Zu Besuch bei einer Buchrestauratorin Geduldig wie Papier

17.07.2019

Tausende wertvolle Handschriften lagern in der Bayerischen Staatsbibliothek. Um sie zu erhalten, braucht es eine ruhige Hand und Leidenschaft für die Bücher. Chefrestauratorin Karin Eckstein hat sich bei ihrer Arbeit über die Schulter blicken lassen.

Chefrestauratorin Karin Eckstein bearbeitet die Musik-Handschrift mit dem Heizspatel.
Chefrestauratorin Karin Eckstein bearbeitet die Musik-Handschrift mit dem Heizspatel. © Kiderle

München – Der „Patient“ liegt, auf Buchkeile gestützt, im 90-Grad-Winkel geöffnet auf einem nüchternen Tisch. Der Raum mit seinem kühlen Neon-Licht und Maschinen in verschiedenen Grün-Tönen erinnert in der Tat auch mehr an einen Operationssaal als an eine rustikale Werkstatt. Er gehört zum Institut für Bestandserhaltung und Restaurierung (IBR) der Bayerischen Staatsbibliothek (BSB) in München. Bearbeitet wird gerade eine der 170 großformatigen Handschriften der wertvollen Chorbuchsammlung aus dem Gründungsbestand der BSB.

Wertvolle Noten-Sammlung

Die Noten-Sammlung aus der Renaissance wurde von den bayerischen Herzögen für die Hofkapelle angeschafft, erläutert Veronika Giglberger, wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Musikabteilung der BSB. Die Chorbücher werden derzeit digitalisiert und müssen dazu restauriert werden. So auch die Handschrift mit der Signatur „BSB Mus.ms. 10“. Ludwig Senfl hat den Gebrauchs-Band im Jahr 1523 angelegt, kurz nachdem er von Wilhelm IV. nach München verpflichtet worden war, wo er als leitender „musicus intonator“ den Ruhm der Bayerischen Hofkapelle gerade durch ihr Repertoire begründete. Auch Mus.ms. 10 enthält „ambitionierte, kunstvolle“ Motetten von Senfl selbst, Josquin Desprez und anderen, weiß die promovierte Musikwissenschaftlerin. Darunter sind auch Vertonungen von Bußpsalmen, wie auf der aufgeschlagenen Seite. Sie stammt aus einer fünfstimmigen „Miserere mei Deus“-Komposition von Senfl. Anders als in modernen Partituren sind die kontrapunktisch geführten Stimmen hier nicht unter-, sondern nebeneinander notiert.

Doch schon auf den ersten Blick sind an der Handschrift deutlich Schäden zu erkennen. Karin Eckstein (49), seit 2012 Werkstattleitung und Chefrestauratorin im IBR, erklärt, wie sie entstehen: „Wenn die bis ins 19. Jahrhundert gebräuchliche Eisen-Gallus-Tinte, hergestellt aus Gerbsäuren von Galläpfeln und dem Eisensalz Vitriol, nicht das richtige Mischungsverhältnis hatte, schädigt sie auf Dauer die Zellulose des Papiers.“ Begünstigt durch Wärme und Feuchtigkeit kommt es dann zu „Kontaktverfärbungen“ auf der gegenüberliegenden Seite, zur „Hofbildung“, also Verfärbungen rund um die Schrift, zum Durchschlagen der Tinte auf die Rückseite oder zum Bruch des Papiers.

Mit der Leuchtplatte werden die Schäden sichtbar: Entlang der Notenlinie ist das Papier gebrochen, bei der letzten Note fehlt ein Stück Papier.
Mit der Leuchtplatte werden die Schäden sichtbar: Entlang der Notenlinie ist das Papier gebrochen, bei der letzten Note fehlt ein Stück Papier. © Kiderle

Kreative Lösungen

Mit bloßem Auge ist Letzteres fast nicht erkennbar. Erst als Eckstein das Licht dimmt und eine Leuchtplatte unter die Seite schiebt, wird es sichtbar: Entlang einer Notenlinie im Diskant, der höchsten Stimme, ist über den Worten „delectaberis sacrifitiu“ das Papier gebrochen. In der letzten Note der Phrase fehlt gar ein Stück. „Zuerst prüfen wir jeden Band systematisch und dokumentieren alle Schäden“, zeigt die 49-Jährige die dafür verwendeten Formulare.

Im unteren Bereich der Seite ist ein Restaurierungs-Eingriff aus dem frühen 20. Jahrhundert zu sehen: Hier wurde großflächig ein grobes Stück Papier über die schadhafte Stelle geklebt. Heute sind die Methoden raffinierter. „Ziel ist, dass die Restaurierung kaum wahrnehmbar ist“, sagt die Expertin. „Als Restaurator schafft man ja nicht eigenkünstlerisch. Man stellt sich als Person hinter das Objekt zurück, braucht aber Kreativität im Finden von Lösungen.“ Anhand der Notenzeile zeigt sie, welche Schritte dafür notwendig sind.

Hauchdünnes Material

Zunächst kommt ein hauchdünnes Japanpapier zum Einsatz, nach seinem Herstellungsort „Berliner Tissue“ genannt. Es wiegt nur zwei Gramm pro Quadratmeter und fühlt sich federleicht an. Mit einer Airbrush-Pistole wird darauf ein Acryl-Klebstoff aufgebracht, der durch Hitze reaktiviert wird. Denn anders als beim Sichern von aufgestoßenen Ecken oder dem Leder des Einbands mit natürlichem Weizenstärkekleister, müssen Tinten-Schäden wasserfrei behoben werden, um die Korrosion der Tinte nicht zu beschleunigen.

Zunächst erstellt Eckstein aber eine Schablone. Dazu deckt sie die Seite bis auf den zu bearbeitenden Bereich ab und beschwert sie mit Gewichten, damit das Papier nicht weiter aufbricht. Über eine transparente Folie legt sie das Schablonenpapier, auf dem sie die erste Note samt Notenlinie mit schwarzem Stift nachfährt – „großzügig, damit das Papier etwas auf das gesunde Material überlappt“.

Körperspannung und viel Übung

Mit der Schablone schneidet die Restauratorin aus dem Tissue ein passendes Stück aus. Dieses legt sie auf das Originalpapier und tupft es mit einem filigranen Heizspatel ab, der den Klebstoff aktiviert. „Man darf nicht drücken, sondern muss gleichmäßig darüberstreichen – dazu bedarf es schon ein wenig Übung“, merkt die in lässig-elegantes Schwarz Gekleidete bescheiden an. Konzentriert, mit ruhiger Hand arbeitet sie an der Stelle, nur ihre Mundwinkel zucken gelegentlich. „Man braucht eine gute Portion Geduld in diesem Beruf“, gibt sie zu. Auch ein grundlegendes Interesse für die Objekte und ihren historischen Kontext, naturwissenschaftliche Kenntnisse in Chemie und Physik und ein Verständnis für Kunsttechniken seien von Vorteil.

Diese sind zum Beispiel nötig, wenn ein Stück des Papiers herausgebrochen ist, wie hier bei der Note G. „Dieses muss exakt in gleicher Form aus angefasertem Papier herausgeschnitten werden, das wir selbst herstellen und passend einfärben.“ Eckstein hat das Ersatzstück schon vorbereitet, „wie im Kochstudio“, schmunzelt die sonst so gefasst professionell wirkende Spezialistin. Mit einer Pinzette setzt sie das kleine Stück akkurat ein und fixiert es mit dem klebstoffbeschichteten Papier. Dabei muss sich die hochgewachsene Frau mit den im Pferdeschwanz zurückgebundenen blonden Haaren oft ziemlich verrenken. Und das 50 bis 60 Stunden lang für einen solchen Band. „Es können aber auch bis zu 700 Arbeitsstunden werden, allein für extreme Tinten-Schäden.“

Veronika Giglberger von der Musikabteilung und Institutsleiterin Irmhild Ceynowa tauschen sich über die Chorbuchsammlung aus.
Veronika Giglberger von der Musikabteilung und Institutsleiterin Irmhild Ceynowa tauschen sich über die Chorbuchsammlung aus. © Kiderle

Von Jugend an fasziniert

Rund 180 Bücher werden im IBR jährlich restauriert, erläutert Institutsleiterin Irmhild Ceynowa, darunter auch zahlreiche aus den Universtitätsbibliotheken in München, Augsburg, Erlangen-Nürnberg und Würzburg. Zusätzlich bearbeiten freiberufliche Restauratoren rund 70 Handschriften und Inkunabeln, also frühe Buchdrucke. Elf Millionen Bände umfasst der Bestand der BSB insgesamt. „Wir sind eine Gedächtnisinstitution von Weltrang“, deutet dies die promovierte Bibliotheksdirektorin. 100.000 der Bestandsobjekte sind Handschriften (17.000 davon aus dem Mittelalter), darunter 70.000 Musikhandschriften mit oft geistlichen Werken. Auf der Restaurierung dieses wertvollen Altbestands liegt der Fokus der 20 Mitarbeiter des IBR, zu denen auch zwei Chemiker und zwei Buchbinder gehören. Die Restaurierung sei im Buchbereich übrigens eindeutig ein „Frauenberuf“, erwähnt Ceynowa.

Eckstein hat sich für ihn entschieden, „weil ich schon in meiner Jugend fasziniert davon war, historische Objekte in ihrer Materialität für die kommenden Generationen zu erhalten“. Die Buchrestaurierung hat sich aus dem Handwerk entwickelt, erläutert die gebürtige Nürnbergerin. „Auch ich habe erst Buchbinder gelernt und Anfang der 90er Jahre die damals neue, dreijährige Restauratoren-Ausbildung an der staatlichen Fachakademie der BSB absolviert.“ Seither ist sie im Team des IBR tätig. Heute durchlaufen Restauratoren ein sechsjähriges Bachelor- und Masterstudium mit entsprechenden Spezialisierungen. Eckstein konzentrierte sich schnell auf Bücher, „weil es bei ihnen auch einen Inhalt zu bewahren gilt“. Wenn man an einem Objekt arbeite, setze man sich automatisch mit ihm auseinander. „Die Bücher wachsen einem mit der Zeit ans Herz“, verrät sie, „man baut eine Verbindung zu ihnen auf, und kann von jedem Werk lernen, wenn man ihm mit offenen Augen begegnet.“

Die Autorin
Karin Basso-Ricci
Münchner Kirchenzeitung
k.basso-ricci@st-michaelsbund.de


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