Bergopfer-Kapelle St. Bernhard Gedenken am Watzmann

24.08.2020

Alle Namen der Bergopfer in den Berchtesgadener Alpen sind hier verzeichnet: Die Kapelle St. Bernhard am Fuß des Watzmanns erinnert an viele Tragödien.

Malerisch liegt die Bergopfer-Gedenkkapelle St. Bernhard vor dem mächtigen Watzmann.
Malerisch liegt die Bergopfer-Gedenkkapelle St. Bernhard vor dem mächtigen Watzmann. © Mergenthal

Berchtesgaden – Gleißend weiß thront die Kapelle St. Bernhard inmitten der Almwiesen der Kühroint zu Füßen des stolzen Watzmann. Eine Sonnenuhr mahnt an die Vergänglichkeit der Zeit. Beim Durchblättern unzähliger Messingtafeln im Innenraum wird einem ganz anders. Alle Namen der Bergopfer in den Berchtesgadener Alpen sind hier verzeichnet, derzeit etwa 1.300.

Die ersten, aus dem Jahr 1810, sind drei Burschen, auf dem Heimweg vom Glamei-Bergwerk am Königsberg von einer Lawine verschüttet. 1813 kam die 25-jährige Sennerin Gertraud Schwab aus Ramsau am Seehorn beim Schafesuchen in einem Schneesturm um, und 1945 Katharina Stanggassinger aus Schönau beim Edelweißpflücken in der Landtalwand, beide im August. Separat aufgelistet sind alle Opfer der Watzmann-Ostwand seit der Erstbesteigung 1881. Darunter ein Finsinger, der am 30. September 2018 in die Randkluft der Eiskapelle stürzte – 50 Meter tief. Wegen Gefährdung der Einsatzkräfte konnte er erst am 11. Oktober tot geborgen werden.

Harter Kampf

Wie entstand dieser Gedenkort? „In jungen Jahren war mein Vater überall unterwegs, am Ortler, Eiger, Mont Blanc und Kilimandscharo“, erzählt Rosi Plenk über den 2013 mit 79 verstorbenen Erbauer Hans-Peter Schweiger. Die Idee kam Schweiger, Johann Hölzl und Sebastian Maltan, dessen Sohn in einer Lawine umgekommen war, in den 1960ern an der „Großen Zinne“ in Südtirol.

Eine Steintafel nahe der Lavaredo-Hütte, die an den Bergtod zwei junger Kletterer aus Ramsau und Ainring erinnerte, gab den Anstoß, alle Unfalldaten der Berchtesgadener Bergopfer an einer Stelle zu vereinen. Früh fasste Schweiger die Kühroint-Alm an der friedvollen Seite des Watzmann dafür ins Auge. „Da hat er dann wirklich hart gekämpft, dass er im Nationalpark eine Kapelle bauen darf“, erinnert sich seine Tochter. Er fand Unterstützer bei Behörden und Firmen. Die Gemeinde Schönau am Königssee sprang als Bauherr ein. Handwerklich versierte Altherrensportler, die sich in der Jugend gegenseitig die Häuser gebaut hatten und mit denen Schweiger trainierte, errichteten die Kapelle 1998/99 in Eigenleistung.

Gedenkort für verschollene Bergsteiger

„Es ist wichtig, dass diese Namen alle aufgeschrieben sind, dass jeder, der einen Angehörigen verloren hat, einen Gedenkort hat“, betont der Untersteiner Pfarrer Herwig Hoffmann. Der Schutzheilige der Kapelle sei Bernhard von Aosta, der im Mittelalter am Großen St. Bernhard-Pass ein Pilgerhospiz erbaut hat, Patron der Bergsteiger, Skifahrer und Alpenbewohner. Die Statuen in der Kapelle wurden von Schülern der Schnitzschule angefertigt.

Umso wichtiger ist dieser Ort insofern, als manche Opfer nicht geborgen und daher auch nicht begraben werden konnten, wie beispielsweise ein Vater mit seinem Sohn. Die beiden sind vor einigen Jahren auf einem Gletscher in Neuseeland verschollen. Etwa zehn neue Namen pro Jahr kommen dazu. Diese liest Toni Plenk, Schwiegersohn des Erbauers, bei der Bergmesse für alle Bergtoten jeden ersten Samstag im Oktober vor. Damit auch die älteren Gläubigen mitfeiern können, gibt es eine Sondererlaubnis für einen Kleinbus. Ansonsten darf niemand herauffahren. Daher sind hier auch keine Trauungen möglich.

Es kann jeden treffen

Hubert Heil, ein 86-jähriger pensionierter Polizeibergführer, holt die Daten der Bergopfer bei der Polizei, befördert vor dem Winter die entsprechenden Messingtafeln ins Tal, lässt die Namen eingravieren und befestigt die Tafeln im Frühjahr wieder in der Kapelle. Vereinzelt sind auch exotische Nationen vertreten, wie im Vorjahr ein Israeli. Es kann jeden treffen, vom zweijährigen Mädchen, das in die Almbachklamm stürzte, bis zum 74-Jährigen mit Herztod nahe der Jenner-Mittelstation. Die Todesursachen sind vielfältig: beim Fotografieren abgestürzt, im Steinernen Meer im Schneesturm erfroren (im September!), sich verlaufen, Steinschlag, Erschöpfung, Wettersturz.

Bei der Betreuung des Kleinods unterstützt der 85-jährige Jakob Graßl, auch einer der Altherrensportler, Rosi und Toni Plenk zusammen mit zwei Spezln beim Mähen, Putzen sowie Auf- und Abbau des Zaunes, den der Schnee erdrücken würde. Die Kapelle wurde zum 20-jährigen Bestehen 2019 innen und außen renoviert. Nun ist das Schindeldach an der Südseite zum Erneuern. Es ist von Wind und Wetter stark angegriffen.

Segenstag im Juni

Pfarrer Herwig geht am liebsten in Schneeschuhen im Winter herauf, wenn es auf der Kühroint ganz still ist, und genießt danach an der Archenkanzel den Blick auf den Königssee. Er führte einen Bergsteiger- und Bergradler-Segen Mitte Juni zum Gedenktag des heiligen Bernhard von Aosta ein.

„Lieber Bergfreund! Halt hier an der Kapelle Rast und bete ohne Eil und Hast für Dich und Deine Seele ...“, lädt der Erbauer in einem auf Marmor verewigten Text zum Innehalten ein. Er selbst rang um seinen Glauben und mit seiner Kirche, trat aber im Alter nach einer Zeit der Entfremdung wieder ein. Rosi Plenk meint: „Er hat den Herrgott dann doch gebraucht.“ (Veronika Mergenthal)

Spenden an die Gemeinde Schönau unter DE04 7105 0000 0000 3000 04 mit dem Stichwort „Bergopfer-Gedenkkapelle Kühroint“ sind willkommen.


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