„Rat der Religionen“ gegründet Gemeinsame Mission: Frieden für München

22.07.2016

In München haben Vertreter von fünf Religionsgemeinschaften den „Rat der Religionen“ gegründet. Wer alles mit dabei ist und was der Rat künftig tun will lesen Sie hier...

Stadtdekanin Barbara Kittelberger und Graf Rupert zu Stolberg bei der Gründung (Bild: Kiderle) © Kiderle

München – „Man könnte sagen, dass die Stadt und die Region schon ein paar hundert Jahre auf diese Gründung warten“, eröffnet der Münchner Landrat Christoph Göbel (CSU) schmunzelnd seine Rede. Dann wird er ernst: „Seit über siebzig Jahren herrschen jetzt Frieden, Freiheit und Rechtsstaatlichkeit in Europa – die historisch längste Periode. Wenn ich mir meine beiden kleinen Söhne so anschaue mit ihrer statistischen Lebenserwartung von 100 Jahren, frage ich mich: Was liegt vor ihnen?“

 

Die Sorgen um den Frieden, die Verantwortung für die künftigen Generationen und eine Welt mit Grundwerten verbinden die Vertreter der fünf Religionsgemeinschaften, die gestern den „Rat der Religionen“ in München gegründet haben. Im Sprecherrat wirken neben Bischofsvikar Rupert Graf zu Stolberg und der evangelischen Stadtdekanin Barbara Kittelberger sechs weitere Repräsentanten verschiedener Religionen mit: Ergin Karakoc von der Alevitischen Gemeinde München, Thomas Barth von der Deutschen Buddhistischen Union, Rabbiner Steven Langnas von der Israelitischen Kultusgemeinde in München und Oberbayern, der koptisch-orthodoxe Erzpriester Abuna Deuscoros El Antony, Erzpriester Apostolos Malamoussis von der Orthodoxen Pfarrkonferenz in München, Imam Benjamin Idriz vom Münchner Forum für Islam und Aykan Inan vom Muslimrat München.

 

Die Religionsgemeinschaften arbeiten bereits zusammen – im Münchner „Bündnis für Toleranz“, bei kleineren Veranstaltungen und im gemeinsam organisierten Friedensgebet. Anlass für die Gründung des „Rates der Religionen“ war der Konflikt in Syrien. Angesichts des zunehmenden Terrors im Namen der Religion, des in Deutschland wiederaufkommenden Antisemitismus und der wachsenden Islamfeindlichkeit ist es allen wichtig, eine feste Plattform für den interreligiösen Dialog zu etablieren. Dialog, Informationen zu den Religionen und das gemeinsame Gebet sind die zentralen Aufgaben des Rates. „Wir müssen den interreligiösen Dialog lernen, mehr von den anderen erfahren – die Muslime über das Judentum, die Christen über den Islam“, erklärt Imam Benjamin Idriz. Kritische Themen sollen intern angesprochen werden, und auch politisch wird der Rat auftreten „Ich hoffe, wir müssen nicht unsere Stimmen erheben anlässlich von neuen Gewalttaten und Terrorakten. Aber wenn so etwas passieren sollte, dann werden wir uns gemeinsam öffentlich entschieden gegen solche Gewalt stellen, egal, aus welcher Ecke sie kommt“, betont Bischofsvikar zu Stolberg.

 

Der „Rat der Religionen“ spiegelt die religiöse Vielfalt in München wider. Erzpriester El Antony beschreibt es aus christlicher Sicht: „In den großen europäischen Städten kommen all die verstreuten Apostel Christi wieder zusammen. Und sie haben weltweit Erfahrungen mit anderen Religionen gemacht.“ Die christlichen Kirchen als größte Gruppe helfen dabei den anderen Religionsgemeinschaften, indem sie die Geschäftsführung übernehmen und so ihre Infrastruktur zur Verfügung stellen. Im Rat sind sie aber gleichberechtigt mit den kleineren Gemeinschaften. Dieses Vorgehen begrüßt der Erlanger Jurist und Islamwissenschaftler Professor Mathias Rohe in seinem Vortrag: „Es wird Asymmetrien geben im Rat – theologisch und finanziell.“ Entscheidend sei aber, dass alle das gleiche Stimmrecht haben. Wichtig sei auch, dass die Verfassung und die Trennung von Kirche und Staat von allen akzeptiert werde, denn „wo Religion und Staat sich verbinden, schadet das beiden. Dann wird Gott plötzlich für die nicht funktionierende Abwasserversorgung verantwortlich gemacht.“

 

Noch etwas hat der Islamwissenschaftler in anderen Ländern mit anderer Gesprächskultur gelernt: „Viele Konflikte entstehen aus Missverständnissen. Nur weil ich nicht verstehe, was der andere sagt, ist der nicht böse. Wichtig ist die Grundannahme: Der andere meint es gut!“ Eines schreibt Rohe dem „Rat der Religionen“ besonders ins Stammbuch: „Am überzeugendsten wirken Religionen, wenn sie bescheiden auftreten, wenn sie dienen wollen und nicht herrschen.“

 

Ganz in diesem Sinne plant der Rat auch seine nächsten Schritte: Am 14. November wird es um 18.30 Uhr in der Fußgängerzone vor St. Michael das nächste interreligiöse Friedensgebet geben, anschließend wird die nächste Vollversammlung stattfinden. Dort und bis dahin werden weitere konkrete Projekte geplant. (Schwester Birgit Stollhoff)

Der „Rat der Religionen“ in München: Oben (v.l.) Erzpriester Apostolos Malamoussis (Orthodoxe Pfarrkonferenz München), Celal Gül (Alevitischen Gemeinde), Rabbiner Steven Langnas (Israelitische Kultusgemeinde)

Mitte: Thomas Barth (Deutsche Buddhistische Union), Bischofsvikar Rupert Graf zu Stolberg, Erzpriester Abuna Deuscoros El Antony (koptisch-orthodoxe Kirche)

Unten: Aykan Inan (Muslimrat München), Stadtdekanin Barbara Kittelberger (Evangelisch-Lutherisches Dekanat München), Imam Benjamin Idriz

Dieser Artikel gehört zum Schwerpunkt Friede

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