Monat der Spiritualität Gebet der Hingabe

29.10.2018

Das Ruhegebet von Johannes Cassian (360 – 435)

Ikone mit einer Darstellung von Mönchsvater Johannes Cassian
Ikone mit einer Darstellung von Mönchsvater Johannes Cassian © privat

Vielen Menschen durfte ich seit 1971 den Weg zum Ruhegebet zeigen und sie ein Stück auf diesem Weg begleiten. Ich versuchte Mut zu machen, wenn es nicht weiterzugehen schien. Aber auch die Freude, die sich dem ernsthaft Suchenden schenkt, durfte ich mit ihnen teilen. Johannes Cassian, der Mönchsvater (360 – 435), brachte den Hesychasmus, das Gebet der Ruhe, als christliches Gebet ins Abendland. Diese frühe mönchische Spiritualität hat als eine Quelle christlichen Lebens ihre Bedeutung und Aktualität bis heute nicht verloren. Unsere christliche Gegenwart ist von tiefer Sehnsucht nach Verankerung im Glauben und Gotteserfahrung erfüllt und sucht nach alten christlichen Quellen mit überzeugenden und leicht gangbaren Wegen.

Ein allumfassendes Gebet

Cassian war über sechzig Jahre alt, als er die dreißig Jahre zuvor mit verschiedenen Mönchsvätern in der ägyptischen Wüste geführten Gespräche zu einer Schrift zusammenfasste, die er „24 Unterredungen mit den Vätern“ (Collationes) nannte. Es ist verständlich, dass die Frucht seines zum Gebet gewordenen Lebens in die Verarbeitung der Texte einfloss. Seine eigene Lebens- und Gebetserfahrung mit dem Ruhegebet und die damit verbundene große Weite seines Bewusstseins ergänzten ganz selbstverständlich die früheren Gebetsanweisungen seiner Lehrer, zu denen vor allem Evagrius Pontikus (345 – 399) gehörte. Als großes, zusammenhängendes, ausgereiftes geistliches Erbe sind seine Gebetsanweisungen (9. und 10. Unterredung) zu verstehen, die nicht mehr als Gebetsstufen zu begreifen sind, sondern ganzheitlich, allumfassend und zu gleichen Teilen den Betenden zum Wesentlichen führen. Cassian gibt seinem Werk einen besonderen Akzent, indem er die monastische Tradition, die er in Ägypten kennen gelernt und erfahren hat, bewusst den veränderten und neuen Gegebenheiten des Westens anpasst. Zweimal warnt er sogar davor, die eremitische Lebensweise unreflektiert zu übernehmen. So, wie ein lebendiger Organismus die Möglichkeit bietet, von jedem Teil seiner Oberfläche zu der ihn durchflutenden Lebensenergie zu gelangen (wie bei der Pflanze der Saft), so ist für Cassian das Ruhegebet ein umfassendes Gebet, das ständig – immer und überall – einen Zugang zu Gott ermöglicht. Das tiefste Anliegen Cassians ist es, dass der Betende in allem und durch alles in seinem Leben eine Begegnung mit dem Schöpfer erfährt, dem Urgrund allen Seins, mit Gott, der die Liebe ist. Cassian möchte seine Schüler in eine solche Weite des Bewusstseins führen, in der jede Wahrnehmung zu einer Gottesbegegnung wird. Wie Cassian in seiner Zeit durch seine gelebte Spiritualität und seine Werke, die Wissen und Erfahrung verbinden, für viele ein großer Anstoß war, so dürfte auch heute sein Ruhegebet eine Herausforderung sein, aus der Routine des Alltags und der Mittelmäßigkeit des Glaubens herauszutreten, um Entgrenzung zu erfahren.

Nur die Blicke der Seele

Im Gegensatz zur orthodoxen Kirche in Russland und der Tradition auf dem Berg Athos, wo bis heute das „Hesychastische Gebet“ beziehungsweise Ruhegebet in voller Blüte steht, geriet es im Westen durch eine zunehmende „Verkopfung“ in Vergessenheit. Im Sinne von Cassian bedeutet Beten, alles aufzugeben: Gedanken, Gottesbilder, Vorstellungen, den eigenen Willen ... Evagrius Pontikus lehrte Cassian das Ruhegebet, ein rein geistliches Gebet, frei aller Bildlichkeit. Gott darf nicht irgendwie vorgestellt oder vor Augen geführt werden. Es geht um ein völlig bildloses Anschauen – „mit den reinen Blicken der Seele“. Cassian beschreibt genau die Methode des Gebetes. Ein einziger kurzer Satz wird als Mittel benutzt, die nötige Stille zu erlangen. Die Fülle der Gedanken wird durch die strenge Armut eines einzigen Verses mehr und mehr reduziert. Dieser Prozess tiefer Ruhe für Körper, Geist und Seele reinigt das Nervensystem und die Psyche. Er führt somit letztlich zur Reinheit des Herzens. Durch die Übung des Ruhegebetes wird die Reinheit des Herzens zu einem andauernden Zustand, der einen entscheidenden Wendepunkt auf dem spirituellen Weg des Christen darstellt.

Der Autor ist katholischer Pfarrer, Exerzitien-Leiter und vielfacher Buchautor. Weitere Informationen gibt es unter www.peterdyckhoff.de
Der Autor ist katholischer Pfarrer, Exerzitien-Leiter und vielfacher Buchautor. Weitere Informationen gibt es unter www.peterdyckhoff.de © privat

In der Einfachheit Gott begegnen

Das Ruhegebet vermittelt intuitive Erkenntnis der Einfachheit und führt letztlich zu einem erfahrungsmäßigen Wissen um Gott. Freude am Einfach-Dasein wird im Gebet erlebt. Wenn aller „Besitz“ aufgegeben und alles losgelassen wird, dann steht der Betende in absoluter Einfachheit vor Gott. Der Geist kann ganz einfach und leicht in der strengen Armut einer kurzen Anrufung schwingen, bis jener Glückszustand erreicht ist, den das Evangelium„selig“ nennt. So ist auch die erste Seligpreisung zu verstehen: „Selig sind die Armen im Geiste, denn ihrer ist das Himmelreich“ (Mt 5,3). Im Ruhegebet leben, ja, atmen wir die Armut immer mehr. Es ist die einfache, in sich selbst schwingende Ruhe, die den Reichtum der ganzen Schöpfung in sich enthält, die Ruhe, von der auch am siebten Schöpfungstag Gott selbst spricht. (Peter Dyckhoff)

Dieser Artikel gehört zum Thema Monat der Spiritualität

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