Scheyerner Kreuz Geschichte einer besonderen Reliquie

07.04.2020

Das Kloster Scheyern beherbergt eine berühmte Kreuzreliquie aus dem Heiligen Land. Normalerweise wird sie jeden Tag und besonders in der Karwoche von den Gläubigen aufgesucht. In Coronazeiten ist das anders.

Scheyerer Kreuz
Das Scheyerer Kreuz hat eine lange und bewegte Geschichte. © Bierl/SMB

Scheyern - Der Priester und Wanderprediger Konrad zieht um 1150 über die kleinen Dörfer des Dachauer Hinterlandes. Und er trägt einen wertvollen Schatz bei sich: Sieben kleine Kapseln mit Erde aus dem Heiligen Land, unter anderem aus der Geburtsgrotte in Bethlehem, vom Berg Golgatha und vom Grab Christi. Hinzu kommen noch eine Reliquie vom Bett Mariens und von ihrem Grab.

In einem hölzernen Kreuz mit Doppelbalken, der nur Patriarchenorten wie Jerusalem oder Rom zukommt, sind diese heiligen Dinge aufbewahrt. In seiner Mitte enthält es noch eine besondere Kostbarkeit: Splitter vom wahren Kreuz Christi.

Fromme Aneignung

Konrad ist vom Jerusalemer Patriarchen ins ferne Alpenvorland geschickt worden, um mit dieser Reliquie Spenden zu sammeln. Denn die Pilgerströme ins Heilige Land sind Mitte des 12. Jahrhunderts aufgrund der politischen und kriegerischen Verhältnisse zurückgegangen. Dann muss eben das Heilige Land nach Europa kommen, dachte sich der Patriarch und entsandte Konrad übers Mittelmeer.

Einen solchen Schatz und die damit verbundenen Spenden wollten offenbar die Grafen von Dachau nicht mehr aus dem Land lassen. Es ist wahrscheinlich, dass sie das Kreuz dem armen Konrad gewaltsam abnahmen. Pia fraus, ein frommes Verbrechen, nannte man solche Besitzaneignungen. Später einigten sich die Dachauer Grafen dann aber doch gütlich mit dem Jerusalemer Patriarchen, dass es in Kloster Scheyern zur allgemeinen Verehrung bleiben durfte. Dort ist es seit etwa 1180 verwahrt.

Nachbildungen weit verbreitet

Auffällig ist seine Form: Am unteren Ende ist eine Art Tülle in Kegelform angebracht. Kranke bekamen daraus Wasser zu trinken und es soll zu wunderbaren Heilungen gekommen sein. Nicht zuletzt wegen der ihm zugeschriebenen Mirakel und der sofort wiedererkennbaren Form sind Nachbildungen des Kreuzes weit verbreitet gewesen. Bis zu 40 000 Stück hat das Kloster in manchen Jahren verkauft. Sie wurden in die Glockenspeise eingeschmolzen, damit der Bronzeguss nicht fehlgeht.

Immer wieder tauchen kleine Scheyerner Kreuze in den Türstöcken alter Bauernhäuser auf, wo sie Unheil vom Anwesen abwenden sollten. Und noch im Zweiten Weltkrieg haben Ehefrauen ihren eingezogenen Männern eine Nachbildung als spirituellen Schutz unter die Uniformaufschläge eingenäht. Und natürlich sind Scheyerner oder auch Scheyerer Kreuze Teil der unzähligen Wettersegen-Bilder, auf denen Medaillen, kleine Heiligenbilder, Gebetszettel und geweihtes Wachs eng aneinander geklebt sind, um Blitzschlag und Hagel abzuwehren.

Ergreifende Kreuzauflegung

Die Original-Reliquie kam und kommt den Gläubigen bis heute auch wortwörtlich hautnah. Täglich nach der Pfarrmesse können es sich die Anwesenden auf die Stirn legen lassen. Ebenso nach der Sonntagsmesse und der Vesper. Die Geste bringt eine tiefe Begegnung und Anteilnahme mit dem Leiden Christi zum Ausdruck, durch das Kreuzauflegen soll es das Denken und Fühlen durchdringen. Das trifft tiefer als alle Worte. Den Mönchen im Kloster wird die Reliquie täglich nach der Komplet, dem Nachtgebet, auf die Stirn gelegt. Da ist es draußen schon finster, die Kreuzkapelle und der Kreuzgang sind nur schwach beleuchtet. Die Gäste des Klosters dürfen daran teilnehmen und kaum jemand schafft es nicht ergriffen zu sein, wenn er den Kontakt mit dieser jahrhundertealten Reliquie spürt.

In den Coronazeiten müssen die Gläubigen auf die Berührung mit dem Kreuz verzichten, erklärt Pater Wirth, der Cellerar des Klosters. Schließlich soll davon keine Infektionsgefahr ausgehen. Und auch seine Verehrung am Karfreitag muss in diesem Jahr ausfallen. Vergessen ist das Kreuz aber nicht, versichert der Mönch. Jeden Tag würden genauso viele Opferkerzen vor dem Kreuzkapelle brennen wie sonst auch und einzelne Gläubige vor der Reliquie beten und ihre Anliegen vorbringen. Nach jahrhundertelanger Verehrung bleibt die Nähe zum Scheyerner Kreuz auch dann erhalten, wenn es nicht auf der Stirn zu spüren ist.

Der Autor
Alois Bierl
Chefreporter Sankt Michaelsbund
a.bierl@st-michaelsbund.de

Dieser Artikel gehört zum Schwerpunkt Corona - Pandemie

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