Erinnerungskultur Gedenken an die Opfer der Schoah - aber wie?

27.01.2020

Vom "Schlussstrich" bis zur offiziellen Gedenkveranstaltung mit Staatschefs: In Deutschland gibt es immer wieder Debatten darüber, wie - und ob - an die Opfer der Schoah und anderer NS-Verbrechen erinnert werden soll.

Das Eingangstor zum ehemaligen Konzentrationslager Auschwitz I mit der Aufschrift "Arbeit macht frei" in der Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau.
Wie soll mit dem Gedenken an die Opfer der Schoah umgegangen werden? © Nancy Wiechec/CNS

Bonn – Wie wollen wir an die Opfer der Schoah erinnern? Und wer ist dieses "wir"? Solche Fragen stellen sich nicht nur vor wichtigen Gedenktagen wie am 27. Januar, wenn an die Befreiung der verbliebenen Häftlinge im NS-Vernichtungslager Auschwitz erinnert wird - zum 75. Mal. Zum Holocaust-Gedenktag sind in der Gedenkstätte in Oswiecim und an anderen öffentlichen Orten im In- und Ausland Veranstaltungen geplant, teilweise unter Beteiligung hoher Repräsentanten aus Politik und Religion.

In dem ehemaligen NS-Lager werden zu der offiziellen Gedenkfeier unter anderen Israels Präsident Reuven Rivlin und Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier erwartet. In der Zeit davor ist das deutsche Staatsoberhaupt in Israel und wird auch beim Welt-Holocaust-Forum eine Rede in der Jerusalemer Gedenkstätte Yad Vashem halten.

Art und Weise des Gedenkens

Es gibt auch ein individuelles, stilleres Gedenken von Überlebenden und Nachfahren, in Familien, unter Freunden oder Leidensgenossen. Die Frage zur Zukunft der Erinnerungskultur, wenn alle Zeitzeugen gestorben sein werden, ist die eine Seite. Auf der anderen Seite geht damit einher eine anhaltende Debatte über die Art und Weise des Gedenkens überhaupt. Denn die ist hierzulande umstritten, von verschiedenen Seiten.

Da gibt es die - scharf kritisierte - Forderung des AfD-Politikers Björn Höcke nach einer "180-Grad-Wende in der Erinnerungskultur". Diese Forderung kommt gleichwohl denen entgegen, die immer wieder nach einem "Schlussstrich" rufen, auch in der jüngeren Generation. Andere wiederum wünschen hierzulande selbstverständlich ein Gedenken an die Opfer nationalsozialistischer Verbrechen, aber nicht in einer aus ihrer Sicht ritualisierten und starren Form. Wobei diese freilich weiterhin Befürworter hat, auch unter Juden.

Keine "staatliche Gedenkhilfe"

Und in der jüdischen Gemeinschaft gibt es Stimmen, die für einen selbstbewussteren Weg des Erinnerns und des Jüdischseins werben: Leisere Einlassungen, aber auch die deutlichen Worte von Max Czollek, der den Begriff des "Gedächtnistheaters" des Soziologen Michal Bodemann aufgreift. Darin seien Juden wichtig, aber nicht als Person, sondern wegen der Rolle, die sie spielten: eine symbolische Bedeutung als Vertreter der Vernichteten, "ihre Rolle als Juden für Deutsche".

Bodemann selbst kritisierte 2019 zum 27. Januar in der "Süddeutschen Zeitung" ein verstaatlichtes "kühles" Gedenken. Die jüdische Gemeinschaft brauche jedoch keine "staatliche Gedenkhilfe" und könne ihre Sache selbst in die Hand nehmen. Zugleich müsse "hoch gewürdigt" werden, dass nichtjüdische Deutsche die Erinnerung an die Schoah am Leben hielten.

Selektive Erinnerungskultur

Der Präsident des Zentralrats der Juden, Josef Schuster, sagt der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA), es sei leicht, Gedenkfeiern an festen Daten wie am 27. Januar oder 9. November, wenn an die Novemberpogrome von 1938 erinnert wird, als "erstarrtes Ritual" zu kritisieren. Übersehen würden positive Aspekte: Die etablierten Gedenktage führten dazu, dass sich auch Nichtjuden immer wieder mit der Schoah befassten.

"So wichtig es ist, dass Juden zum einen nicht nur als Schoah-Opfer betrachtet werden und zum anderen auch das moderne jüdische Leben wahrgenommen wird, so wichtig ist auch die Erinnerung", so Schuster. Die Aufarbeitung der NS-Vergangenheit müsse in jeder Generation neu geleistet werden. Aktuell habe man es jedoch mit einer "wachsenden Unwissenheit" über die Schoah zu tun sowie "mit einer Partei, die völkisches Denken wieder salonfähig machen will". Daher habe das Gedenken eine wichtige Bedeutung für die Gesellschaft heute und für die Demokratie.

In ein ähnliches Horn stößt der Vorsitzende des Stiftungsrates der Maximilian-Kolbe-Stiftung, Bambergs Erzbischof Ludwig Schick. In einem KNA-Interview sagte er, dass die Gedenkstätte Auschwitz zur Wachsamkeit rufe. "Auschwitz hat eine Vorgeschichte, nämlich den Antisemitismus und Rassismus, den Nationalismus und Faschismus. Diese Tendenzen gibt es auch jetzt wieder." Auschwitz mahne dazu, sich diesen entgegenzustellen. Er prangerte diejenigen an, "die eine selektive Erinnerungskultur" pflegen und "unliebsame Ereignisse der Geschichte unter den Tisch fegen" wollten. "Das darf nicht sein!" (kna)


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