Erinnerungsort KZ Dachau Gegen das Schweigen

14.09.2020

Das ehemalige KZ in Dachau ist heute ein Ort der Erinnerung und des Gedenkens. Schwester Elija Boßler sammelt im angerenzenden Kloster der Karmeliterinnen die Geschichten der Überlebenden des Konzentrationslagers.

Schwester Elija Boßler
Schwester Elija Boßler sammelt die Geschichten der Überlebenden des Konzentrationslagers Dachau. © SMB/Zöpfl

Adam Mielcarek, Alexander Salkind, Zefirin Wojewoda, Emil Grötzner, Rudolf Herold: fünf Menschen unterschiedlicher Herkunft mit völlig unterschiedlichen Biographien. Doch sie alle teilen eine traurige Gemeinsamkeit: Sie starben vor 80 Jahren, am 4. September 1940 im Konzentrationslager (KZ) Dachau. Fünf Menschen von Millionen, die dem Nationalsozialismus zum Opfer gefallen sind – ein Bruchteil. Und dennoch steht jeder einzelne von ihnen für die Unmenschlichkeit des KZ, die jeder von ihnen erleben musste. Diese fünf Namen geben dem unsagbaren Leid, das einst hier in Dachau um sich griff, ein Gesicht.

„Herr, gib ihnen die ewige Ruhe“ – Es herrscht eine ruhige, beinahe friedliche Atmosphäre in der Todesangst-Christi-Kapelle auf dem Gelände des ehemaligen Konzentrationslagers, während Pfarrer Jakob Paula diese Worte spricht. Beinahe ... denn genau hier, an diesem Ort, wurden einst Menschen aussortiert, gequält und gepeinigt. Und dieses Wissen lassen auch der strahlend blaue Septemberhimmel und die Bäume der Allee, deren Äste der Wind sanft wiegt, keine Sekunde lang vergessen.

Geistlicher Ort der Erinnerung

Im Jahr 1960 wurde die von Josef Wiedemann entworfene Todesangst-Christi-Kapelle geweiht. Der Bau der Andachtsstätte geht auf den Münchner Weihbischof Johannes Neuhäusler zurück. Er war nach seiner Verhaftung am 4. Februar 1941 bis zur Befreiung des Lagers am 29. April 1945 selbst Häftling in Dachau. Nach Ende des Krieges kämpfte er unermüdlich für den Bau eines geistlichen Ortes der Erinnerung. „Gott wohnt in einem Lichte, dem keiner nahen kann. Von seinem Angesichte trennt uns der Sünde Bann.“ Die sieben Menschen, die sich rund um den Altar versammelt haben, stimmen einen gemeinsamen Gesang an. Wie jeden ersten Freitag im Monat findet hier um 14.30 Uhr ein Gebet statt.

Der offene Rundbau der Kapelle gibt den Blick frei auf die beklemmende Weite des KZ-Geländes. Man kann nicht umhin, sich vorzustellen, was hier einst vor sich gegangen sein mag – und sich gleichzeitig zu ermahnen, dass all diese Vorstellungen nicht einmal ansatzweise das abbilden können, was Menschen hier erleben mussten.

Innerer Zusammenhang

Es ist 15 Uhr. Das Gebet in der Todesangst-Christi-Kapelle ist abgeschlossen. Pfarrer Paula beeilt sich, die zuvor aufgestellten Stühle wieder aufzuräumen. Wenige Meter entfernt, in der Kirche des Karmel Heilig Blut, beginnt soeben das tägliche Nachmittagsgebet, an dem er gerne teilnehmen möchte. Der Karmel grenzt direkt an die Gedenkstätte und ist durch den nördlichen Wachturm des ehemaligen Konzentrationslagers zu erreichen. Für Schwester Elija Boßler besteht zwischen dem Karmel und der Gedenkstätte gewissermaßen ein innerer Zusammenhang. „Dieser Ort hat Schreckliches erlebt und steht ganz stark für die deutsche Geschichte. Und dieses Kloster direkt nebenan ist so etwas wie ein Gegenzeichen, vielleicht eine Antwort“, erklärt sie nachdenklich.

Seit beinahe 55 Jahren ist der Karmel ihr Zuhause. Als sie mit 22 Jahren in den Orden der Karmeliterinnen eintrat, war sie tief berührt von der großen Bedeutungskraft des Klosters. „Ich bin 1965 hier gewesen. Da standen zum Teil noch einige Baracken und es wurde gerade alles umgebaut: Die Baracken wurden erst abgerissen, dann 1965/66 die Gedenkstätte gestaltet“, erinnert sie sich. „In dieser Zeit war ich hier und habe diesen Umbruch erlebt. Da war das Kloster bereits etwa ein halbes Jahr gegründet. Ich bin natürlich auch hier in der Kirche gewesen. Und das war der Punkt, an dem ich tief berührt war und mich dazu entschieden habe, hier einzutreten.“

Leben mit besonderen Schwerpunkten

Der Raum, in dem die Karmeliterinnen Gäste in Empfang nehmen, ist, wie das gesamte Kloster Heilig Blut, schlicht eingerichtet. Ebenso wie die Todesangst-Christi-Kapelle hat Architekt Wiedemann die Anlage der Ordensgemeinschaft entworfen. Er stand dabei vor der Aufgabe, dem kontemplativen Leben der Schwestern eine äußere Gestalt zu geben. „Die Bauanlage entspricht in besonderer Weise der Eigenart des Ordens! Die Zellen sind klein, wirken aber durch ihr Giebeldach wie eine Einsiedlerhütte. Der von überallher sichtbare Weihwasserstein inmitten des Klosters weist auf den zentral gelegenen Chor hin und mahnt so, in der Gegenwart Gottes zu leben“, beschrieb die Gründerin Mutter Maria Theresia die Intention des Architekten im Jahr 1968. „Der Barackencharakter des Baus sowie die Lage der Zellen, die in einer Front alle auf das ehemalige KZ schauen, drängen zu einer ständigen Ausrichtung der ausschließlich auf Gott verweisenden Lebensform der Karmelitinnen. Der Grundriss bildet ein Kreuz, das die ehemalige Lagerstraße fortsetzt und abschließt.“

Aktuell leben 16 Schwestern im Karmel Heilig Blut. Wer hier eintritt, kann nicht umhin, sich mit dem besonderen Standort auseinanderzusetzen. „Wir wissen, wo wir leben“, betont Schwester Elija. „Bei uns kann niemand eintreten, der mit dem, was nebenan ist, nichts zu tun haben will. Und das ist auch Teil der Ausbildung. Es gehört dazu, dass man sich mit der Geschichte des Ortes befasst.“ Zwar leben die Ordensschwestern hier ein, wie sie es nennt, „ganz normales Karmelleben wie überall auf der Welt auch“ – aber eben mit besonderen Schwerpunkten. Diese kommen beispielsweise in Fürbitten, im Gebet oder in den Gottesdiensten zum Ausdruck. „Aktuell beschäftigen wir uns zum Beispiel auch mit rechtsextremen Tendenzen in der Gesellschaft.“

Immer wieder stellte das Kloster in den vergangenen Jahrzehnten seine Räumlichkeiten für Veranstaltungsreihen zur Verfügung. Regelmäßig finden etwa Gedenkfeiern für den seligen Karl Leisner statt, der am 17. Dezember 1944 als Häftling im KZ Dachau durch den ebenfalls inhaftierten Bischof des französischen Bistums Clermont, Gabriel Piguet, zum Priester geweiht wurde.

Gegen jegliche Form von Vorurteilen

Wenn ehemalige Häftlinge im Laufe der Jahre zu den Veranstaltungen anreisten, nächtigten sie häufig im Kloster. Irgendwann hat Schwester Elija damit begonnen, sie nach ihrer Geschichte zu fragen – und sie zu photographieren. Dem Leid ein Gesicht – oder besser gesagt – viele Gesichter geben: Das ist Schwester Elija damit in den vergangenen Jahrzehnten gelungen. Ihre Bilder bilden auf ihre Art die Geschichte des Konzentrationslagers Dachau ab.

Die 77-Jährige wurde im Jahr 2019 mit dem Ehrenpreis der Stadt München ausgezeichnet. Grund für die Ehrung sind ihre aktive und anspruchsvolle Arbeit zur Erinnerung an die Opfer des Nationalsozialismus sowie ihre beispielgebende Haltung gegen jegliche Form von Vorurteilen. Einer der vielen Photographierten ist Max Mannheimer. Mit dem jüdischen Schriftsteller und Maler verbindet Schwester Elija eine jahrzehntelange tiefe Freundschaft. Sogar an seinem Todestag im Jahr 2016 hatte sie ihn noch besucht. Die beiden haben viel voneinander gelernt – auch, und vielleicht gerade, weil sie nicht immer einer Meinung waren. Ein Aspekt, über den Schwester Elija viel mit ihrem Freund diskutiert hat: „Er war immer entschuldigend den Tätern gegenüber.“

Auch die Ordensschwester möchte nicht mit dem Finger auf die früheren Generationen zeigen – allerdings ist und bleibt ihr das Handeln und Schweigen so vieler Deutscher während des Nationalsozialismus völlig unverständlich: „Ich denke mir, die sind doch alle in einem christlichen Umfeld aufgewachsen – auch wenn sie persönlich vielleicht nicht alle gläubig waren“, erläutert sie nachdenklich. „Aber ein Gewissen, ein Empfinden für Brutalität, das muss doch jeder Mensch in sich haben.“ Ihre intensiven Gespräche mit Max Mannheimer wurden teilweise sogar aufgezeichnet und sind unter anderem im Internet auf Youtube abrufbar.

Orte des Innehaltens, Gedenkens und Lernens

Die meisten der ehemaligen Häftlinge sind längst verstorben. Bald wird es niemanden mehr geben, der von seinen ganz persönlichen KZ-Erfahrungen berichten kann. Um künftige Generationen dennoch zu sensibilisieren und ihnen zu verdeutlichen, dass die dunkle deutsche Vergangenheit auch sie etwas angeht, sind Gedenkorte wie in Dachau essenziell. Davon ist auch Schwester Elija überzeugt: „Auch wenn man hier nur noch Spuren sieht, bekommt man vor Ort einen Blick dafür, was das damals für eine schlimme, unmenschliche Zeit war. Und es ruft einem ins Bewusstsein, dass wir die Menschen nicht wieder einteilen dürfen in Kategorien wie Rasse, Farbe oder sonstiges. Denn hier wird deutlich, wo diese Denke hinführt.“

Das Internationale Mahnmal vor dem ehemaligen Wirtschaftsgebäude der Gedenkstätte, die religiösen Gedenkorte auf der Anlage oder das Denkmal auf dem Dachauer Schießplatz – all das sind Orte des Innehaltens, Gedenkens und Lernens. „Ein Erinnerungsort muss ein Lernort werden“, meint Schwester Elija. „Lernen heißt auf der einen Seite, etwas über die Geschichte zu erfahren, auf der anderen Seite, daraus etwas Positives zu gestalten.“

Kaum jemand stellt die Bedeutung solcher Gedenkstätten heute in Frage. Tendenzen des Vergessenwollens kritisiert die Karmeliterin scharf: „Das geht einfach nicht, man kann das Vergangene nicht auslöschen“, betont sie nachdrücklich. Viele Menschen haben nach dem Krieg genau das getan: Sie haben geschwiegen und versuchten zu vergessen. „Genau deshalb muss es hier bei uns klar sein“, erklärt Schwester Elija. Sie wird nicht schweigen. Genauso wenig wie die Orte des Gedenkens in Dachau, die auch an diesem ruhigen Septembernachmittag laut und eindringlich ihre Geschichte erzählen. (Katharina Zöpfl, Redakteurin bei der Münchner Kirchenzeitung)

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