Caritas Ukraine Gegen das Vergessen

27.12.2018

Das Erzbistum München und Freising unterstützt ein Caritas-Hilfsprojekt für die Ostukraine mit 100.000 Euro.

Andrij Waskowycz berichtet aus der geschundenen Ukraine.
Andrij Waskowycz berichtet aus der geschundenen Ukraine. © SMB/Ertl

MÜNCHEN. Nein, leicht ist die humanitäre Situation in der Ostukraine nicht. Mehr als 10.000 Menschen haben ihr Leben verloren, im mittlerweile fünften Kriegsjahr sind fast 1,6 Millionen im Land auf der Flucht. „Die gesamte Gesellschaft, quer durch alle Schichten, ist durch die Ereignisse, durch Krieg und Gewalt schwer traumatisiert“, berichtet Andrij Waskowycz (61). Er ist Präsident der Caritas Ukraine – und gebürtiger Münchner. Im Stadtteil Ludwigsfeld wuchs er auf. Eigentlich sollte er Priester der griechisch-katholischen Kirche werden. Waskowycz studierte in Rom, doch schließlich wurde er Journalist. Vor 27 Jahren ging er dann in die Ukraine nach Kiew. Er kannte das deutsche Sozialsystem und wichtige Kirchenleute, man machte ihn zum Caritas-Chef. Der eloquente und weltgewandte Mann leistet seit damals echte Pionier- und Aufbauarbeit: So führte er Hauskrankenpflege nach deutschem Muster ein, kümmert sich um die unzähligen Kinder, die verwahrlost die Straßen bevölkern und oft in der Kanalisation leben. Angesichts von sieben Millionen Arbeitsmigranten legt er Hilfsprojekte für die Zurückgebliebenen – die Alten und Kinder – auf.

Politische Unruhen in der Ukraine

Das war alles vor 2013, dann kam der Einschnitt: Waskowycz war von Anfang an mit dabei, als in den letzten Novembertagen des Jahres 2013 auf dem Maidan in Kiew sich die Menschen versammelten und gegen das System und für die Amtsenthebung von Präsident Wiktor Janukowytsch protestierten. „Es war eine riesige Bewegung, die sich aus sich selbst heraus organisierte“, erzählt er tief bewegt und beeindruckt. Die Prinzipien der katholischen Soziallehre – Solidarität, Subsidiarität, Personalität und Gemeinwohl – wurden in jenen Tagen auf dem Maidan wie von selbst verwirklicht, ohne dass es jemand den Menschen angeschafft hätte. Es habe keine Plünderungen gegeben, niemand wollte sich selbst persönlich bereichern, auch nicht, als die Barrikaden brannten und die Sicherheitskräfte auf die Menschen einknüppelten. „Ich war dort“, sagt er stolz.

Doch dann der nächste Schlag, der bis heute nachwirkt: Im Februar 2014 flieht Janukowytsch schließlich. In das Machtvakuum stößt wenig später Wladimir Putins Russland, aggressiv und mit voller Härte. Der Rest ist bekannt: Die russische Annexion der Krim, die immer noch andauernden blutigen Kriegshandlungen im Donbass-Gebiet, unzählige Gräultaten, vor kurzem die Zwischenfälle auf See an der Meerenge von Kertsch.

Menschen stabilisieren

Die Caritas stellt sich auch auf die neue Situation ein: Waskowycz und seine Mitarbeiter entwickeln Beschäftigungs- und Integrationsprogramme für Binnenflüchtlinge, wollen Perspektiven auch für die Pufferzone im Osten schaffen. 650.000 Menschen leben dort im umkämpften von Russland kontrollierten Separatistengebiet. Äcker und Felder sind vermint, die Infrastruktur zerstört, viele Dörfer verlassen und verödet. „Wir wollten zu Beginn des Krieges die Menschen zunächst wieder stabilisieren, vor allem mit materiellen Hilfen zum unmittelbaren Überleben wie Lebensmitteln, Kleidung und Medikamenten. Mit zunehmender Dauer versuchen wir nun, vor allem nach dem Minsk-Abkommen von 2015, durch Friedens- und Versöhnungsarbeit sowie mit Programmen zur Stabilisierung der sozialen Situation, die Menschen vor Ort zu fördern, um so das Land vor dem Zerreißen zu bewahren“, umreißt Waskowycz die derzeitigen Hilfsansätze. Dafür wirbt er auch um Gelder aus dem Ausland, „gegen das Vergessen eines Krieges“.

Das Hilfswerk Renovabis aus Freising ist hierbei ein zuverlässiger Partner. Auch seitens des Erzbistums München und Freising will man sich engagieren: Für ein Drei-Jahres-Projekt der Caritas zur Stärkung der lokalen Selbstorganisation und sozialem Zusammenhalt in der Ostukraine spendet die Erzdiözese jetzt 100.000 Euro, wie Sebastian Bugl vom Fachbereich internationale Partnerarbeit im Ordinariat erklärt.


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