Heimatminister Markus Söder exklusiv "Glockenläuten ist mein Heimatgeräusch"

10.08.2017

Nicht nur von Berufs wegen hat Heimatminister Markus Söder (CSU) einen engen Bezug zu seiner bayerischen Herkunft. Warum das so ist und welche Rolle sein Glaube dabei spielt, erzählt er exklusiv der Münchner Kirchenzeitung.

MK: Heimat mit allen Sinnen. Wie riecht Heimat für Sie, welchen Klang verbinden Sie mit ihr und wonach schmeckt Heimat?
SÖDER: Der Duft, der über dem Nürnberger Christkindlesmarkt weht, ist für mich Heimat. Beim Essen ist es bei uns Franken so, dass wir einen bestimmten Rhythmus haben, zu welcher Jahreszeit wir was essen. So gibt es die Spargel- oder die Lebkuchenzeit. Und genau zu diesen Jahreszeiten kommt auch der Appetit. Mein Heimatgeräusch ist das Glockenläuten. Wenn man es aus der Entfernung hört, fühlt man sich in Bayern einfach zuhause.

MK: Was hat Heimat für den 15-jährigen Markus bedeutet, welchen Stellenwert hat sie für den 50-jährigen Minister?
SÖDER: Für den 15-Jährigen war das klar: Schule, der Club (1. FC Nürnberg, Anmerkung der Redaktion) und das Elternhaus. Mit 15 kommt man in die Phase des leicht Rebellischen. Man will einfach in die Welt hinaustreten. Da wirkt manches, was man von zu Hause kennt, ein bisschen altbacken. Und man denkt: Mensch, mal nach München zu fahren, das wäre doch die Welt! Heute ist es andersherum: Weil man weiß, wie die Welt aussieht, freut man sich, in Bayern zu sein. Weil man weiß, wie unsicher die Welt geworden ist, schätzt man, welche unglaubliche Vitalität in Bayern liegt. Ich spüre einen Zusammenhalt in unserem Land, den ich als junger Mensch gar nicht so wahrgenommen habe. Je älter ich werde, umso fester verankert stehe ich in der bayerischen Heimat.

MK: Markus Söder ist viel unterwegs. Wo bekommt er Heimatgefühle, in München, in Nürnberg oder auf der Autobahn?
SÖDER: Wenn man außerhalb Bayerns ist, denkt man sehr schnell und sehr stark an Bayern. Da reicht es schon, wenn man von Hessen kommend bei Aschaffenburg auf der Autobahn das Grenzschild passiert. Da fühlt man: wieder daheim. Ansonsten habe ich zwei Orte, die mich stark binden: Ich arbeite mein gesamtes Berufsleben in München. Deswegen bleibe ich auch lieber in München, anstatt nach Berlin zu gehen. Aber natürlich ist Nürnberg die Heimat der Familie, unserer Kinder und Hunde und der Ort, an dem ich aufgewachsen bin. Wenn ich in München unterwegs bin, dann bin ich für viele Herr Staatsminister. Und in Nürnberg sprechen mich viele als „unser Markus“ an.

MK: Ein Mensch steht auf einem Berggipfel und blickt ins bayerische Voralpenland. Muss man da nicht zwangsläufig gläubig werden?
SÖDER: In der Tat. Man bekommt Demut, wenn man in der bayerischen Natur ist. Man merkt, dass es einen Höheren als einen selbst gibt. Und er bestimmt auch über unser Schicksal. Ich bin gläubig. Ich glaube an Gott und an Jesus Christus. Das ist für mich auch der Maßstab meines Lebens. Und ich finde, in Bayern hat er ein besonders gutes Werk getan.

MK: Zumeist geben Eltern dem Kind die erste Heimat. Wie haben Ihre Eltern das gemacht?
SÖDER: Ich habe gute Eltern gehabt, die sich um mich gekümmert haben. Natürlich hat mein Vater nicht so mit mir geredet, wie ich heute mit meinen Kindern rede. Es war halt eine andere Zeit. Aber meine Eltern haben für mich gesorgt, haben mir alles ermöglicht. Mein Vater war Maurermeister, meine Mutter hat die Buchhaltung gemacht. Beide haben für uns Kinder viel Persönliches zurückgestellt. Sie hatten immer das Ziel, dass es den Kindern einmal besser gehen soll. Ich war dann der erste in der Familie, der studieren konnte. Das hat meine Eltern, glaube ich, sehr stolz gemacht. Leider sind sie sehr früh verstorben. Meine Mutter 1994, drei Wochen vor meiner ersten Landtagswahl. Mein Vater dann 2002. Ich weiß jetzt nicht, ob sie glücklich wären, wenn sie wüssten, dass ich Minister geworden bin. Aber unglücklich, so glaube ich, wären sie auch nicht darüber gewesen.

MK: Und wie geben Sie Ihren Kindern Heimat?
SÖDER: Heimat ist Sicherheit und Verwurzelung. Ein Ort, an den man immer zurückkehren kann, auch wenn es mal schlecht geht. Das ist das Wichtigste im Leben. Neue Ideen erhalten Kinder oft durch ihre Freunde, Eltern müssen Sicherheit und Vertrauen geben. Das ist die Basis für alles andere.

MK: Heimat ist auch prägend für den Humor eines Menschen. Was ist das Besondere an der fränkischen Fröhlichkeit?
SÖDER: Dass der Franke über sich selbst lachen kann. Wir sind total gesellig, außer jemand spricht uns an (lacht). Der Franke sitzt beispielsweise in der Wirtschaft allein am Tisch. Wenn jemand reinkommt, sich dann aber an seinen Tisch setzen will, obwohl es andere freie Tische gibt, zeigt er keine spontane Freude. Aber der Franke ist auch treu. Es dauert etwas, bis man mit ihm warm wird, aber wenn, dann bleibt er ein Freund.

MK: Viele Menschen sind in den vergangenen Jahren aus ihrer Heimat geflohen und zu uns gekommen. Was kann man tun, um ihnen eine Ersatzheimat zu schaffen?
SÖDER: Ich glaube, es gibt kein Land, das so viel dafür tut wie der Freistaat Bayern – finanziell sowieso. Bei uns wird jeder Flüchtende versorgt, bekommt ein Dach über den Kopf und medizinische Betreuung. Wobei klar ist: Wir können nicht jeden bei uns aufnehmen. Es braucht eine Begrenzung der Zuwanderung. Wer hier bleibt, soll natürlich integriert werden. Wir wollen sie annehmen als gleichwertige Mitglieder unserer Gesellschaft. Aber es gibt auch klare Regeln: Jeder soll sich an unsere Sitten, Werte und Gebräuche anpassen.

MK: Wann haben Sie Heimweh?
SÖDER: Wenn ich in Berlin bin.

MK: Finden Sie in Ihrem Glauben auch ein Stück Heimat?
SÖDER: Sehr. Wobei ich sagen muss, dass der Glaube sich bei mir in unterschiedlichen Phasen entwickelt hat. Nach der Pubertät hatte ich keinen großen Bezug zum Glauben. Erst durch den Tod meiner Eltern und durch meine eigenen Kinder begann der Glaube wieder stärker zu wachsen. Der eigentliche Durchbruch kam bei mir durch die Aufnahme in einen Gebetskreis engagierter Christen. Da habe ich gelernt, dass man auch über den Glauben offen reden darf. So habe ich begonnen, mich zu öffnen und Gott noch mehr in mein Leben zu lassen. Heute weiß ich, dass ich mit Gott über alles reden kann.

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Beitrag: Markus Söder über Glaube und Heimat

Münchner Kirchenradio

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Gemeinsames MK-Zeitungsstudium: Chefredakteurin Susanne Hornberger und Heimatminister Markus Söder. © Hornberger

MK: Gehen Sie noch immer in den Gebetskreis?
SÖDER: Ja, regelmäßig und das berührt mich auch. Man betet da füreinander. Das rührt mich, dass da Menschen für einen mitbeten.

MK: Sie beten also. Gibt es auch Stoßgebete, vor wichtigen Anhörungen zum Beispiel?
SÖDER: Politisch nicht. Meine Hauptgebete sind fast immer, dass es meiner Familie gut geht. Für mich selbst bitte ich eigentlich nur darum, dass ich irgendwie die Kraft finde, mit dem, was kommt, umzugehen und es auszuhalten. Das hat mir immer viel geholfen. Ich habe bei mir im Heimatministerium einen kleinen Gebetsraum eingerichtet, einen Raum der Stille. Der wird manchmal etwas spöttisch die „Söder-Kapelle“ genannt. Der ist ein alter Banktresor mit einem Lichtkreuz. Da gehe ich immer auf dem Weg zu meinem Büro hinein, um zu beten.

MK: Zuhause auch?
SÖDER: Ja, abends, auch oft mit den Kindern.

MK: Welche Rolle spielen Gottesdienstbesuche?
SÖDER: Eine große. Wobei es natürlich Unterschiede zwischen evangelischen und katholischen Gottesdiensten gibt. Im evangelischen wird das Wort in den Vordergrund gestellt, das heißt zentraler Bestandteil ist die Predigt. In der katholischen Kirche werden die Liturgie, der Ritus und damit das Gefühl stärker betont. Ich mag beides sehr. Ich bin ja evangelischer Lutheraner und wir gelten in der deutschen evangelischen Kirche ohnehin als „halbe Katholiken“. So bekreuzige ich mich. Außerdem habe ich christliche Symbole bei mir, die ich in schwierigen Momenten berühre. Es ist eine Medaille, auf der steht „Ehre sei Gott und Frieden den Menschen“. Die habe ich immer dabei. (Söder zieht die Medaille aus seiner rechten Hosentasche und betrachtet sie kurz.) Oder ein kleines Kreuz in meinem Portemonnaie. Ich hätte ein unsicheres Gefühl, wenn ich es nicht dabeihätte.

MK: Die katholische Kirche fasst einen ja mit allen Sinnen. Ist das nicht irgendwie interessanter?
SÖDER: Beides zusammen macht es spannend. Natürlich bekommt man feuchte Hände, wenn man das erste Mal den Heiligen Vater kennenlernt. Bei mir war das Papst Benedikt. Die Aura ist eine andere, als wenn ich ein Treffen der Landessynode habe. Aber ich finde, es braucht beides zusammen, Herz und Verstand. Deswegen bin ich ein Fan der Ökumene. Außerdem ist Jesus Christus für mich der Maßstab. Er kannte keine Konfession. Mich fasziniert Jesus Christus immer wieder.

MK: Gibt es eine katholische Kirche, in die Sie gehen?
SÖDER: Es gibt sehr viele. Die katholischen Kirchen sind ja in der Regel sehr prachtvoll. In Gößweinstein in Oberfranken ist eine der schönsten. Da bin ich als Kind mit meinen Eltern am zweiten Weihnachtsfeiertag immer in den Gottesdienst gegangen. Mein Vater war katholisch. Er durfte meine Mutter aber nur heiraten, weil er versprochen hat, dass die Kinder evangelisch erzogen werden. Beeindruckend sind natürlich auch der Vatikan und der Petersdom. Denn ich fahre beinahe jedes Jahr nach Rom. Und in dem Moment, in dem man dort ist, spürt man die Weltkirche. Aber es gibt auch evangelische Gotteshäuser, die faszinierend sind: Die Sebalduskirche in Nürnberg beispielsweise ist eine der schönsten Kirchen. Vor allem der Sandstein dort und die Arbeiten von Veit Stoß beeindrucken. Die schönste Kirche der Welt ist aber die Thomaskirche in Nürnberg-Großreuth, denn dort bin ich konfirmiert worden.

MK: Welche christlichen Werte halten Sie für existentiell?
SÖDER: Der Begriff der Liebe und der Nächstenliebe. Das sind die zentralen Begriffe. Du sollst Gott lieben, du sollst dich lieben und du sollst deinen Nächsten lieben. Das ist nicht als eine Art romantische Beziehung zu verstehen, sondern einfach Akzeptieren und Annehmen des Menschseins. Ich glaube, dass dies auch die Basis für alle westlichen Demokratien ist. Denn der Begriff der Menschenwürde kommt genau aus dieser Liebe. Denn diese Liebe bedeutet auch Respekt. Ich achte dich, ich achte deine Werte, ich achte dich als Person mit deinen Stärken und Schwächen. Jeder Einzelne ist gleich viel wert, ob schön, groß, dick, dünn, intelligent, reich oder arm. Und natürlich die Barmherzigkeit. Da ergibt sich manchmal ein Spannungsfeld mit dem Staat, weil der Staat mehr für Gerechtigkeit steht. Aber beides zusammen, Barmherzigkeit und Gerechtigkeit, machen eine Gesellschaft stark.

MK: Welches Gebot ist Ihnen das liebste?
SÖDER: Politiker kämpfen manchmal mit den Geboten, die sich im hinteren Bereich bewegen. Nicht falsch Zeugnis reden – das wird, glaube ich, im Parlament manchmal gebrochen. Natürlich nicht von der CSU (lächelt). Viele Gebote sind für eine Gesellschaft unerlässlich, wie das Verbot des Tötens oder Stehlens. Aber ich bleibe dabei: Das erste Gebot ist wie der Artikel 1 des Grundgesetzes. Das ist Quelle und Auslegungsmaßstab für alles andere. Auch die anderen Gebote des Dekalogs basieren genau auf diesem Wert. Das ist sozusagen der geistige Urknall all dessen, was uns als Christen verbindet.

MK: Sind Sie schon einmal Ihrem Schutzengel begegnet?
SÖDER: Ich bin mir nicht sicher. Ich glaube, dass meine Mutter da eine Rolle spielt. Ich hatte irgendwann einmal das Gefühl, dass meine Mutter nach ihrem Tod in meiner Nähe war. Und ich hatte einige Begebenheiten in meinem Leben, die eigentlich schlecht hätten ausgehen können. Aber Gott hat mir immer geholfen.

MK: Was ist Ihre Lieblingsstelle in der Bibel?
SÖDER: Es gibt sehr viele. Aber ich finde das Neue Testament und die Bergpredigt sehr faszinierend. Und in den letzten Tagen Jesu ist einfach alles drin. Ich habe begonnen, mir die Bibel als Hörbuch anzuhören und sie damit neu verstanden. Mir ist dabei die Wucht und die Kraft der Worte besonders bewusst geworden. Das Matthäus-Evangelium ist mein liebstes.

MK: Schon mal gepilgert?
SÖDER: Nein, das will ich noch machen.

MK: Wie sieht das Söder’sche Paradies aus?
SÖDER: Jetzt könnte ich es mir leicht machen und sagen: Dass der Club Deutscher Meister wird ... Nein, für mich wäre das wahrscheinlich ein Wiedersehen. Ein großes Wiedersehen mit meinen Eltern zum Beispiel.

MK: Worum beneiden Sie einen Katholiken?
SÖDER: Ich bin gern evangelisch, und ich schätze meinen Landesbischof, aber einen Heiligen Vater haben wir halt nicht. Besonders schön sind dieses Zentrum der Christenheit in Rom und die Weltkirche. Dass aus allen Teilen der Welt unterschiedliche Generationen und aus allen Regionen der Welt Menschen rufen, wenn man in Rom bei der Generalaudienz ist, lässt keinen unberührt.

MK: 2017 ist das Lutherjahr. Welche drei Eigenschaften kennzeichnen in Ihren Augen den Reformator?
SÖDER: Zunächst: Kirche für alle! Kirche ist kein exklusiver Kreis von wenigen Gläubigen, sondern für alle da. Außerdem: der Begriff der Wahrheit und der Ehrlichkeit. Zum Evangelischsein gehört auch das Aussprechen von unbequemen Wahrheiten. Und ich glaube auch, dass Luther auch die katholische Kirche fundamental verbessert hat. Ohne Luther gäbe es vielleicht die christlichen Kirchen, wie wir sie heute haben, nicht mehr. Denn er hat ja auch die katholische Kirche dazu gebracht, sich damals wieder auf ihre Gläubigen zu besinnen.

MK: Luther war ein kompromissloses Kraftpaket. Wie viel Luther steckt in Söder?
SÖDER: In jedem Evangelischen steckt ein bisschen Luther. Dieses „Hier stehe ich und ich kann nicht anders“, das haben wir in uns. Außerdem tun wir uns einfach schwer mit dem Knien vor den Thronen der Macht.

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Die Autorin
Susanne Hornberger
Münchner Kirchenzeitung
s.hornberger@st-michaelsbund.de

Dieser Artikel gehört zum Schwerpunkt Heimat

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