Theologie Fünf Gedanken zur Kunst des Predigens

15.03.2021

Wolfgang Lehner leitet das Priesterseminar St. Johannes in München. Er weiß, wie eine gute Predigt aufgebaut sein muss.

Ein Priester steht an einem festlich geschmückten Altar am Ambo, in der Hand hält er ein Manuskript. Die Kirche ist gut gefüllt, das Gesicht des Priesters ist nicht zu sehen.
Predigten können schnell allzu belehrend oder langweilig werden. © stock.adobe.com - Hannes Mallaun

1. Eine Predigt ist keine Rede

Wer predigt, tut das nicht aus eigenem Antrieb, sondern im Auftrag der Kirche; entweder aufgrund der Weihe oder einer besonderen Sendung. Abgesehen davon ist der erste Prediger Gott selbst, der in der Heiligen Schrift zu uns spricht; bereits jedes einzelne Wort Gottes kann eine enorme Wirkung entfalten – wer predigt, muss sich deshalb immer bewusst sein, in wessen Vertretung er oder sie steht. Das bedeutet, dass die Predigt natürlich den Regeln und der Kunst des Sprechens folgen muss, aber mehr ist als eine gute Rede: Die Predigt aktualisiert einen Aspekt der Wahrheit des Evangeliums. Man kann sie deshalb mit der Musik vergleichen: Jede Predigt muss genauso mit der Botschaft der ganzen Kirche harmonieren, wie eine Melodie sich auf die Gesetze der musikalischen Harmonie beziehen muss. Glaubt eine Melodie, dies nicht zu müssen, wird das Experiment musiktheoretisch hochinteressant –  hören will so was aber dann niemand mehr.

2. Predigt ist Theologie

Wer eine Predigt hören möchte, erwartet eine Auslegung eines Schrifttextes oder die Aktualisierung eines Kirchenfestes. Wenig interessant dagegen ist etwa die detaillierte Erzählung, was dem Prediger vergangene Woche beim Edeka in der Warteschlange an der Kasse passiert ist. Predigt ist angewandte Theologie, das heißt: Sie greift einen theologischen Gedanken auf, den Text oder Tag bieten, ordnet ihn in das Ganze des Glaubens ein und versucht zu zeigen, warum der Gedanke heute wichtig ist. Das kann ziemlich anspruchsvoll sein, weil sich die Texte nicht immer gleich erschließen. Doch genau darin besteht der Reiz der Theologie, und genau dazu gibt es das Studium und die Ausbildung in der Homiletik, der Predigtlehre. Ziel ist, eine manchmal komplexe Idee so zu vereinfachen, dass sie sogar für einen Kindergottesdienst tauglich ist. Und Kinder sind, das habe ich im Religionsunterricht oft genug erlebt, ganz erstaunliche Theologen. Wem es gelingt, seine Hörer auf einen „theologischen Spaziergang“ mitzunehmen, der hat schon gewonnen.

3. Eine schlechte Predigt ist immer zu lang

Wie lange eine gute Predigt dauern darf, damit beschäftigen sich unzählige Pfarrerwitze. Eine schlechte Predigt ist immer zu lang; bei einer guten merkt man gar nicht, wenn es länger dauert. Als praktische Faustregel gilt, dass ein Spannungsbogen von etwa fünf bis zehn Minuten gut verdaulich ist. Bei Bischöfen hingegen bedingt die Standesgnade häufig, dass eine Predigt selten unter einer Viertelstunde dauert; warum, bleibt eines der Geheimnisse der Kirche. Wer auch immer am Ambo steht: Einfach, mit einem klaren Thema und einem deutlichen Spannungsbogen, einer bilderreichen Sprache und einem prägnanten Beispiel zu predigen, ist ein bewährtes Erfolgsrezept. Man muss auch nicht die ganze Welt erklären – wer in der Predigtvorbereitung diese Binsenweisheit beherzigt, entlastet sich und die Gemeinde. Die eingesparte Energie kann man stattdessen in einen pfiffigen Anfang und einen coolen Schluss investieren.

4. Eine gute Predigt bietet einen Zuspruch

Wie schlecht die Welt ist, bekommen wir täglich in Fernsehen, Zeitung, Radio und Internet demonstriert. Niemand braucht also eine Predigt, in der zu hören ist, wie schlecht die Welt ist und dass sie täglich noch schlechter wird. „Evangelium“ heißt „frohe Botschaft“, und das muss in jeder Predigt deutlich werden. Wir Christen haben einen großen Mehrwert im Wort Gottes, in der Liturgie der Kirche, in der Feier der Sakramente, in der Gemeinschaft der Gläubigen – all das ist ein Grund zur Freude, die sich auch in der Predigt niederschlagen darf, ohne dass sie naiv werden muss. Gerade in schwierigen Zeiten tut ein gutes, aufbauendes Wort immer gut; die Menschen brauchen Ermutigung, die nicht nur aus ein paar netten Worten besteht, sondern in der liebenden Gegenwart Gottes gründet – womit wir wieder bei Nummer 2 wären: „Predigt ist Theologie“. Bei nahezu jeder Gelegenheit lässt sich aus den Texten der Heiligen Schrift eine begründete und ehrliche Ermutigung formulieren; den „Kleinen Prinzen“ oder die „Spuren im Sand“ sollte man den Trauerrednern des Bestatters überlassen.

5. Eine gute Predigt formuliert einen Anspruch

Nettes hört jeder gern, beim Anspruch wird’s kniffliger – aber eine gute Predigt darf nicht auf ihn verzichten. Bei keiner Gelegenheit hat Jesus gesagt: „Du bist toll, so wie du bist; bleib einfach so!“ Immer hat er eine Mahnung oder eine Botschaft zur Umkehr mit auf den Weg gegeben; jedoch nicht in der Absicht, die Menschen zu demütigen, sondern um ihnen zum wahren Leben zu verhelfen. Das muss auch die Absicht einer Predigt sein: Sie muss einen Anspruch formulieren, das eigene Leben im einen oder anderen Punkt zu verbessern. Dieser muss allerdings alltagstauglich sein. Er darf sich nicht an „die da oben“ richten oder an „die anderen“, die sowieso nicht da sind, und schon gar nicht an „die Bösen“, die sowieso die Kirche und die Welt kaputt machen. Nein, der homiletische Anspruch muss ein kleines Ziel für die Anwesenden enthalten, das sich im Lauf einer Woche von jeder und jedem zumindest unter einem Aspekt verwirklichen lässt. Wer dann am nächsten Sonntag wiederkommt und für sich selbst feststellt, dass die eine oder andere Kleinigkeit gelungen ist, wird sich im Nachhinein noch über die Predigt freuen und motiviert sein, auch den nächsten Impuls umzusetzen. In der Wirtschaft würde man das Kundenbindung nennen.

Predigen und Kochen haben eines gemeinsam: Eine Garantie gibt’s nicht, dass alles gelingt – aber die richtigen Zutaten sind schon der halbe Erfolg. (Wolfgang Lehner, Regens des Priesterseminars St. Johannes der Täufer in München)


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