Nach der Missbrauchsstudie Generalvikar Beer will Männerbünde in der Kirche aufbrechen

01.10.2018

Der Münchner Generalvikar Peter Beer äußert sich im Interview zu Klerikalismus, Zölibat und Männerbünden.

Generalvikar Peter Beer
Generalvikar Peter Beer © EOM

Herr Generalvikar, die bundesweite Missbrauchsstudie liegt jetzt vor und belegt tausendfache Vorwürfe sexuellen Missbrauchs, aber auch das Vertuschen und Kleinreden davon. Schämen Sie sich für die Kirche?
Nein, ich schäme mich nicht für die Kirche. Ich schäme mich nicht für die Ehrenamtlichen in den Pfarreien, ich schäme mich nicht für all die Gläubigen, die für eine glaubwürdige Kirche stehen, ich schäme mich nicht für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die treu ihren Dienst versehen. Aber ich bin wütend über die Täter und schäme mich für die, die die Täter geschützt und ihre Verbrechen vertuscht haben.

Wer übernimmt eigentlich die Verantwortung für die Serie von Verbrechen, die im Schutze der Kirche begangen wurden? Welche Verantwortung übernehmen Sie persönlich als Chef der Verwaltung?
Verantwortung übernehmen heißt für mich persönlich nicht wegzulaufen, sondern dafür gerade zu stehen, was im Raum der Kirche passiert ist. Es heißt, Opfern soweit als möglich Gerechtigkeit zu verschaffen, Enttäuschungen zu lindern, sich Kritik zu stellen, Beschimpfungen auszuhalten, sich Konflikten zu stellen, Kraft und Energie in Veränderungsprozesse zu investieren, mit eigenen Illusionen und Wunschbildern aufzuräumen, sich selbst auf Änderungsbedarf zu prüfen.

Es heißt immer, die hohe Zahl von Missbrauchsfällen in der Kirche sei strukturell bedingt. Welche Strukturen sind das denn, was konkret muss zerschlagen und anders aufgebaut werden?
Im Kern geht es immer wieder um ungute Machtstrukturen, die es an good governance (gute Führung), compliance (Regelkonformität) und accountability (Rechenschaftspflicht) mangeln lassen. Wenn Menschen, die Machtpositionen innehaben – und dazu gehören auch Priester –, tun können was sie wollen, weil sie nicht kontrolliert werden, keine Regeln einhalten und sich nicht rechtfertigen müssen, dann ist das Gefährdungspotential für Missbräuche unterschiedlicher Art sehr hoch. In dieser Hinsicht ist es wichtig, auf allen Ebenen der Kirche gegen Willkür, Beliebigkeit und Intransparenz konsequent vorzugehen.

Die Studie kritisiert Klerikalismus als eine der Ursachen. Gibt es im Erzbistum München und Freising Klerikalismus? Was ist Klerikalismus und was tun Sie dagegen?
Ja, Klerikalismus gibt es auch im Erzbistum. Es gibt ihn überall dort, wo ein geistliches Amt dazu dient, sich ganz weltliche Vorteile zum Beispiel in Sachen Macht oder Finanzen zu verschaffen. Es gibt ihn dort, wo kirchliches und geistliches Leben als Bühne dazu dienen, sich als Amts- und Funktionsträger persönlich in den Mittelpunkt zu stellen, sich alleinig für bedeutend und unersetzlich zu halten. All dies, aber auch das Gegenteil davon ist im Grunde eine Frage der Haltung, der inneren Einstellung. Diese kann man nicht einfach verordnen, da kann ich als Generalvikar noch so viele Vorschriften gegen Klerikalismus erlassen, letztendlich werden sie nicht wirklich helfen. Das wirksamste, das ich wahrscheinlich machen kann, ist es immer wieder ganz konkret zu versuchen, selbst nicht klerikal zu sein, selbst zu versuchen, Jesus besser nachzufolgen, der jeweils die anderen in den Mittelpunkt gestellt hat.

Studie zum Missbrauch in der Kirche

Wissenschaftler haben bei der Herbstvollversammlung der deutschen Bischöfe eine Studie zum Missbrauch in der Kirche vorgestellt. In den kirchlichen Akten der Jahre 1946 bis 2014 hatte das Forscherteam Hinweise auf 3.677 Betroffene sexueller Übergriffe und auf rund 1.670 beschuldigte Priester, Diakone und Ordensleute gefunden. Die Experten gehen zudem von weiteren Fällen aus, die nicht in den Akten erfasst sind.

Die Studie legt nahe, dass Priester viel häufiger Täter werden als Laien, aber auch häufiger als die Ständigen Diakone. Liegt das am Zölibat? Müssen Zölibat und Priesteramt entkoppelt werden?
Der Zölibat an sich macht einen Menschen nicht automatisch zum schlechteren Priester. Es geht darum, wie er verstanden und gelebt wird. Ich persönlich halte daher eine Entkoppelung von Zölibat und Priesteramt nicht zwangsläufig für notwendig. Den Zölibat für Priester erachte ich in seiner Zeichenhaftigkeit für eine besondere Form der Nachfolge Christi als sinnvoll, wenn unter anderem durch Ausbildung und Begleitung sichergestellt werden kann, dass erstens der Zölibat nicht nur eine Flucht vor der eigenen Sexualität oder der Welt ist, zweitens der Zölibat nicht nur als Verlust an Leben erlebt wird, den man durch Geld und Macht kompensieren muss, und drittens der Zölibat einen nicht über andere erhebt. Sollte es nicht möglich sein, solche negativen Ausprägungen von zölibatärem Leben weitgehend zu vermeiden, dann sollte man es aber wirklich sein lassen.

Was tut die Kirche gegen Strukturen von Männerbünden, die ja offenbar unreife Sexualität und Machtmissbrauch begünstigen – und Aufklärung verhindern?
Männerbünde müssen aufgebrochen werden. Dazu ist es wichtig, in Frauenförderung zu investieren, Frauen in Führungspositionen zu bringen und sie zu unterstützen, den Frauenanteil in Gremien et cetera konsequent zu erhören, grundsätzlich auf Geschlechtergerechtigkeit zu achten. Während wir auf der oberen Ebene der Ordinariatsdirektoren im Ordinariat nahezu ein Fünfzig-zu-Fünfzig-Verhältnis der Geschlechter haben, besteht noch ein erheblicher Entwicklungsbedarf auf der mittleren Ebene.

Was muss sich in der Ausbildung der Priester ändern? Wie kann sichergestellt werden, dass nur Männer geweiht werden, die eine gefestigte Persönlichkeit und einen reifen Umgang mit der eigenen Sexualität haben?
Die Ausbilder selbst brauchen eine entsprechende Fachausbildung, reines Erfahrungswissen aus der eigenen Seminar- oder Pfarrerzeit reicht nicht aus, um Kandidaten auf die Herausforderungen eines Priesterlebens angemessen vorzubereiten und dementsprechend auszuwählen. Des Weiteren sollten meines Erachtens mehr Frauen in die Priesterausbildung miteinbezogen werden, um von Anfang an unmissverständlich klar zu machen: Frauen sind Expertinnen, Kolleginnen und Führungskräfte. Und vielleicht noch ein Drittes: Wir müssen uns ernsthaft mit der Bereitschaft Konsequenzen zu ziehen fragen, ob es wirklich ein entscheidender Beitrag zur Persönlichkeitsentwicklung ist, wenn ein paar Seminaristen in einem viel zu großen Haus leben und dort auch noch ohne wesentliches eigenes Zutun vollversorgt werden.

Haben Sie alle Täter der Staatsanwaltschaft gemeldet und relevante Akten übergeben?
Alle Akten wurden und alle Anzeigen werden auf strafrechtlich relevante und verfolgbare Tatbestände untersucht. Wurden beziehungsweise werden solche entdeckt, werden sie konsequent den Strafverfolgungsbehörden übergeben.

Werden Priester, die Missbrauchstäter sind, konsequent mit Kirchenstrafen bis hin zur Exkommunikation belegt?
Die Verhängung von Kirchenstrafen ist primäre Aufgabe der Glaubenskongregation in Rom, in deren Auftrag auch das Kirchengericht in München tätig wird. Nach einem entsprechenden Verfahren wird für den Einzelfall das Strafmaß bestimmt. Ob Kirchenstrafen adäquat verhängt werden beziehungsweise verhängt werden können, ist strittig. Dies liegt grob gesprochen zum einen an der entsprechenden kirchlichen Nachweismöglichkeiten der Vergehen, zum anderen an der Konstruktion des Kirchenrechts selbst. Manche Fachleute kritisieren, dass im Kirchenrecht die Opfer von Missbrauch in Verfahrensordnungen zu wenig Berücksichtigung finden, der Tatbestand des Missbrauchs als solches nicht benannt wird und die Strafmaßbemessung mangelhaft beschrieben sei.

Seit 2002 sind Missbrauchsfälle in großem Ausmaß bekannt und die Bischofskonferenz hat erste Leitlinien zum Umgang damit formuliert. Aber seitdem hat es immer weitere neue Fälle gegeben – warum hat die Kirche da nicht härter durchgegriffen?
Machen wir uns nichts vor: Missbrauch wird es immer wieder geben. Man kann ihn nicht zu hundert Prozent verhindern, man kann sich nur zu hundert Prozent bemühen, dass Missbrauch nicht geschieht. Man kann in Menschen nicht hineinsehen und sie auch nicht absolut kontrollieren. Da helfen auch noch so viele Leitlinien und Maßnahmen nichts. Dennoch ist auch wahr: Notwendige Maßnahmen werden teilweise zu zögerlich, zu schwerfällig umgesetzt. Die Gründe dafür sind vielfältig: Unsicherheit, Bequemlichkeit, die Angst vor Fremdkontrolle und eigenem Kontrollverlust

Viel wurde ja offensichtlich über Jahrzehnte vertuscht – die Vertuscher sind auch Täter. Welche Konsequenzen gibt es für sie?
In der Erzdiözese München und Freising sind keine Personen im Amt, bei denen es hinreichende Hinweise oder Belege für eine Verwicklung in Vertuschungsvorgänge gibt. Vertuscher einem wie auch immer gearteten Strafverfahren zuführen zu können, setzt voraus, diese identifizieren zu können. In den uns vorliegenden Fällen von Vertuschung ist dies zum Beispiel auf Grund des zeitlichen Abstandes, der Vernichtung von Akten und von nicht klaren Zuständigkeiten nur unter erheblichen Schwierigkeiten möglich – letztendlich auch durch die schwachen rechtlichen Instrumente.

An wen können sich Opfer eigentlich wenden? Wem kann man vertrauen?
Es gibt in der Erzdiözese unabhängige Missbrauchsbeauftragte, einen Rechtsanwalt und eine Rechtsanwältin. Die Kontaktdaten sind auf der Internetseite des Erzbistums eingestellt. Selbstverständlich steht es jedem und jeder von Missbrauch Betroffenen frei, sich an die staatlichen Strafverfolgungsbehörden zu wenden.

Wie geht die Kirche mit Homosexualität um? Was muss sich ändern?
Homosexualität gibt es mitten in der Kirche. Es gibt schwule Geistliche genauso wie schwule Mitarbeiter und lesbische Mitarbeiterinnen in allen Bereichen kirchlichen Handelns. Diese Tatsache gilt es anzuerkennen und klar zu benennen. Homosexuelle Geistliche, Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter leisten wie viele andere nicht homosexuelle Mitglieder unserer Dienstgemeinschaft einen wichtigen Dienst und gute Arbeit. Die Berichte, dass die meisten der Missbräuche im kirchlichen Bereich von Männern an Jungen begangen werden, sind zutreffend. Nicht zutreffend ist es auf Grund dieser Berichte auf einen eindeutigen Zusammenhang von Homosexualität und Missbrauch zu schließen. Einen solchen Zusammenhang unkritisch herzustellen ist eine unverantwortliche Diskriminierung von homosexuellen Menschen. Fachleute gehen davon aus, dass missbräuchliche sexuelle Handlungen von Männern an Jungen kaum als wirklich homosexuell motiviert klassifiziert werden können, sondern als Ausdruck einer unreifen, ungeklärten Sexualität.

Die Sexualmoral der katholischen Kirche formuliert Vorschriften, die offenbar oft nicht einmal die Priester selbst einhalten. Was muss sich ändern?
Größere Aufrichtigkeit würde schon mal ein Stück weiterhelfen. Wenn mehr oder weniger alle wissen, dass bestimmte Regeln und Vorschriften so gut wie gar nicht eingehalten werden, aber dennoch so getan wird, als würden sie selbstverständlich beachtet, dann ist das ein Ärgernis, eine nahezu unerträgliche Heuchelei. Diese schadet allen: den Menschen, die sich in eine Doppelmoral flüchten und der Institution, die dadurch als Ganzes unglaubwürdig wird. Dem muss man sich stellen. Konkret heißt das: die Situation ehrlich benennen und sich dann auch klar positionieren. Will man bestimmte Vorschriften beziehungsweise Normen abschaffen, sie modifizieren oder dafür werben, sie erschließen und sie vielleicht sogar mit bestimmten Sanktionsmaßnahmen stützen? Natürlich können wir weltkirchliche Vorgaben nicht so einfach über Bord werfen, aber wir können bei deren praktischer Umsetzung pastorale, arbeitsrechtlich Spielräume definieren, begründen und klar kommunizieren. (pm/EOM)

Dieser Artikel gehört zum Schwerpunkt Kirche und Missbrauch

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