75. Todestag von Walter Klingenbeck Gedenken an ein Münchner NS-Opfer

02.08.2018

Nicht nur die Geschwister Scholl mussten den Widerstand gegen die Nazis 1943 mit ihrem Leben bezahlen. Mit Walter Klingenbeck traf es auch einen 19-Jährigen aus der Pfarrjugend von Sankt Ludwig in München.

Erinnerung an Walter Klingenbeck © kna-Bild

München - Haftanstalt Stadelheim, 5. August 1943: Um 11 Uhr mittags öffnet sich die Zellentür von Walter Klingenbeck. Elf Monate schon sitzt der 19-Jährige hinter Gittern. Die Nazis werfen ihm vor, er habe sogenannte Feindsender gehört und davon anderen erzählt. Außerdem soll er Flugblätter vorbereitet und einen eigenen Schwarzfunk geplant haben. Das reicht für die Todesstrafe. Dem Gefangenen wird mitgeteilt, dass sein Henker für 17 Uhr bestellt ist.

Abschied nehmen

Klingenbeck hat noch sechs Stunden, um Abschied zu nehmen. Er schreibt an zwei Freunde, die mit ihm verhaftet wurden, tröstet sie und gratuliert ihnen zur Begnadigung. Bei ihm gehe es halt dahin, aber er wisse, wofür er sterbe. Der gläubige Katholik aus der Münchner Pfarrei Sankt Ludwig schreibt an Hans Haberl: "Ich habe soeben die Sakramente empfangen und bin jetzt ganz gefasst. Wenn Du etwas für mich tun willst, bete ein Vaterunser."

Gedenken in der Maxvorstadt

Anlässlich seiner Ermordung vor 75 Jahren wird nun am 19. Juli am nach ihm benannten Walter-Klingenbeck-Weg in München die Erinnerungstafel erneuert. Die alte hatte der Bezirksausschuss Maxvorstadt 2003 zum 60. Todestag des NS-Opfers anbringen lassen. Das Gedenken ging damals auch mit einer ungewöhnlichen Initiative einher: Vom 2. bis 10. August hatten sich die Spitzenkandidaten der demokratischen Parteien zur bayerischen Landtagswahl, die am 21. September stattfand, bereit erklärt, entlang der Ludwigstraße keine Werbung für ihre Person zu machen. Stattdessen erinnerten sie auf ihren Plakatständern an Klingenbeck.

Engagierte Bürger aus dem Münchner Stadtteil Maxvorstadt waren es, die den Namen Klingenbeck wieder ins Bewusstsein brachten. Der damalige Bezirksausschuss-Vorsitzende Klaus Bäumler schaffte es mit seinen Leuten und der Pfarrei, dass 1998 ein Weg nahe der Ludwigskirche nach Klingenbeck benannt wurde. Im dortigen Pfarramt befindet sich noch immer das Matrikelbuch, in dem Geburt und Taufe von Walter Klingenbeck eingetragen sind. Selbst die Hebamme ist genannt, die den Buben am 30. März 1924 auf die Welt holte.

Gläubiger Katholik mit großem Mut

Sein Vater Ludwig war Straßenbahnfahrer; gelegentlich half er auch als Mesner im Dom aus. Zudem gehörte der Katholik der Marianischen Männerkongregation an, dessen Leitung bei dem Jesuitenpater und NS-Gegner Rupert Mayer lag. Gemeinsam hörten Vater und Sohn häufig "Radio Vatikan", um mehr zu erfahren als die offizielle Propaganda. In seiner Einstellung gegen das Regime dürfte Walter als Mitglied der Pfarrjugend auch von Kaplan Georg Handwerker geprägt gewesen sein. Der Priester bewies Mut, als er nach Bekanntgabe der Nürnberger Rassengesetze in der Schule eine Religionsstunde über die große Bedeutung des jüdischen Volkes hielt.

Verwurzelt in seinem Glauben ging der junge Klingenbeck zielstrebig seinen Weg des Widerstands. Nach einer kaufmännischen Lehre entschied er sich für ein Praktikum bei der Technik-Firma Rohde und Schwarz, um sich das Know-how für den Bau von Radiosendern zu erwerben. Dort fand er gleichgesinnte Freunde, die ihn unterstützten. In nächtlichen Aktionen malten die Burschen mit schwarzer Farbe das "V" (englisch für victory - Sieg) an Hauswände und planten, Flugblätter mit einem Modellflugzeug abzuwerfen. Eine Geschäftsfrau denunzierte die jungen Männer, die dann im Oktober 1943 verhaftet wurden.

Märtyrer des 20. Jahrhunderts

Ob die Aktionen von Klingenbeck auf die späteren Aktivitäten der Studentengruppe "Die Weiße Rose" Einfluss hatten, ist nicht bekannt. Klingenbeck aber gehört inzwischen zu jenen Hunderten von Personen, die in das deutsche Martyrologium des 20. Jahrhunderts aufgenommen wurden. Darin ist das Leben und Sterben deutscher Katholiken verzeichnet, die wegen ihres Glaubens unter dem Nationalsozialismus und Kommunismus sowie in Missionsgebieten getötet wurden. (kna)

Der Münchner Weihbischof Rupert Graf zu Stolberg wird am 5. August um 10 Uhr einen Gedenkgottesdienst für Klingenbeck in Sankt Ludwig feiern. Anschließend soll um 11.45 Uhr am ehemaligen Wohnhaus Klingenbecks in der Amalienstraße 44 eine Gedenktafel eingeweiht werden.


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