Zum 100. Geburtstag Eugen Bisers Gelehrter alter Schule

02.01.2018

Professor Eugen Biser lehrte als Nachfolger Karl Rahners an der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität und begründete das dortige Seniorenstudium. Eine Würdigung zu seinem 100. Geburtstag von Professor Hans Maier, dem früheren bayerischen Kultusminister, lesen Sie hier.

Professor Eugen Biser fuhr regelmäßig mit dem Motorroller zur Münchner Ludwig-Maximilians-Universität © Schaller

München – Seine Präsenz war legendär. Jahrelang war der junge alte Mann fast allgegenwärtig in der Theologie der deutschsprachigen Länder. Er trat in Universitäten und Akademien auf (oft kam er mit dem Motorrad zu Vorträgen!), er lehrte, schrieb und predigte unablässig – und war mit seinen Schriften in den Buchhandlungen so gegenwärtig wie vor ihm nur Karl Rahner und Hans Urs von Balthasar. Eugen Biser starb 2014 im Alter von 96 Jahren. Anlässlich seines 100. Geburtstags wird seiner gegenwärtig in vielen Veranstaltungen gedacht.

Im Kriegsjahr 1918 in Oberbergen am Kaiserstuhl geboren, besuchte Eugen Biser Schulen in Breisach und Freiburg und begann nach dem Abitur Theologie zu studieren. Von 1939 bis 1943 war er Soldat. Seine Nazi-Gegnerschaft brachte ihm ein Kriegsgerichtsverfahren und die Abkommandierung zu einem gefährlichen Außenposten ein – schwerverwundet entging er vor Stalingrad mit knapper Not dem Tod. 1946 wurde er zum Priester geweiht. Fast zwanzig Jahre lang wirkte er als Seelsorger, Religionslehrer, Publizist und Rundfunkbeauftragter. Dann führte ihn sein Weg in die Universitätslaufbahn, nach Passau und Würzburg – und von 1974 bis 1986 auf den Lehrstuhl Romano Guardinis für Christliche Weltanschauung und Religionsphilosophie in München, wo er von 1974 bis 1986 als Nachfolger Karl Rahners tätig war und nach seiner Amtszeit das bis heute erfolgreiche Seniorenstudium begründete.

In Bisers Werk verbinden sich Zeitdiagnose, Sprachbetrachung und ein anhaltender Blick auf die Bibel zu einer umfassenden Verstehenslehre des Glaubens. Glaube war für ihn „ein Akt des Gottverstehens“. Bisers Theologie entfaltet sich vor dem Hintergrund des modernen Wertepluralismus, vor der illusionslos geschilderten „Gottesfinsternis“ unserer Tage. Die Gegenwelt des Unglaubens wird nicht verdrängt, sie wird ernstgenommen, der Autor geht ihr bis ins Innere des Glaubensaktes selber nach: in der biblischen Tradition mit dem Dulder Hiob und seinem Zweifel an Gott – in der Gegenwart in stetiger Auseinandersetzung mit den Positionen Nietzsches und Feuerbachs.

Freilich sieht Biser in der gegenwärtigen Glaubenssituation nicht nur Züge des Verfalls, des Rückgangs religiöser Praxis, des Schwindens christlicher Institutionen und Lebensweisen. Er macht auch auf Gegenbewegungen aufmerksam, auf den wachsenden Zweifel an modernen Autonomiekonzepten, auf den Zusammenbruch der mit dem Christentum konkurrierenden „Fortschrittsreligionen“ (Karl Löwith), auf das weltweite neue Interesse an einer – freilich meist außerkirchlichen – Religiosität.

Christentum als therapeutische und mystische Religion

Zugespitzt formuliert Biser: Das Christentum sei weder eine primär dogmatische noch eine primär moralische Religion. Es sei vielmehr „eine therapeutische und mystische Religion“. Dem Menschen müsse radikaler geholfen werden, weil ihm eine Todeswunde geschlagen sei und kein Mensch sich mit der Tatsache des Sterbenmüssens abfinden könne. Das Christentum finde wie in der Geschichte vom barmherzigen Samariter einen verwundeten Menschen vor. Ihm gehe es in erster Linie um die Heilung des Menschen.

Das Zentrum Seniorenstudium der Ludwig-Maximilians-Universität München veranstaltet in Zusammenarbeit mit der Eugen-Biser-Stiftung einen Vortragszyklus zu Bisers 100. Geburtstag. Am Freitag, 12. Januar, spricht der Salzburger Fundamentaltheologe Professor Gregor Maria Hoff um 14.15 Uhr im Hörsaal B 101 der LMU über Bisers Buch „Glaubensverständnis“. Um 16 Uhr beginnt dann ein Gedenkgottesdienst mit Kardinal Reinhard Marx in der Münchner Ludwigskirche (Ludwigstraße 20).

Alle Analysen des Glaubens gründen bei Eugen Biser in der Mitte der Person Jesu. Ausgehend von Jesus, dem „Helfer, der die Hilfe ist“ (Sören Kierkegaard), muss sich die Theologie immer wieder in Beziehung setzen zum fragenden, suchenden, angefochtenen Menschen unserer Zeit. Bisers Denkweg führt vom Christentum zu Christus; er geht aber weiter von Christus zu Jesus; denn nur wer diesen „Anfang im Ende“, diesen „ersten und einzigen Christen“ erreicht, wird im geschichtlichen Christentum mit all seinen Unzulänglichkeiten gleichwohl einen Hauch des Gottesreiches spüren und erfahren können.

Eugen Biser ist den Spuren suchender und fragender Menschen der Gegenwart nicht nur in wissenschaftlichen Analysen und philosophischen Traktaten nachgegangen. Er nähert sich ihnen auch in vielfältigen Interpretationen von Architektur, Dichtung und Musik. Über die Münchner Ludwigskirche hat er einen ebenso hochgelehrten wie sprühenden Essay geschrieben. Über Schuberts Kirchenmusik gibt es vielleicht nach Georgiades’ Tod keine ähnlich einfühlsamen und kenntnisreichen Analysen wie die von Biser. Ähnliches gilt von seinen Äußerungen über Novalis und Kleist, über Joyce und Kafka, über Schönberg, Alban Berg und Udo Zimmermann.

Professor Hans Maier war von 1970 bis 1986 bayerischer Kultusminister und von 1976 bis 1988 Präsident des Zentralkomitees der Deutschen Katholiken © Archiv

Hinter den über hundert Büchern Bisers stand ein Mensch von großer Bescheidenheit – klein und zierlich nicht nur von Gestalt, sondern demütig in seiner ganzen Art. Wer ihm näher kam, lernte einen stets hilfsbereiten, überaus gewissenhaften Mann kennen, einen Gelehrten alter Schule, der sich Zeit nahm für Studenten, Mitarbeiter, Kollegen.

„Wenn ein Mensch im hohen Alter von 96 Jahre stirbt“, schrieb Richard Heinzmann zum Tod Eugen Bisers, „gehört sein Lebenswerk in der Regel der Vergangenheit an. Auf Eugen Biser trifft das nicht zu.“ In der Tat hat sein Werk nach wie vor hohe Aktualität – für die Gegenwart wie für die Zukunft. (Hans Maier)


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