Neues Buch Glocken sind sein Hobby

11.01.2020

Mehr als zwölf Jahre hat Ralf Müller (56) für sein rund 200 Seiten starkes jetzt erschienenes Taschenbuch recherchiert. Dabei nahm der Oberhachinger so gut wie alle Geläute in München persönlich in Augenschein und bestieg mehr als 180 Türme.

Die Glocke „Cantabona“ im Südturm der Münchner Frauenkirche
Die Glocke „Cantabona“ im Südturm der Münchner Frauenkirche © imago images/Stefan M Prager

mk online: Wie viele Glocken läuten täglich in der bayerischen Landeshauptstadt?

Ralf Müller: Wie viele tatsächlich täglich läuten, kann ich nicht genau sagen, aber es gibt in München weit über 1.100 Glocken.

Das sind nicht alles nur Kirchenglocken …

Nein, ganz klar, eingerechnet sind hier beispielsweise auch die drei großen Glockenspiele, wie etwa am Münchner Rathaus mit 43 Glocken. Auch in einigen Altenheimen gibt es Kapellen mit Glocken, ebenso in Krankenhäusern und auf Friedhöfen und sogar in drei Schulen.

Was fasziniert Sie so sehr an Glocken?

Zunächst natürlich immer schon der Klang. Darüber hinaus sehe ich ihnen aber vor allem Musikinstrumente, die teilweise jahrhundertealt sind. Die ältesten Münchner Glocken stammen teilweise aus dem 13., 14. Jahrhundert. Es imponiert mir, wie sie alle Zeiten und alle Kriege überdauert haben.

Was zeichnet eine gute Glocke aus?

Vor allem muss der Teiltonaufbau in der Glocke zusammenstimmen. Denn obwohl wir glauben, eine Glocke erzeuge nur einen einzigen Ton, handelt es sich in Wahrheit um ein ganzes Spektrum an Tönen. Und wenn die nicht genau aufeinander abgestimmt sind, klingt die Glocke leider schräg. Ein weicher grundtöniger Ton zeichnet dagegen eine gute Glocke aus.

Was sagt der Glockensachverständige des Erzbistums zu ihren Aktivitäten?

Der war ganz angetan und unterstützte mich sofort auf ganzer Linie. Begonnen hatte es seinerzeit mit Gerald Fischer, der ja vor einigen Wochen als Diözesanmusikdirektor in den Ruhestand gegangen ist. Herr Fischer ermutigte mich stets in meinem Unternehmen und öffnete mir auch ganz unkompliziert alle seine Archive. Das gleiche Wohlwollen erfahre ich jetzt auch bei seinem Nachfolger Professor Stefan Zippe.

Sind Sie selbst ehemaliger Ministrant, der auch Glocken läuten durfte?

Ja, genau, aber schon damals ging das Läuten meist nur noch elektrisch. Durch das Buchschreiben kam ich aber auch noch in viele Kirchen und Kapellen, in denen man tatsächlich noch von Hand läutet. Nebenbei mache ich auch Tonaufnahmen von Glockengeläuten im ganzen Erzbistum und bin damit fast komplett durch, zumindest mit allen Pfarrkirchen.

Bei ihren zwölfjährigen Recherchen – was waren so Ihre überraschendsten Entdeckungen in den diversen Turm- und Glockenstuben?

Es passiert schon das eine oder andere Mal, dass man auf Türme steigt, in denen völlig andere Glocken hängen, als die Pfarreien in ihren Archiven notiert haben. Das liegt vor allem an der Kriegszeit, als Glocken abgeliefert werden mussten und dieser Schritt in manchen Archiven so nicht nachvollzogen worden ist. Erschwerend kommt oft noch dazu, dass glücklicherweise einige Kirchen ihre Glocken nach dem Krieg unbeschädigt zurückbekommen haben, aber dieser Schritt dann im Archiv nicht vermerkt wurde. Da herrscht also mitunter viel Verwirrung.

Noch nicht schwerhörig geworden von Ihrem Hobby?

Ein bisserl Tinnitus, weil ich anfangs dachte, das geht auch ohne Gehörschutz auf dem Turm, so ein wenig Stundenschlag, der macht nichts aus. Aber der macht sehr wohl was aus. Es gibt ja Glocken von fünf oder sechs Tonnen Gewicht, das geht ganz schön auf die Ohren. Daher bin ich seit einigen Jahren nur noch mit Gehörschutz dort oben unterwegs.

Glockenforscher Ralf Müller und sein neues Buch
Glockenforscher Ralf Müller und sein neues Buch © Ertl

Jetzt noch ein paar Superlative: Wo hängt das glockenreichste Geläut von München?

Beim Templerorden in der Birkenleiten in Untergiesing, vor und an jedem Feiertag um 15 Uhr zu hören, 21 Glocken, absolut hörenswert.

Die älteste Glocke?

Ganz genau kann man es nicht spezifizieren, aber mit eine der ältesten ist die Zwölferin im Alten Peter aus dem Jahr 1382.

Die schwerste?

Die Salve-Glocke im Nordturm der Frauenkirche mit acht Tonnen.

Der schönste Glockenspruch?

Mir gefallen natürlich die alten, auch wenn sie irgendwann einmal abgedroschen waren: „Blitze breche ich, die Lebenden rufe ich, die Toten beklage ich“ ist häufig auf alten katholischen Glocken zu finden, „Oh Land, Land, Land, höre des Herren Wort“ findet man sehr oft bei alten evangelischen. Heute stehen oft nur noch Schlagwörter auf Glocken, etwa „Friede“, „Zukunft“, Vergangenheit“, Gegenwart“, dazu die entsprechenden Symbole, da braucht es keine vielen Worte.

Der schönste Glockenname?

Mir gefällt zum Beispiel „Susanna“, wie die schon erwähnte „Salve-Glocke“ der Frauenkirche auch genannt wird. In der Paulskirche gibt es eine „Hosanna“, das ist auch schön.

Was ist besser: Glockengeläut in der Silvesternacht oder an Ostern?

An Ostern, weil das Glockenläuten in der Osternacht zum Gloria eine ganz besondere Symbolik besitzt, vor allem, wenn die Feier morgens stattfindet und die Sonne dabei langsam aufgeht. An Silvester geht das Geläut leider oft völlig in der Böllerei unter.

Was halten Sie von Schillers Glocke?

Weit bekannt. Der Glockenguss läuft heute weitestgehend noch so ab wie von Schiller beschrieben.

Kuhglocken?

Mich stören sie nicht, auch wenn in manchen Gemeinden deswegen prozessiert wird.

... süßer die Glocken nie klingen?

Tatsächlich nehmen wir den Klang der gleichen Glocke, je nach eigener Gemütslage, unterschiedlich wahr. An Weihnachten finden wir den Klang festlich und feierlich, während wir den gleichen Klang bei Beerdigungen als traurig empfinden.

Wissenswert
Das „Münchner Glockenbuch“ von Ralf Müller ist im Selbstverlag erschienen. Es kann für 20 Euro plus Versandkosten nur über den Autor per E-Mail bestellt werden unter glockenwelt@t-online.de

Der Autor
Florian Ertl
Münchner Kirchenzeitung
f.ertl@st-michaelsbund.de


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