Angebot für 20- bis 40-Jährige Gebetskreis ist Freundeskreis

09.03.2018

Jeden Dienstag um 19 Uhr treffen sich die Teilnehmer des Gebetskreises von Sankt Michael in München. Dabei geht es nicht nur um das Beten allein.

Im Gebetskreis wird sich über das kommende Sonntagsevangelium ausgetauscht.
Im Gebetskreis wird sich über das kommende Sonntagsevangelium ausgetauscht. © SMB/Sichla

München – Es ist still. Durch die Fenster dringen in unregelmäßigen Abständen bunte Lichter. Es sind Autos zu hören und von der Kaufingerstraße dringen Stimmen gedämpft in den Raum hinein. Im Inneren sagt niemand was. Nur ab und zu ist zu hören, wie jemand auf dem hellen Hocker seine Sitzposition ändert oder sich räuspert. Dann schleicht sich auch nochmal jemand leise hinein. Jeden Dienstag um 19 Uhr trifft sich der Gebetskreis von St. Michael im Oratorium über der Kreuzkapelle. Nach einem kurzen Impuls geht es in die Stille. In der Mitte vor den über zwanzig Teilnehmern steht eine Jesus-Ikone, Kerzen und frische Blumen. Manche sitzen kerzengerade, manche beugen sich vor, einige haben die Augen auf, andere wiederum geschlossen. Jeder wie er mag.

In der Stille Kraft tanken

Stephan Plarre besucht den Kreis seit seinem Beginn 2013 regelmäßig. Der 44-Jährige kann also getrost als „Gebetskreis-Urgestein“ bezeichnet werden. Er mag diesen Moment der Stille besonders. Hier könne er Kraft tanken und runterkommen, erzählt er. Der Gebetskreis sei für ihn ein geistliches Wellness-Programm. Er fühle sich unter den Menschen wohl und es sei für ihn immer ein schönes Gefühl da zu sein. Der Gebetskreis habe sich auch zu seinem Freundeskreis entwickelt. Ein Gong beendet die Stille. Glieder werden gereckt und Augen geöffnet.

Es wird nicht nur zusammen gebetet: Auch Wanderungen gehören zum Gebetskreis.
Es wird nicht nur zusammen gebetet: Auch Wanderungen gehören zum Gebetskreis. © privat

Nun geht es in den Austausch. Das Tagesevangelium des kommenden Sonntags wird gelesen und im Anschluss darüber gesprochen. Jeder der Teilnehmer kann nun etwas sagen. Dabei ist Pater Gunnar Bauer, der den Gebetskreis leitet, wichtig, dass keiner Sorgen haben muss, kritisiert zu werden. Diese Entspanntheit ist spürbar, so dass sich auch eine Teilnehmerin, die zum ersten Mal da ist, gleich äußert. Der Gebetskreis ist ein Angebot, das sich speziell an 20- bis 40-Jährige richtet. Jeder der Teilnehmer ist auf eine andere Form christlich sozialisiert: Einige haben ihre Erfahrungen in der Ortsgemeinde gesammelt, andere stehen charismatischen Bewegungen nahe und einige fühlen sich der Spiritualität aus Taizé verbunden.

Freiheit und Offenheit im Sinne des Heiligen Ignatius

Sie alle aber verbinde in dem Moment die Ausrichtung auf Gott, so Stefan Einsiedel. Er besucht den Gebetskreis und ist immer wieder überrascht davon, welche unterschiedlichen Erkenntnisse die Teilnehmer aus dem Evangelium ziehen. Die einen spricht eine Stelle besonders an, während andere diese abstößt. Einsiedel begleiten die Erkenntnisse der anderen oft noch in den darauffolgenden Tagen. Die Freiheit und Offenheit, die in dem Gebetskreis herrscht, ist ganz im Sinne des Heiligen Ignatius, sagt Pater Bauer. Der Heilige ist Gründer des Jesuitenordens und sagte, dass jeder so beten soll, wie es für ihn gut sei und wie er Gott finden kann. Der 38-jährige Priester aus St. Michael leitet den Kreis seit knapp drei Jahren.

Die Jesus-Ikone steht für alle sichtbar im Mittelpunkt.
Die Jesus-Ikone steht für alle sichtbar im Mittelpunkt. © SMB/Sichla

Kraft durch das gemeinsame Gebet

Zwischen den einzelnen Elementen wird immer wieder gesungen. Viele Lieder aus Taizé, aber auch aus dem Gotteslob, kommen zum Einsatz. Einige ausgebildete Stimmen tun sich beim Gesang besonders hervor und ziehen die anderen mit. Nach dem Austausch werden die Fürbitten gesprochen. Wer mag, kann sie laut aussprechen. Stephan Plarre findet das schön. So erfahre man von den Teilnehmern noch ein bisschen mehr, was sie gerade bewegt. Es sind sehr persönliche Dinge zu hören – wie zum Beispiel der Tod im Familienkreis oder die Bitte für Freunde, die gerade in schweren Situationen sind. Plarre hofft, dass die Kraft durch das gemeinsame Gebet wirkt.

Eigenen Glauben reflektieren

Der Gebetskreis endet mit dem Vaterunser und dem Schlusssegen. Jeder kann sich einbringen. So sind einige Stunden auch von den Teilnehmern selbst gestaltet. Es werden Phantasiereisen inszeniert, jüdische Tänze ausprobiert und durch Bibliodrama Zugang zum Evangelium verschafft. Diese Methoden sollen dem Einzelnen helfen, den eigenen Glauben persönlich zu reflektieren und zu erfahren, so Bauer.

Jeden Dienstag kommen regelmäßig über 20 Teilnehmer in das Oratorium über der Kreuzkapelle.
Jeden Dienstag kommen regelmäßig über 20 Teilnehmer in das Oratorium über der Kreuzkapelle. © SMB/Sichla

Reise nach Rom

Nach der Stunde stehen alle noch zusammen, es wird geredet, gelacht und die Stille vom Anfang ist verflogen. Danach geht es noch um die Ecke in ein Brauhaus. Der gesellige Teil gehört zum Gebetskreis dazu. Denn jeder Ort, jeder Moment hat das Potenzial den Menschen für Gott zu öffnen, so Bauer. Und für Stefan Einsiedel wäre das Miteinander danach nicht so schön, wenn nicht im Zentrum das gemeinsame Gebet stehen würde. Man lerne im Gebet, dass man nicht alleine ist und sich zuwenden kann. Deshalb gehört neben dem „Bier danach“ auch das Hüttenwochenende, die Adventsfeier und das Sommerfest ganz selbstverständlich dazu. Dieses Jahr steht auch eine Reise an: Im Mai geht es nach Rom. Dort wird es dann neben Gottesdiensten und Gebeten natürlich auch Pizza, Pasta und Wein geben.

Die Autorin
Katharina Sichla
Teamleiterin mk online
k.sichla@st-michaelsbund.de


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