Bergspiritualität Gipfelkreuze in kühner Optik

25.08.2020

Wenn der Fotograf Ludwig Watteler ins Gebirge geht, dann kommt er mit atemberaubenden Bildern zurück. Dazu braucht er nur eine einfache Kamera und ein Kreuz.

Gipfelkreuz mit Wölkchen und ohne digitale Nachbearbeitung.
Gipfelkreuz mit Wölkchen und ohne digitale Nachbearbeitung. © Ludwig Watteler

Gräfelfing – Zuerst machte es im Auge und in der Seele klick, danach auf dem Fotoapparat. Ludwig Watteler erinnert sich noch genau, wie er am Silvestertag 2006 unter dem Gipfelkreuz auf der Brecherspitz saß. Er drehte den Kopf nach links oben und war wie elektrisiert von der Perspektive auf den Christuskörper, dem Blick auf den Längs- und den Querbalken, die sich in den Himmel schoben. Aus seinem Rucksack bastelte er schnell ein Stativ, damit die Kamera ruhig stand und drückte auf den Auslöser. Seitdem hat er etwa 80 bis 90 Gipfelkreuze fotografiert, das Motiv lässt ihn nicht los.

Geometrie und Spiritualität

„Es ist zum einem die Geometrie, zum andern das Ewigkeitssymbol“, erzählt der 64-jährige Künstler, der seine fotografische Ausbildung unter anderem in der berühmten Folkwangschule in Essen erhalten hat und heute in Gräfelfing lebt. Halb ist es der künstlerische, halb der mystische Moment, der ihn dabei in Bann schlägt: „Manchmal fühle ich mich richtig empfangen und erwartet.“ Und Watteler zeigt auf einen Abzug, auf dem leicht versetzt vom Gipfelkreuz zwei kleine Federwölkchen zu sehen sind. Ohne sie würde dem Bild eine entscheidende Kleinigkeit fehlen. Viele Betrachter sind davon überzeugt, dass er dieses Detail mit den heute üblichen digitalen Programmen nachträglich eingearbeitet hat. Doch solche Manipulationen lehnt Watteler bei dieser Langzeit-Serie entschieden ab. Die Wölkchen waren tatsächlich da, als er das Kreuz ablichtete.

Verzicht auf Farbe

„Ich nehme die Dinge und Motive so, wie sind“, das ist seine persönliche Vorgabe bei diesen Aufnahmen, die er ohne Auftrag anfertigt. Dabei arbeitet er auf dem Berg mit einfachen Mitteln und nicht mit voller Profiausrüstung, schon allein um nicht so viel schleppen zu müssen. In seinem Rucksack sind eine Spiegelreflexkamera und ein Reiseobjektiv. „Es kommt auf das Sehen, auf die Beurteilung der Situation an und nicht auf die Technik.“ Halteseile oder Stacheldraht an den Kreuzen sind oft ein wichtiger Bestandteil der Komposition. Zu den Grundsätzen seiner Gipfelkreuzbilder gehört auch, dass er sie nur in schwarzweiß festhält: „Das hat eine viel größere künstlerische Klarheit.“ Zudem wären Farben sowieso oft nicht zu erkennen, weil Watteler gerne ins Gegenlicht fotografiert. Manchmal muss er dabei sehr schnell sein.

Vergänglich und ewig

Obwohl die Gipfelkreuze fest und unveränderlich dazustehen scheinen, sind sie von vergänglichen Augenblicken umgeben: ein Lichteinfall, der nicht wiederkehrt, anhaftender Schnee, der bei ein paar Minusgraden weniger weggeschmolzen wäre, ein kurz sich lichtender Nebel. Bei einem solchen Erlebnis wäre ihm „vor Überraschung fast einmal die Kamera aus der Hand gefallen“. Watteler begleitete 1.500 Schafe und ihre Hirten beim Wechsel übers Hochgebirge ins Südtiroler Winterlager. 13 Stunden dauerte die Wanderung, die über einen schmalen, gefährlichen Steig und durch eine dichte Nebelfront führte. „Die reißt auf einmal auf und über uns ist ein Kreuz auf einem Felssporn zu sehen, völlig unvermittelt.“ Die Herde war unruhig und es kündigte sich Schneefall an. „Aber in diesem Augenblick hatte ich keinen Zweifel mehr, dass wir diesen Übergang gut meistern und heil ankommen werden.“ Da hatte es wieder einmal zuerst in seiner Seele und danach auf dem Fotoapparat klick gemacht.

Der Autor
Alois Bierl
Chefreporter Sankt Michaelsbund
a.bierl@st-michaelsbund.de


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