Nationalsozialismus Fußball im KZ Dachau: Tod und Spiele

09.07.2018

Wenn im Konzentrationslager Dachau ab 1942 ein Fußballspiel angepfiffen wurde, begann ein makabres Nebeneinander von Mord und Sport.

Eingangstor der KZ-Gedenkstätte Dachau
Eingangstor der KZ-Gedenkstätte Dachau © SMB

Dachau – Wenn die Luxemburger spielten, wollte es keiner verpassen. In Windeseile hatte sich im Lager herumgesprochen, welch talentierte Sportler die Mannschaft zu bieten hatte. Noch bevor der Schutzhaftführer Traugott Redwitz sonntags ihr Fußballspiel anpfiff, standen die zuschauenden Häftlinge dicht gedrängt auf dem Appellplatz des Dachauer Konzentrationslagers. Dort fanden ab Frühjahr 1942 regelmäßig Fußballspiele statt, wie Klaus Schultz, Diakon der Evangelischen Versöhnungskirche in der KZ-Gedenkstätte, und Andreas Wittner, Archivar der Erlebniswelt FC Bayern München, kürzlich bei einem Themenrundgang durch die Gedenkstätte berichteten.

Propaganda-Bilder

Für die Nationalsozialisten waren die angeordneten Turniere vor allem ein Mittel der Propaganda: Der Welt sollte das Bild eines beschaulichen, abwechslungsreichen Lagerlebens präsentiert werden. Selbst von feindlichen Flugzeugen aus sollte ein munteres Gerangel um den Ball erkennbar sein. Auch versprachen sich die Nazis durch die sportliche Betätigung der Häftlinge, die weitgehend in der Rüstungsindustrie schuften mussten, eine höhere Produktivität und Arbeitsmoral. Dabei wurde auf demselben Platz gespielt, auf dem täglich Häftlinge schikaniert und öffentlich zu Tode geprügelt wurden.

Für die mehr als 30.000 Häftlinge, die zeitweise in Dachau zusammengepfercht waren, bot Fußball die Möglichkeit, ihr Leid und den Hunger vorübergehend zu vergessen. Der üble Verwesungsgeruch, der ständig vom Krematorium zum Appellplatz zog, trat im Eifer des Gefechts in den Hintergrund. Ferdinand Hackl, der wegen seiner kommunistischen Gesinnung ab 1942 unter den Dachauer Inhaftierten war, schilderte Jahre später, dass auch unter den Aufsehern Fußball sehr beliebt gewesen sein soll. Der Dachauer Schutzhaftführer Redwitz soll es sich sogar in den Kopf gesetzt haben, ein Auswahlspiel durchzuführen und die besten auf eine Art Tournee in andere Konzentrationslager mitzunehmen.

Holzpokal

Redwitz wurde zwar vom Reichs-Sportführer ausgebremst; Hackls schriftliche Einladung zum geplanten Auswahlspiel hat sich aber erhalten. Sie ist Schultz zufolge ein besonderes Schriftstück, weil hier ein Nazi einen Kommunisten mit "Sie" anredet. Zu den Zeugnissen jener Zeit zählt auch ein Holzpokal mit der Aufschrift "Dem ersten Sieger im Fußball. 1944", der heute im ehemaligen Wirtschaftsgebäude zu sehen ist.

Klaus Schultz und Andreas Wittner sind bei ihren Recherchen noch auf viele andere Dokumente des KZ-Fußballs gestoßen. Schriftstücke über Kurt Landauer etwa, der von 1919 bis 1932 Präsident des FC Bayern war, und aufgrund seiner jüdischen Herkunft ins KZ Dachau verschleppt wurde. Nach 33 Tagen in Dachau gelang ihm auf mysteriöse Weise die Flucht in die Schweiz. Die große Ausnahme, wie Schultz zu berichten weiß. Insgesamt waren 22 der rund 100 jüdischen FC Bayern-Mitglieder in Dachau inhaftiert; überlebt und wieder ins Präsidentenamt zurückgefunden hat nur Landauer.

Heftige Diskussionen

Welch widersprüchliche Gefühle die Häftlinge hatten, wenn sie in der gespenstischen Atmosphäre des Dachauer Appellplatzes kicken sollten, belegt ein Bericht des polnischen Priesters Adam Kozlowiecki. Er und seine Mitpriester aus Block 26 sollten gegen die deutschen Priestern von Block 28 antreten. Das führte im Vorfeld zu heftigen Diskussionen. Während die einen nicht auf "blutdurchtränktem Boden einem Ball nachzurennen" wollten, mochten die anderen nicht auf das "bisschen Abwechslung" eines Spiels verzichten.

Schließlich fand die Begegnung statt, und die Deutschen sollen Kozlowiecki zufolge "wild entschlossen" gewesen sein, 5:0 zu siegen. Gewonnen haben letztlich die Polen - 4:1, wobei die Deutschen weniger die Niederlage als solche geschmerzt haben soll als vielmehr die Tatsache, ausgerechnet von Polen besiegt worden zu sein. "Selbst im KZ-Dachau hatte Fußball also einen nationalen und politischen Beigeschmack", so Schultz. (kna)

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