Impuls Für Gott die Hand ins Feuer legen

22.09.2019

Wirklich ist nicht nur das, was jetzt ist, findet Pater Cornelius Bohl, sondern auch das, was noch sein kann, und das, was sein wird.

Zur Realität des Glaubenden gehört auch das, was noch sein kann, und das, was sein wird, meint Pater Cornelius Bohl.
Zur Realität des Glaubenden gehört auch das, was noch sein kann, und das, was sein wird, meint Pater Cornelius Bohl. © paul – stock.adobe.com

Rosa Luxemburg steht nicht gerade im Verdacht, eine gefragte Kirchenlehrerin zu sein. Ein Gedanke von ihr aber ist für mich eine wichtige Leitlinie für Glauben im Alltag. Die revolutionärste Tat, so hat sie einmal gesagt, bestehe darin, „zu sagen, was ist“. Das haben die Propheten getan, die schonungslos soziale Missstände aufdeckten. Jesus selbst hat scharf eine leere Schau-Frömmigkeit kritisiert. In der NS-Diktatur haben überzeugte Christen menschenverachtendes Unrecht beim Namen genannt und diese Ehrlichkeit mit ihrem Leben bezahlt.

Wie schwer fällt es der Kirche heute zum Teil noch immer, dazu zu stehen, dass sie durch ihr System spiritualisierte und sexualisierte Gewalt gefördert und dadurch Verbrechen an Menschen begangen hat. Auch in meinem persönlichen geistlichen Leben ist es eine der größten Herausforderungen, realistisch zu mir selbst zu stehen, im Gebet oder im Sakrament der Versöhnung. Echter Glaube demaskiert, reißt Fassaden ein, verhindert die Flucht in illusionäre Traumwelten. Solche Wahrhaftigkeit ist schmerzvoll. Aber sie tut gut. Die Wahrheit macht frei, sagt Jesus.

Sagen, was ist, ist wichtig. Aber als Christ kann ich dabei nicht stehen bleiben. Allein das Annehmen der Wirklichkeit kann auch zu Resignation und Depression führen. Genau so viel Mut braucht es, zu sagen, was sein soll und sein kann. Das, was ist, ist eben nicht alles: Ich kann neu anfangen. Wir können im Leben, in der Gesellschaft, in der Politik etwas verändern. Die Kirche ist zu ständiger Umkehr aufgerufen. Wer sagt, was sein soll und sein könnte, wird leicht als Moralist abgetan oder als naiver Gutmensch belächelt. Aber mal ehrlich: Wie arm wäre unsere Welt, wenn niemand mehr Hoffnungen, Träume und Visionen hätte.

Pater Cornelius Bohl ist Provinizialminister der Deutschen Franziskanerprovinz.
Pater Cornelius Bohl ist Provinizialminister der Deutschen Franziskanerprovinz. © privat

Christen sind Realisten

Sagen, was ist. Sagen, was sein soll. Für mich als Christen kommt noch ein Drittes hinzu: Sagen, was sein wird. Nicht im Sinn einer platten Futurologie. Niemand kann mit Sicherheit Zukunft vorhersagen. Ich kann ja noch nicht einmal für mich selbst die Hand ins Feuer legen. Aber als Glaubender lege ich die Hand ins Feuer für den treuen Gott: Er wird uns tragen, bis wir alt und grau sind. Sein Geist wird die Kirche auch morgen führen. Christus wird bei uns sein bis ans Ende der Welt. Und wenn einmal alles vorbei ist, mein Leben und meine Welt, dann werden wir für immer bei ihm sein. Solche Zukunftsansagen finden sich momentan nicht unbedingt unter den Top Ten christlicher Verkündigung. Ich finde, sie gehören dazu.

Glauben im Alltag: Sagen, was ist. Sagen, was sein soll. Sagen, was sein wird. Und zwar zuerst zu mir selbst. Christen sind Realisten. Wirklich aber ist nicht nur das, was jetzt ist. Zur Realität des Glaubenden gehört auch das, was noch sein kann, und das, was sein wird.


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