern gerade so ernährt hat. Samuels Job als jüngster Sohn war es, die geernteten Früchte vom Dorf in die Hauptstadt Asmara zu bringen, wo sie schließlich verkauft wurden. Nebenbei hat er in einer Hinterhof-Autowerkstatt mit Handlangerarbeiten ein bisschen was dazuverdient. Alles Geld, das er und die anderen erwirtschaftet hatten, kam in die gemeinsame Familienkasse und wurde auch dringend fürs tägliche Leben benötigt.

Seine Brüder wurden verschleppt

Wie gesagt, kein Leben in Saus und Braus, aber eines, das in Ordnung war und noch lange hätte so weitergehen können. Wären da nicht eines Tages Militärpolizisten vor der Tür gestanden und hätten ohne Vorwarnung, dafür aber umso harscher, genauer gesagt mit Gewehren im Anschlag, Samuels ältere drei Brüder dazu gezwungen, mit ihnen zu kommen. Alles Reden, Bitten und Betteln war zwecklos. An diesem Tag hat Samuel seine Brüder zum letzten Mal gesehen. Niemand weiß, was aus ihnen geworden ist. Ein Schicksal, das Samuels Familie mit vielen anderen teilt. De jure ist Eritrea zwar eine demokratische Republik, de facto aber stehen Menschenrechtsverletzungen aller Art auf der Tagesordnung. Besonders betroffen davon: Christen wie Samuel und seine Familie. Viel Zeit blieb nicht, das war allen klar. Es würde nicht lang dauern, bis wieder Männer kämen, um auch noch den jüngsten Sohn zu verschleppen.

Also drückte Samuels Vater seinem Sohn das bisschen Ersparte in die Hände und schickte ihn auf eine Reise, von der niemand wissen konnte, wie sie enden würde. Von seinem viele tausend Kilometer langen Marsch mag Samuel nicht gern erzählen. Irgendwann, so viel wird klar, wurde er in der Wüste zusammen mit anderen überfallen und gefangengenommen. Drei Monate hat das Martyrium dort gedauert. Bei einem Fluchtversuch wurde Samuel angeschossen. Er zieht die Jeans über seinen rechten Unterschenkel, der nur noch aus Narbengewebe zu bestehen scheint, mittendrin klafft ein mehrere Zentimeter großes Loch, über das sich eine dünne Hautschicht gebildet hat. „Aber ich habe gelebt“, lächelt der drahtige Mann und meint damit wohl, dass er überlebt habe.

Grillen mit den Jungs aus dem Fußballverein

Mittlerweile ist sein Asylantrag, den er vor zwei Jahren gestellt hat, positiv beschieden worden. Samuel darf in Deutschland bleiben und hat vor kurzem von seinem Arbeitgeber, einer Kfz-Werkstatt, das Angebot bekommen, eine Lehre zu machen. An dem Tag hat Samuel gestrahlt wie ein kleines Kind, als er nach der Arbeit nach Hause in die Gemeinschaftsunterkunft gekommen ist, um allen die freudige Nachricht mitzuteilen. „Ich bin so glücklich, dass Deutschland mich genommen hat“, sagt er. Endlich könne er nachts wieder ruhig schlafen. Vor allem dann, wenn er am Abend beim Fußballtraining gewesen ist. Im örtlichen Verein ist er seit vergangenem Jahr und hat da auch die Jungs kennengelernt, die er Freunde nennt. Nächstes Wochenende wollen alle zusammen grillen. Darauf freut sich Samuel.

Und er will davon ein Foto machen und es auf Facebook posten. „Meine Schwester kann mich dann sehen“, erklärt er. Ob er vorhabe, seine Familie eines Tages in Eritrea zu besuchen? „Zu gefährlich“, sagt Samuel und schüttelt den Kopf. Dann wird er sehr nachdenklich. Jetzt besser nichts mehr fragen, denn in diesem Moment ist sehr klar, dass Samuel vielleicht nicht weiß, was Heimat ist. Heimweh hingegen kennt er nur zur gut.

Die Autorin
Susanne Holzapfel
Münchner Kirchenzeitung
s.holzapfel@st-michaelsbund.de

Dieser Artikel gehört zum Schwerpunkt Heimat und zum Thema Heimat

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