Ellen Ammann Gesicht der katholischen Frauenbewegung

21.11.2017

Sie war eine Schwedin in Oberbayern, und was für eine: Katholikin, sechsfache Mutter, Sozialreformerin, Landtagsabgeordnete. 85 Jahre nach ihrem Tod gibt es endlich eine wissenschaftliche Biografie über Ellen Ammann.

Ellen Ammann (1870-1932)
Ellen Ammann (1870-1932) © KDFB Bayern

München – Am Mittwoch werden sie an ihrem Grab auf dem Alten Südlichen Friedhof in München einen Kranz niederlegen: Am Vortag ihres 85. Todestages ehrt der Katholische Deutsche Frauenbund (KDFB) in Bayern seine Gründerin Ellen Ammann (1870-1932), die vieles war: Mutter mit Migrationshintergrund, Pionierin der Sozialarbeit, eine der ersten weiblichen Parlamentarierinnen und frühe Gegnerin Adolf Hitlers.

Bei diesem Profil mag verwundern, dass erst jetzt eine wissenschaftliche Biografie über die Schwedin erscheint, die in Bayern so viele Spuren hinterlassen hat. Die Oldenburger Pädagogin Gunda Holtmann (54) hat sich für eine im Februar abgeschlossene Promotion der facettenreichen Persönlichkeit angenommen. Schon Zeitgenossen verfassten hymnische Lebensbilder über Ammann, dann geriet sie für Jahrzehnte in Vergessenheit.

Heimlich katholisch erzogen

Aus protestantischem Hause, aber von ihrer Mutter insgeheim katholisch erzogen, heiratet Ellen Aurora Sundström 1890 den Untermieter ihrer Familie. Der Münchner Orthopäde Ottmar Ammann will in Stockholm die schwedische Heilgymnastik studieren und verliebt sich in die älteste Tochter seiner Gastgeberin. Die 20-Jährige zieht mit ihrem neun Jahre älteren Mann nach Bayern und bringt dort bis 1903 fünf Söhne sowie eine Tochter zur Welt, auf jedes Kind kommt eine weitere Fehlgeburt.

In der Theorie akzeptiert sie die patriarchale Unterordnung der Frau, in der Praxis kollidiert ihr Streben nach persönlicher Freiheit immer wieder mit dem überkommenen Ehe-Ideal. Im Großen und Ganzen fügt sie sich in ihre Rolle als Hausfrau und Mutter, wie Holtmann feststellt.

Vorreiterrolle

Das hält die selbstbewusste Frau aber nicht davon ab, auf vielen anderen Gebieten eine Vorreiterrolle einzunehmen, wobei sie von ihrem Mann in ihren außerhäuslichen Aktivitäten stets unterstützt wird. Eine Fülle von Institutionen verdanken sich ihrer Initiative: die Bahnhofsmission und die Katholische Stiftungsfachhochschule München, die Müttererholung, der Beruf der Familienpflegerin.

Mit dem Segen des Münchner Kardinals Michael von Faulhaber gründet Ammann auch eine Vereinigung von Diakoninnen. Allerdings erfüllt der Kardinal der Gruppe nicht den Wunsch nach einer förmlichen Weihe, wie sie reformorientierte Kirchenkreise heute wieder fordern.

Abgeordnete im Landtag

1919 zählt Ammann zu den ersten Frauen im bayerischen Landtag, dem sie bis zu ihrem Tod angehören wird. Dabei graust es ihr vor Parlamentsreden, weil sie weder über ein mitreißendes Auftreten noch über Redetalent verfügt. Dafür sieht sie vieles klarer und früher als andere.

So warnt die Abgeordnete der Bayerischen Volkspartei schon 1923 vor dem Aufkeimen des Nationalsozialismus. Mit anderen Politikerinnen betreibt sie Adolf Hitlers Ausweisung aus dem Freistaat - allerdings ohne Erfolg. Bei der Vereitelung des Hitlerputsches führt Ammann die entscheidenden Telefonate. Ohne ihren energischen Weckruf hätte das bayerische Kabinett die Eskalation in jener Novembernacht vor dem Marsch auf die Feldherrnhalle verschlafen.

Bildungsarbeit für Frauen

Zu Ammanns Begräbnis kamen der Ministerpräsident und der Landtagspräsident, der Kardinal, das bayerische Königshaus schickte Kränze. "Aber das wichtigste war, dass die armen Leute an ihrem Grabe weinten und für sie beteten", heißt es in einem Brief ihrer Söhne an seine Geschwister.

Für ihre Biografin zählt die ebenso fromme wie tatkräftige Skandinavierin auf der Schwelle zwischen Tradition und Emanzipation zu den großen Gestalten der katholischen Frauenbewegung. Obwohl ihr Denken auch reaktionäre Züge trug, pflegte sie Kontakte zu Frauen aus anderen politischen Lagern und Weltanschauungen. Vor allem aber versetzte die von ihr forcierte Bildungsarbeit Frauen in die Lage, sich von nun an überall einzumischen.

Einflussreiches Vermächtnis

Bis heute bemüht sich der KDFB Bayern, Ammanns Vermächtnis gerecht zu werden: Indem er gegen die schlechtere Bezahlung von Frauen für gleiche Arbeit kämpft, für eine höhere Mütterrente - und auch für die Zulassung von Frauen zu Weiheämtern in der katholischen Kirche. (Christoph Renzikowski/KNA)


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