Große Mausohren unterm Kirchendach Geburtsstation und Kindergarten für Fledermäuse

17.07.2020

In großen Dachstühlen fühlt sich das Große Mausohr wohl und zieht dort die Jungen in Kolonien auf. Eine der größten in Südbayern ist in Au bei Bad Aibling zu finden.

Sieht gefährlich aus, passt aber in eine Hand und ist für den Menschen völlig harmlos: Ein Großes Mausohr in Au am Inn.
Sieht gefährlich aus, passt aber in eine Hand und ist für den Menschen völlig harmlos: Ein Großes Mausohr in Au am Inn. © Koordinationsstelle für Fledermausschutz Südbayern

Au im Landkreis Rosenheim - Von Ostern bis Erntedank hat die Kirche in Au bei Bad Aibling Tag für Tag etwa 1000 treue Dauergäste. Sie schlafen dort sogar und kümmern sich um ihren Nachwuchs.  In der Dämmerung werden sie munter und ziehen durch das idyllische Dorf. In dem barocken Gotteshaus Sankt Martin lebt eine der größten Mausohr-Kolonien in Südbayern. Die Fledermaus-Art ist hier in der warmen Jahreszeit zuhause. In Südeuropa bringen die Muttertiere ihre Jungen in Naturhöhlen zur Welt. Die sind in Bayern zu kalt für die Aufzucht und taugen nur als Winterquartier. Die findigen Tiere haben aber entdeckt, vor allem große Kirchendachstühle als ideale Ersatzorte ausgemacht. Sie sind zugleich Geburtsstation und Kindergarten.

Lange Mausohr-Tradition

Wahrscheinlich schon seit Jahrhunderten ziehen die Mausohr-Weibchen in Au ihren Nachwuchs über dem Kirchenschiff groß. Wenn Monika Götzfried am Abend noch in der Kirche oder auf dem umliegenden Friedhof zu tun hat, sieht sie die Mausohren aus ihrem Ausflug am nördlichen Seitenschiff ausschwärmen, wenn sie ihr Futter suchen. Die Mesnerin ist stolz auf die Fledermäuse, weil sie es immer gut findet, „wenn man Naturschutz und Kirche miteinander verbinden kann“. Da macht es ihr auch nichts aus, dass sie im Turm hin und wieder die eingetrockneten  Hinterlassenschaften der Tiere wegkehren muss. In einem Zwischengeschoss ist eine schwere alte Eisentüre eingebaut, die in den Dachstuhl führt und hinter der die Fledermäuse zurzeit gerade ihre Brut aufziehen.

Ausnahmsweise dreht sie den Schlüssel im Schloss um und öffnet langsam die Tür. Tatsächlich sind gerade ein paar Mausohren an diesem Vormittag wach und segeln dicht an Monika Götzfried vorbei und lassen ein leises Fiepen hören. Angst hat sie vor ihnen nicht. Nur einmal ist sie erschrocken. Da ging sie bei Dunkelheit über den Friedhof, die Fledermäuse flatterten umher und plötzlich sah sie hinter einem Grabstein ein Licht.

Nur eine Besuchergruppe pro Jahr

Es waren ein paar Naturforscher, die mit einer Lampe die Tiere beobachteten. Lange bleibt die Mesnerin nicht im Dachstuhl, sondern schließt gleich wieder ab. Nur einmal im Frühjahr dürfen die Erstkommunionkinder in den Dachstuhl hineinschauen. „Die werfen einen Blick hinein und gruseln sich richtig, weil es auch recht stinkt und dann sind sie zufrieden.“ Die Gremien der Pfarrei und Kirchenpflegerin Marianne Spann achten streng darauf, dass die Mausohren ungestört bleiben. Erst kürzlich hatte hat wieder eine Touristengruppe angefragt, ob sie die Fledermäuse nicht aus der Nähe besuchen dürfte: „Das machen wir grundsätzlich nicht“, sagt sie entschlossen, „wir lassen die Mausohren bewusst in Ruhe“. Auch sonst sorgt die Kirchenverwaltung gewissenhaft für ihre geflatterten Gäste.

Bei der großen Kirchenrenovierung vor zwei Jahren wurden die Arbeiten am Dachstuhl im Winter durchgeführt. Weil sie sich bis ins Frühjahr hinein zogen, richteten die Zimmerleute eine eigene Einflugschneise für die Mausohren ein. Wenn sie im Herbst wieder ausziehen, um in verborgenen Alpenhöhlen ihren Winterschlaf zu halten, zieht sich Marianne Spann Gummihandschuhe über und legt einen Mundschutz an, schon lange bevor von Corona die Rede war. Zusammen mit Freiwilligen macht sie dann die Fledermauswohnung sauber. Etwa vier große Plastikwannen voll Kot hinterlässt die Kolonie jedes Jahr. Pfarrer Ernst Kögler hat sich zuletzt zwei Kübel davon mitgenommen und in den Gartenkompost gemischt: „In Maßen soll das ein guter Dünger sein, man muss ihn aber vorsichtig verwenden, weil sonst verbrennt´s die Wurzeln der Pflanzen.“

Menschliche Hilfe für die Flattertiere

Andere Pfarreien mit Fledermauskolonien verkaufen den Dünger sogar gegen eine Spende. Das beobachtet Andreas Zahn immer wieder auf seinen Fahrten zu Großen Mausohren, Hufnasen oder Abendseglern. Der promovierte Biologe von der Koordinationsstelle für Fledermausschutz Südbayern schaut regelmäßig bei seinen Schützlingen vorbei, erhebt den Bestand und berät Gebäudeinhaber, wie sie bei der Arterhaltung helfen können. Auch in Au hat er das getan und ist mit den Ergebnissen sehr zufrieden. Und offenbar sind es die Mausohren auch, denn sonst wären sie ausgezogen. Entscheidend sind „Einflugsöffnungen, die Tauben aussperren, Fledermäuse aber hereinlassen, und der Verzicht auf giftige Holzschutzmittel“. Vor Sanierungen sollten sich Kirchenverwaltungen oder Hauseigentümer außerdem mit der Unteren Naturschutzbehörde in Verbindung setzen. Übrigens können nicht nur Dachböden für Fledermäuse einladend sein. „Es gibt Arten, die gern hinter Fensterläden oder Holzverkleidungen leben und für die lassen sich etwa bei Pfarrheimen an den Außenfassaden oft Verstecke finden.“

Nächtliche Insektenfresser

Nützlich sind die Tiere in jedem Fall. Zahn zitiert Studien aus den USA, dass die nächtlichen Insektenjäger große Mengen vertilgen und bei der Schädlingsbekämpfung im biologischen Landbau eine erhebliche Rolle spielen: „Sie sind unverzichtbare Mitglieder des Naturhaushalts, die einfach dazugehören.“ Auch wenn Fledermäuse keine niedlichen und schon gar keine zutraulichen Tiere sind. Befürchtungen, dass sie hierzulande Viren auf den Menschen übertragen, zerstreut der Biologe, „aber generell haben wir schon die Sorge, dass die Leute da jetzt Angst bekommen.“ Es gebe aber in Mitteleuropa keinen einzigen Fall, „dass von Fledermäusen Krankheitserreger auf den Menschen übergegangen sind.“ Allerdings sollten sie nicht ohne Handschuhe angefasst und beim Entfernen des Kots Schutzmaßnahmen wie in Au beachtet werden. „Dann sind Fledermauskolonien absolut harmlos.“  Und sie sind die ruhigsten Sommergäste, die sich nur vorstellen lassen. Sie schreien zwar ständig herum, aber per Ultraschall, den das menschliche Ohr nicht wahrnehmen kann.


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