Woche für das Leben 2018 Gehandicapte Kinder gehen alle an

20.04.2018

Das Leben passt in keine Konfektionsgröße. Zur Vielfalt gehören auch die Menschen, die an Behinderungen oder Krankheit leiden. Daran erinnern die Kirchen Jahr für Jahr in der "Woche für das Leben".

Zur Vielfalt gehören auch Menschen mit Behinderung.
Zur Vielfalt gehören auch Menschen mit Behinderung. © AdobeStock/Olesia Bilkei

Ich kann mich noch gut an ein Familienwochenende vor einigen Jahren erinnern. Ein Elternpaar mit vier Kindern war dabei, eines davon mit Down-Syndrom. Der Vater und die Mutter hatten sich bewusst dafür entschieden, den Buben nicht abzutreiben. Im Gesprächskreis begann die Mutter zu erzählen und zu weinen. Die Überlastung und die Sorge um das damals dreijährige Kind, das auch mit 30 Jahren noch Fürsorge brauchen würde, musste wohl einfach heraus. Die anderen Eltern haben schweigend zugehört, mitfühlend aber auch betreten. Als der Junge beim Abendessen aber fröhlich in seine Semmel biss und liebevoll ein schreiendes Baby tröstete, sagte jemand: „Ihr habt wirklich einen netten Buben, der macht seinen Weg.“ Der Mutter kamen noch einmal die Tränen, dieses Mal wohl aus Rührung. Diese Anerkennung tat ihr sichtbar gut.

Nicht als Last wahrnehmen

An diese Geschichte muss ich denken, wenn jetzt die Woche für das Leben begangen wird. "Kinderwunsch. Wunschkind. Unser Kind!" heißt das Motto. Besonders den letzten Teil finde ich wichtig: „Unser Kind“. Das meint natürlich die Eltern, aber nicht nur sie. Jedes Kind gehört auch zu einer ganzen Gesellschaft. Hat es ein Handicap, ist es nicht allein die Aufgabe von Eltern und caritativen Einrichtungen, ein solches Kind wahrzunehmen. Und zwar als eigenständige Person und nicht nur als Last. Als jemanden, der seinen Weg machen wird und dafür andere Menschen braucht. Im Fall des goldigen dreijährigen Buben mit dem Down-Syndrom war das relativ einfach. Aber bereits da belegen die Zahlen, wie radikal Menschen mit Down-Syndrom ausgelöscht werden. Die Abtreibungsquote ist erschreckend hoch. Bei noch schwereren Behinderungen steigt der Druck auf die Eltern weiter, dieses Kind nicht auf die Welt zu bringen.

Nicht allein mit einem gehandicapten Kind sein

Und wer will den ersten Stein auf diese Väter und Mütter werfen, die in einer leistungsorientierten Gesellschaft, die alles bis zum letzten optimieren möchte, keine Perspektive für ein schwer gehandicaptes Kind sehen. Kommt hinzu, dass auch ihre berufliche Karriere darunter leiden kann und der Bekannten- und Freundeskreis dünner wird. Denn ein gehandicaptes Kind lässt Überstunden oder Ski-Wochenenden nun einmal nur bedingt zu. Aber es ist eben auch „unser aller Kind“. Es ist gut und unentbehrlich, dass wenigstens die Kirchen das nicht vergessen und Jahr für Jahr Solidarität anmahnen und anerkennen, was Eltern mit einem gehandicapten Sohn oder einer gehandicapten Tochter leisten. Die Kirche sei dankbar "für alle Zeugnisse von Eltern, denen das Ja zum Leben ihres Kindes einiges abverlangt und die dennoch versuchen, mutig und zuversichtlich in die Zukunft zu gehen", hat Kardinal Reinhard Marx zur Eröffnung er Woche für das Leben gesagt. Gleichzeitig hat er von Notlagen gesprochen, "die wir alle sehen und ernst nehmen müssen". Ich glaube, viele Menschen sind auch bereit mit zu helfen. Meine Geschichte vom Familienwochenende geht da weiter. Die Eltern haben damals Adressen ausgetauscht. Nach einem halben Jahr war der Junge mit dem Downsyndrom zusammen mit seinem Bruder ein Wochenende lang bei neuen Bekannten und deren Kindern zu Gast. Die Eltern des Buben konnten zwei Tage lang durchschnaufen. Viel wichtiger war ihnen aber zu wissen: Sie sind mit ihrem Kind nicht allein.

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Gehandicapte Kinder gehen alle an

Der Autor
Alois Bierl
Chefreporter Sankt Michaelsbund
a.bierl@st-michaelsbund.de


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