Kultusminister Piazolo im Interview Geglückte Weichenstellung für Schuljahr zwei mit Corona?

12.10.2020

Krisenmanagement trifft in der Pandemie auf das Recht auf Bildung. Kann es ein erfolgreiches Schuljahr werden? Ein Interview mit Kultusminister Michael Piazolo und Walburga Krefting, Landesvorsitzende der Katholischen Erziehergemeinschaft (KEG).

Michael Piazolo und Walburga Krefting im Radiostudio des Sankt Michaelsbundes
Kultusminister Prof. Dr. Michael Piazolo und die Landesvorsitzende der Katholischen Erziehergemeinschaft Walburga Krefting, über das neue Schuljahr mit Corona. © SMB/Schlaug

mk online: Ist der Start ins neue Schuljahr geglückt?

Michael Piazolo: Selbstverständlich gibt es jetzt die eine oder andere Klasse, die in Quarantäne ist, den einen oder anderen infizierten Lehrer, das ist leider ein Stück Normalität in Pandemiezeiten, aber vom Ablauf her ist es gut gestartet.

Walburga Krefting: Wir haben eine Umfrage gestartet unter Lehrern. 87 Prozent fühlen sich gut in den ersten Tagen, aber der Gesundheitsschutz und die Umsetzung der Hygienevorschriften macht schon auch Kopfzerbrechen. Aber letztendlich ist da der Wunsch, die Kinder in den Klassen zu haben und unseren Bildungsauftrag zu erfüllen, dafür sind wir da.

Worauf kommt es an, damit es ein erfolgreiches Schuljahr werden kann?

Piazolo: Keiner von uns weiß, wie das Schuljahr abläuft, insofern haben wir uns auf verschiedene Szenarien eingestellt. Das Ziel ist, die Schülerinnen und Schüler gut zu versorgen, fair zu sein und auch Sicherheit für unsere Lehrkräfte aufrecht zu erhalten. Corona nimmt keine Rücksicht auf den Lehrplan und unsere Pläne, insofern müssen wir flexibel reagieren.

Warum haben die Gesundheitsämter das letzte Wort, wenn der Inzidenzwert bei über 50 liegt, ob in den Distanzunterricht  gewechselt wird oder nicht?

Piazolo: Das sind natürlich Richtwerte. Dann hängt es vom Geschehen vor Ort ab, ob ein Ausbruch lokal eingrenzbar ist, in einem Altenheim zum Beispiel. Jede Situation ist neu zu bewerten und da ist die Expertise bei den Gesundheitsämtern.

Krefting: Wir begrüßen das durchaus, dass die Zahlen etwas flexibel sind. Denn Schulschließungen sind für uns das allerletzte Mittel, die müssen regional gehandhabt werden. Das ist eng verknüpft mit Bildungsgerechtigkeit: Wir haben Grund-, Mittel- und Förderschulkinder, die brauchen den Kontakt zum Lehrer.

Wie sicher fühlen sich Lehrer an ihrem Arbeitsplatz?

Krefting: Wir haben beim letzten Schulgipfel gefordert so viel Sicherheit wie möglich, so viel Präsenzunterricht wie möglich. Sicherheit ist auch ein Gefühl und da kommen bei uns ganz unterschiedliche Meldungen an. Es müssen alle Maßnahmen ausgenutzt werden, damit der Präsenzunterricht stattfinden kann.

Gibt es Pläne für zusätzliche Maßnahmen?

Piazolo: Wir haben viel gesprochen mit Virologen, mit Kinderärzten, Epidemiologen. Der Luftaustausch ist neben Abstand und Masken eine wichtige Maßnahme, also die Quer- oder Stoßlüftung. Das wird sicherlich nicht leicht, gerade wenn es kälter wird im Winter. Wir haben bei den Experten im Gesundheitsministerium angefragt. Dort hieß es, Raumlüfter sind nicht generell erforderlich. Wir werden es einer weiteren Prüfung unterziehen, aber im ersten Ansatz wurde es nicht für erforderlich gehalten. Bei Räumen, die sich nicht lüften lassen, können Raumlüfter aber eine sinnvolle Ergänzung sein.

Was bedeutet es wenn Lehrer in Quarantäne gehen müssen, gibt es da einen Puffer?

Piazolo: Wir haben bei der Versorgung mit Lehrern zweifach geplant. Zum einen, als ob es ein ganz normales Schuljahr wäre, und da ist die Unterrichtsversorgung erst einmal sichergestellt. Aber dann auch noch mit Corona, deswegen haben wir das Programm mit den Team-Lehrern aufgesetzt, das sind 800 neue Vollzeit-Kapazitäten. Wir haben auch die mobilen Reserven. Trotzdem, wenn die Infektionszahlen steigen, da heißt es schon zusammenrücken, vielleicht ins Lernen im Wechsel zu gehen, oder mal eine Stunde ausfallen zu lassen. Es ist sicherlich ein Schuljahr, das uns alle vor große Herausforderungen stellt.

Was bleibt im Distanzunterricht auf der Strecke?

Krefting: Es ist die Bildungsgerechtigkeit. Wir bekommen mehr Geräte, es ist viel auf den Weg gebracht worden, aber was auf der Strecke bleibt, das sind die Kinder, die zuhause niemand haben, der sie anschubst, der sagt, du bleibst jetzt bei der Sache. Grundsätzlich brauchen gerade unsere Kinder in Grund-, Mittel- und Förderschulen den Kontakt, die Beziehung zum Lehrer. Und wenn der nicht da ist, dann tauchen manche Kinder ab, das zeigt sich jetzt. Das Zweite ist die Wertebildung, dass man die Schüler als Persönlichkeit formt und da tu ich mir im Distanzunterricht schon ein bisschen schwer.

Piazolo: Wir haben versucht, mit den neuen Richtlinien den Distanzunterricht noch mehr zu strukturieren. Das ist eine der Erfahrungen der letzten Monate, dass es wichtig ist, Struktur in einen solchen Tag zu bringen. Das heißt, es soll mit einem virtuellen Startschuss losgehen, wir wollen auch die einzelnen Fächer abbilden im Distanzunterricht. Und es geht um die didaktische und pädagogische Umsetzung, da gibt es schon viele gute Beispiele.

Die Digitalisierung an Schulen hat jetzt einen Schub bekommen. Was hat Priorität – es gibt ja viele Baustellen?

Piazolo: Es wird viel getan bei den Leihgeräten, es sind jetzt mehr als wirklich abgefragt werden. Wir beginnen jetzt, unsere Lehrer mit Geräten auszustatten, das haben sie bisher privat angeschafft. Und ein ganz wesentlicher Punkt ist, dass wir den Kommunen finanziell jetzt auch ermöglichen, dass sie beim Thema Wartung und Pflege auch Personal einstellen können, das war den kommunalen Sachaufwandsträgern sehr wichtig und ich glaube, da kommen wir ein gutes Stück voran.

Stichwort Bildungsgerechtigkeit, eine Studie hat gezeigt, dass sich in der Coronazeit die durchschnittliche Lernzeit halbiert hat. Wie können benachteiligte Schüler das nachholen?

Krefting: Jetzt werden Brückenangebote organisiert. Manchen fehlen 50 Prozent des Stoffs, die muss ich auffangen, dazu brauche ich Personal, da fehlt es noch ein bisschen. Und das muss im Präsenzunterricht passieren. Denn wenn ich versuche, das was im Distanzunterricht verloren gegangen ist, wieder mit dieser Methode nachzuholen, werde ich schlechte Karten haben.

Piazolo: Es war uns frühzeitig bewusst, dass wir mit dem Fernunterricht nicht 100 Prozent von dem abdecken, was wir normalerweise erreicht hätten. Jetzt bieten wir an allen Schularten Brückenangebote, die beschränken sich natürlich auf die Kernfächer. Wer Lücken hat, kann so versuchen, wieder an das Niveau heranzurücken, das in der jeweiligen Klassenstufe gefordert ist.

Wäre nicht jetzt der richtige Zeitpunkt, um verstärkt in Bildung zu investieren, in Lehrerstellen? Man hat ja gesehen, was passiert, wenn die Schule nicht richtig funktioniert und eine gute Ausbildung ist wichtiger denn je.

Piazolo: Lehrerstellen haben wir schon in den Koalitionsvertrag hineingeschrieben 1000 Stellen pro Jahr mehr. Wir haben jetzt die Teamlehrer zusätzlich. Also es ist schon so, dass in Bildung investiert wird. Man muss aber auch sagen, durch Corona brechen auch Einnahmen weg. Es kam jetzt eine Steuerschätzung, dass uns im nächsten Jahr 4,2 Milliarden fehlen werden in Bayern.

Krefting: Wir brauchen einfach mehr Lehrkräfte. Es geht ganz viel über die Bezahlung, da ist uns ein Anliegen, dass es anders geregelt wird. Aber es geht auch um das Berufsbild, wie es draußen ankommt. Bei Mittelschulen ist es so, dass diese Schulart zu wenig bekannt ist. Und wir brauchen auch mehr pädagogisches Personal. Momentan stehen wir nicht so gut da.

Herr Minister, was sagen Sie Schülern, die vor dem Abschluss stehen und viel versäumt haben?

Piazolo: Es ist eines unserer großen Ziele für dieses Schuljahr, gute Abschlüsse hinzubekommen. Im letzten Schuljahr haben wir alle Abschlüsse gerettet, die Notengebung war nicht schlechter als in den Vorjahren. Es macht mich aber schon besorgt, dass das, was wir so kannten, viel Reisen, viele Erfahrungen sammeln, dass das gelitten hat.
Ich glaube auch, man sollte trotzdem Optimismus haben, in sich selbst vertrauen, dass man auch mit einer solchen Situation zurechtkommt. Und ich erlebe an den Schulen viel Optimismus. Auch bei den Kleinsten, den Grundschülern, eine hohe Bereitschaft, sich den neuen Regeln zu stellen. Das ist bewundernswert und da kann sich sogar der eine oder andere Erwachsene eine Scheibe abschneiden.


Die Autorin
Gabriele Hafner
Radio-Redaktion
g.hafner@st-michaelsbund.de

Dieser Artikel gehört zum Schwerpunkt Corona - Pandemie

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