Gewitterbrauchtum Glaube oder Aberglaube?

31.08.2017

Naturgewalten sind eine Bedrohung. Warum Gläubige dieser Gefahr heute anders begegnen als früher, erläutert Max Kronawitter hier.

„Die Erfindung des Blitzableiters hat dem Glauben enormen Schaden zugefügt.“ Mit dieser Feststellung hat mich einmal ein alter Bauer überrascht. Und dann hat er mir erzählt, was ein nächtliches Unwetter in seiner Kindheit ausgelöst hat: Die ganze Familie hat sich in der Stube versammelt, einen Wachsstock entzündet und den Rosenkranz angestimmt: Zur Muttergottes, zum heiligen Florian und zu allen 14 Nothelfern hätten sie gefleht, der Herrgott möge sie verschonen, möge verhindern, dass ein Blitz all ihre Habe vernichtet.

Diese Zeiten sind vorbei. Heutige Bauernkinder kennen den Wachsstock, eine meterlang aufgewickelte Kerze, wenn überhaupt, nur noch aus dem Heimatmuseum. Ziehen heute schwere Gewitter auf, dann denken Landwirte wohl eher an ihre Versicherungspolice als daran, alle Familienmitglieder im Herrgottswinkel zu versammeln. Ist das nun, wie der alte Bauer meinte, ein Zeichen für die Ausdünnung des Glaubens? Ich bin froh, dass in meiner Familie keine Existenzängste ausbrechen, wenn sich ein Unwetter ankündigt. Ein Gott, der durch Riten und Gebete besänftigt werden muss, damit er Blitz und Schauer im Zaum hält, ist mir fremd.

Max Kronawitter ist katholischer Theologe und Filmemacher. © privat

Gott steht an unserer Seite

In unserer Dorfkirche wird im Sommer trotz Blitzableiter, trotz Versicherungsschutz und trotz Wetterwarnungen per App, am Ende der Messe der Wettersegen gebetet. Mit Magie hat das nichts zu tun. Woche für Woche erinnert es daran, dass Naturgewalten eine Bedrohung bleiben. Wer denkt nicht an die schrecklichen Fluten der vergangenen Jahre, an die Verwüstungen in Passau oder Simbach? Ohnmächtig mussten Menschen im Hightech-Land Bayern erleben, wie ihr Heim zerstört wurde.

Der Wettersegen erinnert daran, dass wir nicht alles in der Hand haben. Er verweist nicht nur auf die Gefahr, sondern schenkt Vertrauen, weil er zum Ausdruck bringt, dass Gott an unserer Seite steht. Erst recht, wenn der Blitz tatsächlich einschlagen sollte. (Max Kronawitter)


Das könnte Sie auch interessieren

© Stadtkirche Germering

Pfingsten Unwetter zerstört Kirchenfenster

Das Unwetter vom Pfingstmontag hat auch an Kirchen Schäden hinterlassen. Besonders schwer hat es die Kirche St. Johannes Bosco in Unterpaffenhofen getroffen. Zwei ihrer Fenster wurden zerstört.

13.06.2019

© Fotolia/zatletic

Zum Gedenktag des heiligen Ignatius Vom Soldaten zum Seelsorger

Er begann erst mit 33 Theologie zu studieren und gründete 1534 die „Elitetruppe der Kirche“. Wie es zu dieser Kehrtwende im Leben des Ignatius von Loyola kam, lesen Sie hier.

31.07.2018

In Bayern war es sogar einmal die Pflicht jedes Untertanen, einen Rosenkranz bei sich zu tragen.
© Fotolia.com/shsphotography

Rosenkranz Stets Jesus im Blick

Der Oktober gilt als Rosenkranzmonat. Wie es dazu kam, erklärt der Theologe Max Kronawitter.

10.10.2017

© Diözesanmuseum Freising

Zum Fest „Verklärung des Herrn“ Besonderer Moment

Auf dem Berg der Verklärung machen drei Jünger eine besondere Gotteserfahrung. Solch intensive Glaubensmomente wünscht Pater Stefan Maria Huppertz auch uns.

06.08.2017

© Fotolia

Zum Schuljahresende Auch Jesus hat Ferien gemacht

Ferien mit Gott verbringen, das kann jeder, meint Professor Thomas Söding. Wie das aussehen kann, erläutert der Neutestamentler am Beispiel Jesu.

28.07.2017

Jetzt neu für Rosenheim: Der mk-online Newsletter

Wir informieren Sie über Aktuelles, Gottesdienste, besondere Veranstaltungen und Neues aus Religion und Gesellschaft.
Jetzt abonnieren